Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Leon Chasanowitsch gestorben [Nachricht]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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226 MENORAH In den späteren Jahren wandte sich Chasanowitsch von aktiver politischer Tätigkeit ab und widmete sich mit Leib und Seele praktischer jüdischer Aufbauarbeit, insbesondere der Förderung des Ackerbaues unter den Juden. Er brachte längere Zeit in der Mitte der in Argentinien lebenden jüdischen Kolonisten zu. Über ihre Siedlungen veröffentlichte er ein Buch, welches in der jüdischen Welt großes Aufsehen erregt hat. Er bekannte sich darin als ein begeisterter Verfechter der Rückkehr der Juden zum Boden. Chasanowitsch war als einer der ersten bemüht, als die ersten Nachrichten über die grauenvollen Judenpogrome in der Ukraine in den Jahren 1919 und 1920, denen Zelintausendc jüdische Männer, Frauen und Kinder zum Opfer gefallen sind, in "Westeuropa eintrafen, das Gewissen der Welt wachzurütteln. Er sammelte und sichtete die den Pogrom betreffenden Materialien, die er dann auch veröffentlicht liat. In den letzten Jahren setzte Chasanowitsch seine ganze Persönlichkeit für die Verwirklichung der Ideen und Ziele der Gesellschaft ,,ORT" ein. 1 Prof. Dr. HUGO PREUSS | Am 9. Oktober ist Prof. Hugo Preuß in Berlin, im Alter von 65 fahren, einem Schlaganfall erlegen. Der Verstorbene gehörte einer altangesehenen jüdischen Familie an und blieb sein ganzes Leben hindurch ein treuer Sonn seines Volkes. Seine Galtin entstammt der Familie Liebermann, der ältesten jüdischen Familie Berlins. Hugo Preuß war nächst Rathenan nicht bloß der größte Jude in der deutschen Politik, sondern vielleicht der bedeutendste Politiker Deutschlands nach dem Umsturz des Jahres 1918. Alles, was in Deutschland nicht vom Antisemitismus verseucht ist, anerkennt diese Tatsache. Dennoch konnte er nur eine kurze Weile jenen Platz in seinem deutschen Vaterlande einnehmen, der seinen hohen Fähigkeiten gebührte. Aber während dieser kurzen Zeit hat Preuß als Reichsminister des Innern die Reichsverfassung geschaffen und damit das Fundament für die iunge Renublik gelegt. „Er wird in der deutschen Geschichte als einer der Männer fortleben, die in entscheidender Stunde das von seinen Führern verlassene deutsche Volk wieder aufgerichtet und in mutigem Glauben die Grundlage für eine bessere Zukunft gelegt haben." Daß Hugo Preuß darauf verzichtet hat, sich durch das berühmte Heinesche ..Entreebillet zur europäischen Kultur", die Stelle eines ordentlichen Un'versitätsprofessors und weitere Ministerporlefeuilles zu verschaffen, und daß er den oft an ihn herantretenden Verlockungen widerstand, das macht ihn dem Judentum wertvoll und sichert ihm bei seiner Nation ein ehrendes Andenken. EREZ JfSRAEL Die hebräische Universität in lerusalem ist durch ein amtliches Dekret der palästinensischen Regierung als „jüdische Kulturinstitution, die der Allgemeinheit zum Wohl» und zum Nutzen dient", offiziell anerkannt worden. * Professor Albert Einstein wurde zum Vorsitzenden des Akademischen Rates der Jerusalemer Universität bestellt. * Die Bnei-Brith-Loge in Jerusalem hat eine Gesellschaft zur Errichtung einer Gartenstadt in der Nähe Jerusalems begründet. — Auf dem Anfang Oktober zu Paris stattgefundenen III. Internationalen Städtekongreß war Tel-Awiw durch ihren Bürgermeister Disengoff vertreten. — Der Gouverneur von Jerusalem, General Storrs, verbot auf Grund eines alten türkischen Gesetzes die Abhaltung der Jom-Kippur-Andacht an der Klagemauer. Eine jüdische Abordnung kündigte deswegen dem General eine Gerichtsklagc gegen die Polizei wegen Störung des Gottesdienstes an. — Die palästinensische Eisenbahnverwaltung beschloß, Tel-Awiw zum Hauptknotenpunkt des palästinensischen Eisenbahnnetzes zu machen. — Im September sind nach Palästina 3609 Personen eingewandert. — Am Mittwoch, den 7. Oktober, wurde in Tel-Awiw die Handelsmesse des Nahen