Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1925)
- Article
- Die Monate des Jahres in der volkstümlichen Deutung
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 207 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 207 V. Kurrein / Die Monate des Jahres in der volkstümlichen Deutung Der Kalender zeigt nicht lauter gleichwertige Tage an. Es gibt hochwertige und wichtige, die einer besonderen Einstellung bedürfen. Ihnen werden gleichsam Herolde vorausgesandt, die Ankunft der Fürsten zu verkünden. Solchem Zwecke werden auch die Namen der Monate dienstbar gemacht. Aus dem Namen soll Inhalt und Bedeutung erkannt werden. Der 1. Nissan ist der unverrückbare Markstein für die Ansetzung der Feste. Schon die Thora (Ex. 12, 2) bezeichnet diesen Monat als ,.Haupt der Monate", als „ersten unter den Monaten des Jahres". In dem angeführten Bibelverse steht das Wörtchen uzzh' ,,euch", dessen sich die Deutung bemächtigt hat, um diesen königlichen Rang des Monates kundzutun. Denn die drei Buchstaben ergeben in Umstellung das Wort ""jbE" ,, König'4. Nissan bringt Pessach und rückt darum in die vornehmste Stelle eines „Königs" unter den Monaten. I i j a r ist der Bliilenmonat, dem der S i w a n folgt. Weil in diesen Monat das Offenbarungsfest fällt, wollte ihm Maharil (S. 55b) den Königstile! zuerkannt wissen. Er ist der dritte Monat. R. Josua bar Nachmeni hat gelehrt: Alles ist „Drei". Die Thora besteht aus drei Teilen, Thora, Propheten und Hagiographen, die mündliche Überlieferung ist dreifach: Talmud, Halacha, Agada; der Vermittler sind drei: Mirjam, Ahron und Moses; das Gebet ist dreierlei: abends, morgens und mittags: die Heiligung Gottes besteht aus dreifachem Heilig; Israel besteht aus drei Teilen, Priester, Leviten und Israel; der Name Moses und Lewi aus drei Buchstaben; der Stammväter sind drei, Abraham, Isaak und Jakob- Gegeben wurde die Thora im dritten Monat in der Wüste Sin, deren Namen aus drei Buchstaben besteht und drei Tage sollte Israel sich dazu heilig halten. Das Volk hat das Sprüchlein geschaffen: „Dreifach ist ludenrecht." Taraus ist der heißeste Monat des Jahres. Der Talmud sagt: „Den Esel friert es auch im Tamus", d. h. er merkt die größte Hitze nicht. Sprichwörtlich wird dies auf einen stumpfen Menschen angewendet, der nichts merken will. Die Zeit vom 1 7. Tamus bis zum 9. A b nennt man in Anlehnung an die Stelle Klagelieder 1, 3 „All ihre Verfolger erreichen sie in den Grenzen", wie schon Raschi zur Stelle bemerkt, „Ben hamzorim", da dieses Wort einen Doppelsinn hat und auch „in der Enge, Not" bedeutet. Die Zeit der einstigen Kriegsnot zwischen Belagerung und Einnahme der Stadt Jerusalem gibt sich in den Nöten und Entbehrungen, die die Trauer auferlegt, kund. Die Zeit gilt auch im Volksglauben als Unglückszeit, in der man nach sieben Uhr abends (beziehungsweise von 4 bis 9 Uhr) nicht allein ausgehe, die Lehrer die Kinder nicht züchtigen sollen, da Keteb meriri in dieser Zeit herrscht. — Der Monat E 11 u 1, bar jedes Fest- oder Fasttages, gelangt als Vorbereitungszeit für die hohen Feste zu Ansehen und Bedeutung. „Das Hörnchen läßt sich hören", sagt der Volksmund, wenn er das Herannahen der LIerbstzeit meint. „Es slichezt". sagen die Leute, wenn die rauhere Witterung der Zeit einsetzt, da man die „Selichot". Bußgebete, vor Neujahr verrichtet. Abkehr vom Weltlichen, Verinnerlichung ist die Vorbereitung für die „ehrfurchtgebietenden Tage", die der Schofarton morgens und abends in die Erinnerung ruft. Im Propheten Arnos (3, 8) heißt es: „Der Löwe brüllt, wer sollte nicht fürchten?" Das Wort arie (Löwe) ist das Merkwort für EIIul, Roschhaschana, Jörn kippur, Hoschana rabba, vier Wörter, die das unter dem Bilde des Löwen gedachte göttliche Gericht begrenzen. Von Anfang Ellul bis Hoschana rabba wird täglich Psalm 27 gebetet. Das dort Vers 13 vorkommende hebräische Wort •tfS'.S' ist im Texte durch sogenannte puneta extraordinaria als unecht bezeichnet und macht Übersetzern und Erklärern etliche Schwierigkeit. Die Deutung ist sinnig zu Werk gegangen. Von links nach rechts