Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N ü R A H einem Spezialisten nach Wien und von dort in eines der böhmischen Bäder. Sie schien zu fühlen, daß sie uns nicht wiedersehen würde, denn nicht nur nahm sie bewegt Abschied von uns allen, sondern Mutter mußte ihr noch versprechen, sich ihrer beiden Töchter anzunehmen, wenn diese einmal ihres Beistandes bedürftig sein sollten. Die ältere war übrigens als Frau eines braven, fleißigen und grundgescheiten Kaufmannes in Loci/, gut versorgt, die jüngere, Klara, nahm Mutter, nachdem sie verwaist war, zu sich. Es war nicht immer eine ungemischte Freude für Mutter, die Verantwortung für die erteilten Ratschläge zu übernehmen, und es kamen zuweilen unerquickliche Szenen vor. Die änderten aber nicht das mindeste an Mutters Bereitwilligkeit der Familie gegenüber. Mit der Zeit war es allen Mitgliedern der Familie meines Vaters zur Gewohnheit geworden, den Rat der Fitem ----- von selten der Frauen in erster Reihe den Rat der Mutter — in allen wichtigen Fragen einzuholen. Immer war unsere Wohnung der Schauplatz von Familienberatungen, auch von Schiedsgerichten, wenn es Uneinigkeit unter denjenigen gab, die Kompagniegeschäfte machten. Einmal, als wir schon einige Jahre in unserem kleinen Hause wohnten, erkrankte Siddy schwer, und unser Arzt hatte Mutter nicht verhehlen können, daß es sehr bedenklich um das Kind stand. Vater war verreist wie so oft im Sommer, Mutter furchtbar müde und erschöpft nach mehreren schlaflosen Nächten und todtraurig, wenn auch ruhig. Der älteste Bruder war auf Ferien zu Hause, ein aufbrausender Mensch wie wir alle. Wir größeren Kinder schlichen alle aul den T ufsspitzen einher; ich saß gedrückt am Fester und stopfte; ich hatte das Kind lange umhergetragen und ihm gesungen. Da kam eine der 1 anten, die kurz zuvor ihr Hotel in Dz. an die Nordbahn verkauft hatten. Sie hatte immer so sehr darüber geklagt, daß sie dazu verurteilt sei, „auf dem Dorf" zu sitzen, wo sie ihre Kinder nicht einmal ordentlich erziehen könne; der Preis, den die Verwaltung der Nordbahn für das Hotel bot, das sie als Beamtenhaus einrichten wollte, war ein so günstiger, in B. konnten sie für die Hälfte der Summe ein ganz nettes Wohnhaus erstehen, und Onkel gedachte, den Handel mit ungarischen Weinen, den er aus dem F verstand, wieder aufzunehmen —- kurz, Mutter war unbedingt dafür gewesen, nachdem man alles gründlich erwogen hatte, daß die Familie nach dem nur eine halbe Bahnstunde entfernten B. übersiedle. Das war vor Jahr und Tag geschehen, aber sei es nun, daß Tante sich nach den Fleischtöpfen des Hotels zurücksehnte, oder daß der Weinhandel sich nicht als so lukrativ erwies, wie man gehofft hatte, es reute Tante Jeanette zuweilen, wenn von Dz. die Rede war. Heute mußte ihr etwas besonders Unangenehmes widerfahren sein, denn sie kam sehr aul geregt ins Zimmer und begann nach flüchtiger Begrüßung auch sogleich zu lamentieren: ,,Ach, Klara, allen rätst du so gut, nur ich hab' kein Glück bei dir. Mir hast du schlecht geraten. Ja, ich hab' schon einmal so ein Pech, daß selbst deine Klugheit mir nichts nützt." Mutter erwiderte ruhig, sie habe es damals sicher gut gemeint, übrigens ließe sich das nicht mehr ungeschehen machen; es würden schon wieder bessere Zeiten kommen, sie möge doch bedenken, daß ihr der Tausch auch viel Gutes gebracht habe, daß die vier Kinder jetzt regelmäßig und mit gutem Erfolg die ausgezeichneten Schulen besuchen könnten, ohne daß sie sich von ihnen trennen müßte usw. Aber sie ließ nicht locker. Darauf mein Bruder, in dem es schon kochte: „Übrigens Tante, ist die kleine Siddy schwer krank, und Mutter hat schon mehrere Nächte kein Auge geschlossen, lassen Sie sie also in Ruhe. Wenn sie Ihnen schlecht geraten hat, so brauchen Sie sie ja m Zukunft nicht mehr um Rat zu fragen." Mutter schickte den kecken Jungen hinaus. Als er an der I Lir war, sagte er wütend: „Und wenn Sie weiter keine Ruh' geben, dann — -—" mit einer bezeichnenden Handbewegung nach der Tür. Der Arme bekam eine Ohrfeige für sein unerwünschtes Dazwischentreten, Tante war sehr betroffen, entschuldigte sich und ging bald fort. — Auch eine andere Verwandte pflegte sich in schwierigen Lagen bis zum Tode