Orients feierlich erröffnet. Anwesend waren alle fremden Konsuln, Beamte der Regierung und auch zahlreiche Araber. Begrüßungsreden hielten jKolonel Kisch und Gouverneur Storrs. Der letztere führte aus, die Juden hätten die Ausstellung ohne jede Geldstütze seitens der Regierung organisiert, und sie verdienen alles Lob. Sie zeigten auch einen regen Kunstgeisl. — Zwischen Danzig und Palästina wurde dieser Tage die erste direkte Schiffahrtsverbindung eröffnet. AUS ALLER WELT Am 1 2. Oktober begann vor dem Geschworenengericht in Lemberg die 'Verhandlung gegen den jüdischen Studenten Wladislaw Steiger, der beschuldigt wird, am 5. September 1924 ein Attentat gegen den Präsidenten der polnischen Republik, Wojciechowski, der damals in Lemberg zu Besuch geweilt hat, unternommen zu haben. Vor Beginn der Verhandlung lehnte der Staatsanwalt die einzigen zwei Juden, die als Geschworene ausgelost worden waren, wegen Befangenheit ab. Diese Tatsache stempelt den Prozeß Steiger zu einem antisemitischen ..Judenprozeß" ärgster Sorte und stellt ihn dem Dreyfuß- Prozeß an die Seile. •v- Am 27. September wurde in Berlin über dem Portal des Hauses, Verlängerte Hedemannstraße 10, eine Gedenktafel für Walter Rathenau enthüllt. — Der jüdische Deputierte des polnischen Sejm, Wvszlicki, der an der Organisierung der Polizeimiliz in den Jahren 1915 und 1920 hervorragenden Anteil genommen hatte, erhielt dieser Tage einen hohen Orden. -—- Senator Leon Bourgeois, der sich seinerzeit für die Revision des Dreyfuß-Prozesses einsetzte, ist am 29. Seplember im Alter von 74 Jahren zu Paris gestorben. — Die indische Negergemeinde in Chikago, aus 300 Köpfen bestehend, beschloß eine eigene Synagoge zu erbauen. — Zwischen den indischen Freidenkern und den Orthodoxen in Warschau kam es am Jom-Kippur zu Zusammenstößen, bei wichen 20 Personen verletzt wurden. —■ Am Morgen des Jom-Kippur starb in Wien der Rabbi von Ozierna. Moses Mausohn, ein Neffe des Maggie! von Brodv, im 50. Lebenswahr. — Am 1 Oktober wurde in Bobruisk (Weißrußlands eine jüdische Arbeiteruniversitäl mit Jiddisch als Unterrichtssprache eröffnet. — Zu Piatra-Ncamtr und in Roman (Rumänien") bombardierten während des Kol-Nidrei-Gebetes antisemitische Studenten die Synagoge mit Steinen und zertrümmerten alle Fensterscheiben. Eine An/abl Andächtiger wurde erheblich verletzt. —■ Mitte September wurde in Berlin nach einem Vortrage des Herrn Dr. Julius Brut/kus eine Organisation der Zionisten-Revis'onisten für Deutschland ins Leben gerufen — Der XIV. Zionistenkongreß nnt der Stielt Wien einen Verdienst von 100 Milliarden Kronen gebracht. — Das aktive und passive Wahlrecht der Frauen für die Berliner üidische Gemeinde wurde angenommen. — Im neuen holländischen Seim werden die luden durch fünf Abgeordnete vertreten sein. Gewählt wurden: der Asud^st, Rabbiner Dobin in zwei Wahlkreisen, der Bundist Dr. Meisel. fW Misrachist Rnb. Nurok und von den Z.eire-Zion Dr Laserso-m. — Der berühmte Artist Sigmund R r e i b a r t, der ..Eisenkönig*. ist im Alter von 42 Jahren in Berlin gestorben. Fr pflegte einen Teil seiner Rieseneinnahmen notleidenden Ostiuden zuzuwenden. Rre'tbart wurde unter ungeheurer Beteiligung /u Grabe getragen. Die Bestattung übernahm die Gemeinde ..Hadas Jisroel" — In Lübeck verstarb Rankier Alexander Carl eh ach. Mitgründer der Weltorganisation Agudas Jisroel; sein Vater war der Lübecker Rabbiner Dr. S''inon Carl -b ich. WANDERUNG UND SOZIALE HILFE Der Verband für Gesundheitsschutz „Ose" unterhält in Rußland 87 medizinische Anstalten, die im 1. Halbjahr (1925) nicht weniger als 375.000 Besuche aufweisen. — In Wien wurde ein Komitee zur Unterstützung notleidender russischer Juden gebildet. — Die Wiener israelitische Kultusgemeinde und die Alliance J. U. leisten der Chaluzorganisation regelmäßige Beitrage. — Bei der letzten in Berlin abgehaltenen Emigrationskonferenz wurde folgendes Emigrationsclirektorium gewählt: Präsident: Dr. Miron