gelesen ergeben die vier Buchstaben den Namen Ellul. „Im Ellul vertraue ich, die Güte Gottes im Lande der Lebenden zu schauen." —- Zwischen Roschhaschana und Hoschana rabba werden die Wochenabschnitte Nizabim-wajelech, Ha'asinu gelesen. Die Verse Deut. 30, 6 „Golt wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommenschaft beschneiden", und Deut 32, 5 „Verderben ist bei ihm (Gott) nicht", zeigen in dem ersteren Falle in den Anfangsbuchstaben der vier Wörter rs: "i;1? rx" in letzterem, indem man die zwei Wörter "N1? ,,L" von links nach rechts liest, den Namen Ellul. Die aus dem Gebete reichlich bekannte Stelle Jes. 59, 20. ,,Es kommt für Zion ein Erlöser'und für die, die sich von Schuld bekehrt haben in Jakob" enthält in den beiden Wörtern ,;",£7* durch die zwei letzten und zwei ersten Buchstaben den Monatsnamen Ellul. Innerer Sinn der Deutung ist unschwer zu erkennen. Die innige Liebe, die gerade in dieser hohen Zeit zwischen Gott und Israel herrscht, deutet die Stelle Hoheslied 6, 3 an: „Ich gehöre meinem Geliebten, mein Geliebter gehört mir", in der die Anfangsbuchstaben der vier Wörter des hebräischen Textes die gleiche Lesung „Ellul" ergeben. Die Worte Esther 9, 22 „einer dem anderen und Gaben an die Armen", in selber Weise den Namen Ellul aufweisend, bringen die Pflicht der Verbrüderung und Wohltätigkeil in Erinnerung. - Tischri ist der Festmonat, der fast zur Gänze von heiligen Zeiten ausgefüllt ist. Sehr passend ist für ihn als Jahresanfang die Stelle Deut. 11,12 „Gottes Augen wachen darüber vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres" gewählt. Hier ist auffallenderweise das Wort „Reschilh" ohne Aleph geschrieben, so daß es in Umstellung den Monatsnamen Tischri enthält. Von Tischri bis Ende des Jahres wacht Golt über das Tun der Menschen. Er bringt den Gerichtstag; in diesem Sinne wird Gen. 8, 4 „Die Arche ruhte im siebenten Monat" (Tischri") herangezogen. Einst bei der Sintflut bedeutete der siebente Monat das Ende des göttlichen Gerichtes, da<; eine sündige Menschheit vernichtete. Durch Buße und Umkehr im siebenten Monat wird das Verhängnis beseitigt. Vor den hohen Festtagen soll der Mensch Zedaka üben, Almosen geben. Der Vers Deut. 1 6, 20 „Nach Gerechtigkeit (zrdek) sollst du streben, auf claü du lebest und das Land in Besitz nehmest" enthält das Wort „joraschto" „Du wirst in Besitz nehmen", das rückwärts gelesen „Tischri" ergibt. Die Zedaka, die man im Tischri übt, verleiht Leben. Dem „joraschto" geht im Texte ein ""' voran, das dem Zahlenwerte nach 6 bedeutet. Rechnet man Sabbat und Festtage, an denen man Geld nicht geben darf, von den 10 Bußtagen ab, bleiben sechs Werktage. An diesen sollst du Almosen geben. — Cheschwan ist Regenzeit. Der ursprüngliche Name des Monates war Bul. der, wie schon Raschi sagt, auf seinen Regenreichtum hinweist. Deshalb verbindet die Deutung den Namen mit dem Worte „mabul" „Sintflut". Nach der Sintflut hätte es Jahr für Jahr 40 Tage lang Regen "<u,,;"">' gegeben, bis Salomo das Heiligtum aufstellte und durch sein Gebet das Aufhören des Regens bewirkte. — K i s 1 c v ist der Monat des Chanukkafestes. Der Volkswitz sagt, er sei der einzige Monat, in dem „Kis" (Beutel, Portemonnaie) und „Lev" (Flerz) nebeneinanderstehen, was sich gewiß darauf bezieht, daß man an dem Feste die Opfer der Fürsten (Nun). 7) vorliest. Die Reichen haben gegeben! — ,,T c b e t und S c h w a t halten ihren Prat", sagt ein Wort des Volkes. Die Tage werden lang und die Kälte setzt ein. Der Talmud sagt: „Es ist gut für das Jahr, wenn Tebet im Witwenstande (d. h. ohne Regen) ist." Der Neumond von Tebet ist Ausgangspunkt verschiedener Wetterregeln und Jahresprognosen. •— ..Wenn Adar eingeht, mehrt sich die Freude." Im Adar ist Purim. Wcadar erscheint im Schalljahr. Schaltjahre gelten als unglückbringend, was auf die beliebte phonetische Deutung des We — Weh zurückgeht, also Wch-Adar! Der Kalendermachcr schließt vorsichtig seine Deutung mit dem beherzigenswerten Spruche: „wehaeol bide rchomaim", „Alles liegt was sie uns bringen! Gottes Hand." — LIn Tai?mwm^m