der Unvergeßlichen Rat von ihr zu holen; so einmal, als ihr das unverschuldete Unglück widerfahren war, daß ihr Mann Konkurs ansagen mußte. In ihrem Bestreben, es Mutter nachzutun und sich nicht niederdrücken zu lassen, tat sie so harmlos und sprach von dem Geschehnis mit so stolzer Würde, immer betonend, daß sie durch ihre Lebensführung keine Schuld an dem Unglück trage, daß Mutter nicht länger an sich halten konnte und ihr erwiderte: „Liebes Kind, du hast ja im Geschäft mitgearbeitet und mußtest sehen, wie es kam, aber ich will gern glauben, daß du nicht die Schuld daran trägst. Es ist auch sehr gut, daß du es nicht als Schande, sondern nur als unverschuldetes Unglück betrachtest, aber so darfst du dich wieder nicht geberden, als verdiente dein Mann einen Orden dafür." Nie war sie verlegen oder ratlos, immer wußte sie Mittel und Wege zu finden, um zu helfen. Die Schwägerin, deren ältestes Kmcl m unserem Flausc das Licht der Welt erblickt hatte, stand wieder einmal obclach- und subsistenzlos da. Nach einer kurzen Beratung mit Vater machte sich Mutter auf den Weg zum größten Spezereiwarenhändler der Stadt und kehrte befriedigt heim: sie hatte alles erfahren, was sie wissen wollte. Sie bat Vater um tausend Gulden, mietete in der Obervorstaclt, wo das Bedürfnis nach einer Greislerci vorhanden war, einen kleinen Laden mit anstoßender Wohnung, lichtete alles ein und führte dann die Schwägerin in ihr nettes neues Heim. Es ging derselben dort ganz gut, solange sie mit ihren beiden Kindern allein war: wie der Mann ciazukam, der wohl Bedürfnisse hatte, aber nichts verdiente, der also öfter über die Geldlade ging, um etwas herauszuholen, nie aber, um etwas luneinzutun, ging es wieder bergab. Mutter erfuhr nun, daß er in schlechter Gesellschaft Karten spiele. Sie ließ ihn zu sich bitten, und da er ihr zu großem Danke verpflichtet war, sie auch höchlich bewunderte, kam er. Er küßte Mutter galant die Hand — das verstand er ebensogut wie Verse reimen — aber sie ließ sich nicht beirren, sondern sagte ihm gründlich ihre Meinung. Er entschuldigte sich damit, daß er nur aus Verzweiflung darüber, daß er keine angemessene Stellung finde, Karten spiele. „Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle aus Verzweiflung täte?" entgegnete Mutter: „ich würde aus Verzweiflung Holz hacken. Da würde ich meine ganze Verzweiflung hineinlegen, daß che Späne nur so flögen." Man machte noch einen Versuch. Mutter reiste nach Wien, mietete dort eine Wohnung, richtete sie ein und gab der hamihe ihre beiden ältesten Jungen in Pension, denn sie kamen gerade nach Wien, Leopold um Jus, Moritz um Mathematik zu studieren. Tante erhielt eine bestimmte, durchaus nicht knappe Summe monatlich zum Bestreiten des Haushalts, so daß die Tamilic „mitleben" konnte. Onkel mußte sein Wort verpfänden, ein paar Stunden zu geben und so seine persönlichen Bedürfnisse zu bestreiten. Eine Stunde, bei einem Milchmeier, hatte Mutter ihm vorsorglich selbst verschafft: dafür bekam er kein Geld, sondern fünf Liter Milch täglich ins Haus gestellt. Am liebsten wären ihr, sagte sie, lauter solche Stunden gewesen. Auch das ging eine Zeitlang, dann mußte Mutter wieder nach Wien, um Ordnung zu schaffen, als alles wieder drunter und elrüber ging. Das Ende war traurig: Onkel kehrte in sein Elternhaus zurück, Tante suchte Schutz bei einer Schwester: der Junge hatte eine Stelle in Wien angenommen, die Tochter wurde von einer Tante ins Haus genommen. Das änderte übrigens an dem guten Einvernehmen der Gatten nichts. Onkel starb schon nach kurzer Zeit. Tante folgte ihm bald nach. (Fortsetzung folgt.) DEUTSCH- ENGLÄNDERIN in T>ann.-tadt wohnend, nimmt zwei Iiis drei junge Madchen Pensionärinnen auf Crundliche luusu irt.,ch;1 tiliche und in-dl- ,-rli au liehe Au.-bil'.lung. Kultische Konversion. Kr.-tc Keferen/en ROSIE" KAPP DARMSTADT, Heinrichstr. 65 | FR 1:1 BURG I. 13. j Tel. 1881 Goctliestrofic S Tel. 1S81 ■! TÖCH'IMPPNSIONÄT j! 5 \ COHN-BERN STFJN j; Höhere TödHer- und TonbiltUt-ssJuile. Vor-; hereimnR für Gymru.siuni und Abnurienien. " 2 l:i«ene Villa mit G.irirn. lirsto Verpl^m^ L:rs.e Refen-nxer, l Wer jetzt Stoffe kaufen will!§g;!gl Kann & Fried WIEN, VI., Linke Wienzeile 40 (im Hofe).