Krainin, Vizepräsidenten: Dr. Oskar Cohn und W. Latzky-Jßertholdi. JÜDISCHE LEHRE UND LEHRER Anläßlich des 50. Geburtstages des hebräischen Dichters Saul Tschernichowsky fand am 7. Oktober zu Berlin ein Ehrenabend statt, an welchem die bedeutendsten jüdischen Literaten Berlins teilnahmen. — Der Rektor des Amsterdamer Rabbiner-Seminars, Louis Wagenaar, feierte Ende September seinen 70. Geburtstag. — Anfangs Oktober starb in Berlin der jüdische Schriftsteller Dr. Leopold Auerbach im Alter von 78 Jahren. — Der Dozent am theologischen Seminar in Breslau, Dr. Rabin, wurde zum Lektor für die Sprache des rabbinischen Schrifttums an der Universität in Breslau ernannt. — Am 6. Oktober starb in Cambridge Israel Abrahams, der erste in England geborene und ausschließlich dort herangebildete jüdische Gelehrte der neueren Zeit. Abrahams war Lektor für Talmud und jüdische Literatur an der Universität Cambridge. Seinen wissenschaftlichen Ruhm begründete er durch sein klassisches Werk: ..Jewish Life in the Middle Agc" (London 1896). — In Hamburg starb Rabbi Israel Lewin aus Bialvstock, ein verdienter Führer des geselzeslreuen Judentums in Polen. WISSENSCHAFT UND KUNST Mit Beginn des letzigen Semesters wird an der tschechischen Karls-Universität in Prag, und zwar heim Seminar für semitische Philologie dessen Direktor Prof. Dr. R. Ruzicka ist, ein Lekt or a t für N e u h e b r ä i s c h errichtet. Zum Lektor wurde Rabbiner Professor Dr. Isidor Hirsch bestellt. •r- Die üidis'hen Schriftsteller Salomon Gilbert uncl 1. M. Weißenberg, haben sich als Teilnehmer der Chauffeurkurse der Chaluz-Organisation in Warschau einschreiben lassen, um sich als Chauffeure ihren Unterhalt zu verdienen. — Am 76. September feierte der Schriftsteller Dr. Artur Kahn, Begründer der Chewa Kadischa in Berlin, seinen 75. Geburlstag. — Prof. Albert Einstein hat der hebräischen Nalionalbibliothek zu Jerusalem das unschätzbare Manuskript seiner ,,Allgemeinen Relativitätstheorie" sowie andere sehr wertvolle wissenschaftliche Schriften geschenkt. — Der weltberühmte Mus'kprofessor der Wiener Universität. Guido Adler, wurde von der österreichischen Regierung zum Vorsitzenden des Beelhoven-Komitees ernannt, welchem die Vorherr-itimu von Festlichkeilen aus AnLß des 100. Todestages Beethovens obliegt. — Dem im September verschiedenen Komponisten Leo Fall hat clie Wiener israelitische Kultusgemeinde ein Fhrenprab gewidmet. — Der indische Dichter Moritz Heimann, ein Schwager C.erhart Hauptmanns, starb am 22. September in Berh'n im Alter von 57 Jahren. Sein letztes Drama „Das Weib des Akiba" dürfte in dieser Saison von einigen deutschen Bühnen aufgeführt werden. — Der jüdische Arzt Dr. Madar Falkas aus Budapest erhielt den König-Umberlo-Preis der Universität Rologne für die letzte Arbeit über Orthopädie - — Das Fortune-Thcater in London wird in dieser Saison den zu einem D'ama umgearbeiteten Rom;m „Der König der Schnorrer" von J. Zangwill aufführen. — In Berlin verunglückte tödlich Prof. Felix Liebermann, ein Bruder des Malers Max Liebes-mann, ein üherzeugungstreiicr lüde, der auf dem Gebiete der historischen Forschung Bedeutendes geleistet hat. — Das Museum der Universität Philadelphia meldet, daß das in der Bibel erwähnte Haus Astharoths bei den Ausgrabungen in Palästina aufgefunden wurde. Dr. Int^. J. 1. Postowsky. bisher Privatassistenl an der Technischen Hochschule München, wurde -n die Uralische Technische Hochschule in lelatcrinhiirg berufen. Ein Schlußwort zum „ScklemieT' l/i Erledigung einer Korrespondenz, die aus dem Kreise der Förderer und Freunde der „Menorah" uns zukam, stellen mir gerne fest, daß die Herausgeher der „Menorah, illustrierte Monatsschrift für die jüdische hamilie" sehr bedauern, daß durch die Entgleisungen der Redaktion des „Schlemiel, Blätter für jüdischen Humor und Kunst", der als Beilage zur „Menorah" im Dezember v. J. erschien, wertvolle Gruppen des deutschen Judentums verletzt wurden. Dr. Norbert Hoffmann.