Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Ein hebräischer Atlas [Rezension]
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 MENORAH FRAUENWELT lung der deutschen Kartentechnik eine mit allen Finessen ausgestattete Ausführung liefern. Alles in allem: ein Atlas von guter europäischer Qualität, gestempelt mit dem Siegel hebräischen Geistes und jüdischen Nationalbewußtseins. Dr. Hermann Glaser. DIE KETUBAH IN IHRER GE¬ SCHICHTLICHEN ENTWICKLUNG. Dr. M. Gaster, London (Rimon-Verlag für Kunst und Literatur, Berlin-London 1923. Künstlerische Redaktion Rahel Wischnitzer- Bcrnstein. Übersetzt aus dem Englischen ins Jiddische von Dr. R. Seligmann. Es ist immer erfreulich, wenn ein Autor für das Thema begeistert ist, das er darstellen will, und man sieht es ihm gerne ein wenig nach, wenn er seiner Sache große Bedeutung beimißt. Dr. Gaster hat aber vergessen, daß seine Ausführungen einerseits über das Ziel hinausschießen — Überschätzung der Bedeutung des Inhaltes —- und dabei einen wichtigen Teil — die äußere Gestalt — vollständig vernachlässigen. Die ungleiche Wirkung wird durch die acht Abbildungen besonders hervorgehoben. Wegen des ziemlich gleichförmigen Inhalts der Ketuboth hätte der Verlag sich diese Unkosten eigentlich nicht machen brauchen! Es sind eine Anzahl Reproduktionen, vier in Farben, nach Ketuboth aus Ancona, Fostat, Gibraltar, Krems, Rivarolo und Rom beigegeben. Die reproduzierten Exemplare entstammen der Sammlung Dr. M. Gasters und der Bodleianischen Bibliothek in Oxford und werden zum ersten Male veröffentlicht. Was der Historiker aus einem alten Aktenstück herauszuholen imstande ist, zeigt die Studie über die Ketubah. Kulturelle, soziale Zusammenhänge, wirtschaftliche Zustände erstehen aus den Pergamentblätlem, von denen manche bis ins zehnte Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung zurückreichen. Es ist das der erste Versuch einer populären Darstellung der Eigenheiten der historisch und folkloristisch so bedeutsamen hebräischen Heiratskunde. Toeplitz. „BIBLISCHE PUPPENSPIELE" von ALBERT BAER, Figuren von Käthe Baer. Herausgegeben von Keren Kajemeth Lejisrael im Verlag Aufbau, Berlin.*) Drei recht muntere und ausgezeichnete Spiele: Joseph und seine Brüder, David und Goliath, Salomo und die Königin von Saba. Diese Spiele sind schon eigentliche Theaterstücke, in Akte und Szenen gegliedert, bestimmt für häusliche Aufführung. Der Stofl ist, wie schon der Titel besagt, der Bibel entnommen und — man kann es ruhig sagen — vorzüglich verarbeitet. Bei allem Humor durchzieht die einzelnen Stücke ein Ernst, wie er der Quelle würdig ist, aus der sie geschöpft wurden. Mit Recht meinen daher die Verfasser in ihrem Vorwort, daß diese Puppenspiele auch Erwachsenen Interesse abgewinnen könnten. Sicherlich aber können sie sehr viel dazu beitragen, bei den Kindern die Kenntnis der biblischen Gestalten zu vertiefen. —n—r. *) Siebe Nr. 7 und 8 9 de. „Mem.rali", wo einzelne Serien ,.us diesen Spielen abgedruckt erscheinen. Unsere Mutter Von A. K. (f.. Fortsetzung) 6. Kapitel. FREMDE NOT Mutter hatte einen außerordentlich entwickelten Familiensinn und betonte uns Kindern gegenüber immer, zu allererst müsse man der eigenen Familie helfen. Charity begins at home. Und da leistete sie viel. Sie war gut zehn Jahre jünger als die jüngste ihrer Schwägerinnen, aber alle, alle kamen im Laufe der Jahre, als sie längst verheiratet waren und selbst erwachsene Kinder hatten, auch in geschäftlichen Angelegenheiten zu ihr, um ihren Rat zu erbitten. Es ist nicht allzuhäulig zu finden, daß die älteren Schwestern eines vergötterten Bruders so gut stehen mit seiner Frau, die anfangs ihren Begriffen von einer tüchtigen Hausfrau unmöglich entsprochen haben konnte. Auch die Söhne und Töchter dieser Frauen haben unserer Mutter allezeit die tiefste Verehrung bewiesen. Was tat sie aber auch für die Familie! Eine Schwester des Vaters war in einer kleinen Stadt in Rußland verheiratet und hatte den sehnlichsten Wunsch, ihre beiden ältesten Söhne im Ausland, in „Deutschland" erziehen zu lassen, im stillen von der Hoffnung erfüllt, daß sie später vielleicht in das aufblühende Geschäft meines Vaters eintreten könnten. Meine Mutter setzte der schüchternen Frage des Vaters nicht den leisesten Widerstand entgegen, sondern nahm bereitwillig die beiden Knaben für mehrere Jahre in ihr Haus auf. Man bedenke, die Verhältnisse waren damals durchaus nicht glänzend, die Wohnung knapp, der Kinder bereits fünf im Haus, eines doch immer unterwegs. Und sie hatte viel Mühe, das verhehlte sie uns nicht, wenn sie später von dieser Zeit erzählte. Aber sie betonte immer, Vaters Familie sei auch die ihre, und jeder sei verpflichtet, nach Möglichkeit den andern beizustehen. „Einer für alle, alle für einen," war ihr Grundsatz, dem sie immer treugeblieben ist. Einige Jahre später — da hatten wir schon einen großen schönen Salon — lud sie den Sohn einer Schwägerin, die in D. ein großes Hotel hatte, zu sich ein. Der hübsche Junge hatte irgendwie Skorbut erwischt, der Arzt Dr. S,- zu dem wir später auch in verwandtschaftliche Beziehungen traten, bestand darauf, daß der Knabe aus der etwas sumpfigen Gegend sofort entfernt würde — selbstverständlich kam er zu uns. Mutter stellte ein Bett in den Salon und pflegte ihn mit geradezu rührender Hingabe. Jede Handreichung machte sie selbst, kein Dienstbote durfte an das Bett heran. Ich erinnere mich, wie sie täglich selbst schwarze Rettige schälte und auf dem Reibeisen rieb — den Saft bekam der Kranke zu trinken. Wochenlang blieb er bei uns. Ein andermal war die jüngste Schwester meines Vaters sozusagen obdachlos. Ihre Eltern waren längst tot, und sie hatte einen jüdischen Gelehrten, den Sohn eines berühmten Rabbiners geheiratet, mit dem sie in einem kleinen ungarischen Nest lebte. Sie stand vor ihrer eisten Entbindung. Nun weiß ich nicht mehr, warum sie nicht zu Hause bleiben konnte, ich glaube, ihr Mann mußte eine Reise unternehmen und sich wegen eines Postens vorstellen, oder aber er mußte wegen Mangel an Subsistenzmitteln zu seinen Eltern zurückkehren — da kam sie ohne weiteres zu uns. Mutter legte sie in ihr eigenes Bett, obwohl sie selbst damals einem freudigen Ereignisse entgegensah, und dort wurde meine Cousine geboren, die mit ihrer zarten Mutter noch wochenlang bei uns blieb. Mutter halte damals selbst schon drei Kinder und eine winzige Wohnung. Man bedenke die Mehrarbeit, die aus einem solchen Zuwachs selbst einem reichen Haushalt erwächst! Ohne Murren nahm Mutter — denn diese Mehrarbeit mußte sie leisten; es wurde kein neuer Dienstbote ins Haus genommen -— diese Last auf sich. Als unsere Jüngsten schon halberwachsen waren, besuchte uns einmal ein russischer Vetter, der eben seine Matura hinter sich hatte, der Sohn eines der beiden Neffen, die vor Jahren gastliche Aufnahme in unserem Elternhause gefunden hatten: Mutter behielt ihn die ganzen Ferien über in unserem kleinen Gastzimmerchen. Mit diesen liebenswürdigen Verwandten blieb ich als Einzige der Familie bis heute in Verbindung. H. S., Vaters Neffe, hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Alle drei studierten Medizin, die Tochter in Bern. Sie reiste öfter durch Wien, und da sahen wir uns; natürlich nahm ich das junge Mädchen gern bei mir auf. Wie ist mir dies gelohnt worden! Unser Sohn, der im Jahre 1915 einrückte, hatte neun Monate an der russischen Front gekämpft und war ciarauf bei Luck in Gefangenschaft geraten, in der er zwei Jahre schmachtete. Er machte zwei Fluchtversuche, die mißglückten, dann erinnerte er sich der Verwandten in S., erbat sich Geld von ihnen und erhielt es umgehend. Er entfloh aus Beresowka, zunächst nach S. Sie nahmen nicht nur ihn, sondern auch seinen Kameraden gastlich in ihrem Hause auf und behielten beide drei Wochen bei sich. Sie wollten ihn auch dann noch nicht ziehen lassen, aber unser Sohn ließ sich nicht mehr halten und kam glücklich nach Wien. Der einzige Sohn von Mutters einzigem Bruder kam auch im Alter von zwölf Jahren zu uns; er absolvierte die Realschule, dann die Handelsakademie in Wien und kam schließlich zu Onkel Sch. nach Leipzig in das Speditionsgeschäft. So wurde er einer der Erben — Tante und Onkel hatten keine Kinder — und Inhaber der alten Firma, an deren Spitze er heute noch steht. Als er schon in Leipzig war, erkrankte seine Mutter Seide und man brachte sie nach dem Auslände, damit sie dort medizinische Kapazitäten konsultiere. Zueist kam sie zu uns. Sie Mar eine reizende, sympathische Frau, der man die Spuren großer Schönheit noch deutlich ansah; uns Kindern gefiel der hübsche Name „Seide" so gut, und daß sie unsere Mutter so liebte, ja, verehrte. Sie sah zu ihr, der energischen, stets arbeits- und hilfsbereiten, raschentschlossenen und doch noch jungen Frau mit last schwärmerischer Bewunderung empor, und sie fühlte sich so wohl bei uns, daß sie gar nicht fortwollte. Aber sie mußte zu