Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1925)
- Article
- Glückel von Hameln [Illustration]
- Date
- 1925-08-01
- Page
- Seite 186 (sequence 1)
- Language
- German
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186 MENORAH L. PILICHOWSKI (Palästina) GLÜCKEL VON HAMELN Leopold Pilichowski in Palästina Das Ostjudentum ist heute zum Zerrbilde seiner selbst worden. Die Pogrome in der Ukraine und die Verfolgungen und Angriffe auf die Wirfechaftsbasis in Polen sowie in Sowjetrußland haben die Judenheit deroutiert; der Zusammenhang mit der lebendigen Tradition wurde bald unter dem unerträglichen Drucke der feindlichen Umwelt, bald aus der Stimmung der Verzweiflung und Richtungslosigkeit heraus aufgegeben, ohne daß es möglich gewesen wäre, die Energien, die vielleicht gerade solcherart frei wurden, zu einer positiven Auswirkung zu bringen. Gilt dies auch mit Einschränkungen, so gilt es doch für den größten Teil der wandernden Massen und ist daher hier in Palästina besonders fühlbar. Glücklicherweise ist aber die konservative Weltanschauung, die allen Trugschlüssen zu Trotz es ist, die das Judentum durch die Jahrhunderte vor Kernfäule bewahrt und den alten Stamm zu ständigem Treiben und Blühen gebracht hat, noch vielen Herzensbedürfnis und Postulat. Zu diesen gehört der Maler Leopold Pilichowski. Sein inniges Verhältnis zu den geheimnisvoll rauschenden Quellen der jüdischen Tradition spricht aus seinem Schaffen, das der „Bezalel" anläßlich Pilichowskis Anwesenheit in Palästina in den 56 Nummern der Wanderausstellung in instruktiver Weise ergänzt durch ein Album photographischer Reproduktionen weiterer Werke dem hiesigen Publikum vorführt. So ist Pilichowski bemüht, mit den Mitteln seiner begnadeten Muse ein Lehrmeister des Jischuw zu sein, indem er ihm das Verständnis seiner Arbeit und hiedurch seine Ideale vermittelt. Er ist in dieser Hinsicht wohlbekannt. Sein „Jomkippur" „Sukkoth", „Schima Jisroel", „Vertrieben . . ." sind in zahlreichen Reproduktionen verbreitet, Pilichowski malt das traditionelle Leben, die Männerklausen mit ihren verzückten Betern, dem ekstatischen Schrei, dem Ringen mit den Anfeindungen des Lebens, der Demut und Unterwürfigkeit des zu Gott Zurückkehrenden. Es ist geradezu überraschend, wie es ihm gelingt, schon in dem einen Gemälde „Schma Jisroel" aus den fast ganz in die Tallessim gehüllten Gestalten der inbrünstigen Gemeinde einige hervorzuheben und in der angedeuteten Weise zu charakterisieren. Es wäre unmöglich, hätte Pilichowski nicht in dem Schatze unvergeßlicher Erinnerungen, die ihn von dem polnischen „Städtel" seiner Jugend nach Warschau, München, Paris und London begleiteten, schürfen können. Pilichowski malt die stillen Freuden der alljährlich wiederkehrenden Feste; er malt die Wehmut und den Ernst der sich gleichbleibenden und doch so bedeutungsvollen Familienercignisse. In der „Jüdischen Hochzeit" hat Pilichowski aus den abwechslungsreichen Szenen der Feierlichkeit gerade die herausgegriffen, da der Badchen dem jungen Bräutigam „Musser redt". Dieser hält weinend sein Gesicht in den Händen, ergriffen von den Pflichten eines jüdischen Hausvaters, an die ihn der Redner erinnert. Der Rebbe mit geschlossenen Augen ihm zur Seite, die Männer, aus deren Mienen der Widerhall dieser Worte spricht, um den Tisch, auf dem Aquavit und Zwieback stehen, die neugierigen und teilnahmsvollen Zuhörer und Zuhörerinnen, und die Musikanten im Hintergrunde vervollständigen das Genrebild. Ja, ,,nur" ein Genrebild, aber es hat einen ganzen Künstler und Menschen erfordert. „Die Söhne der Thora"' und die „Töchter Israels" — Pilichowski spricht einfach vom „Besmedresch" und der „Weiberschul" — erfassen die ganze schlichte Schönheit einer vergehenden Zeit. Die den Worten aus der „Jenerem" lauschenden Mädchen und Frauen in ihren einfach-edlen Gewändern und die in die Weisheit des Talmud vertieften Männer und Jünglinge sprechen von dem Glück harmonischer Vollendung. Und wenn in beiden Gemälden die Hauptfigur träumend ins Weite sinnt, können wir doch überzeugt sein, daß ihre Sehnsucht und ihr Weg nicht Umsturz, sondern Fortschritt im Sinne der Erweiterung des geistigen Horizontes über Familie und Städtel hinaus, bedeutet. Um so zu malen, muß man das Volk und die Überlieferung vom Herzen lieben. Hier spricht einmal das Sujet in Wahrheit von dem Fühlen des Künstlers. Pilichowski ist in vielen Schulen und mancher Technik zu Hause. Er ist unabhängig in seinem Schaffen und sein „Kol-Nidre" hängt in der Luxemburg-Galerie in Paris, sein „Jomkippur" hat das Museum für Moderne Kunst im Haag erworben. Der modernsten Malerei weicht er allerdings konsequent aus und so verleugnet er niemals seine traditionelle Lebensauffassung. In der Hauptsache enthält die Ausstellung eine Reihe zeitgenössischer Porträts bedeutender Juden, so von Einstein, Sokolow, Achad Haam, Rabb. Ehrenpreis, Herbert Samuel und anderen, auch von Sir Mark. Sykes (dem Unterzeichner des Sykes-Picot-Vertrages über die Grenzen Palästinas und Syriens). Ist auch diese Zusammenstellung berechnet, das Interesse des Publikums zu wecken, gibt sie doch in der Mannigfaltigkeit der Ausführung von der Studie und Bleistiftskizze zum Salonporträt ein Bild vom Können des Ausstellers und wird durch einige Landschaften, Akte, Stilleben und Charakterköpfe zu einem vollen Eindrucke abgerundet. Die Ausstellung enthält auch eine Studie „Felsen", die durch ihr palästinensisches Kolorit auffällt. Trotzdem ist sie zu einer Zeit entstanden, da der Künstler noch ferne von der Küste die er malte, weilte. Die ahnungsvolle Erfassung der tausendfarbigen palästinensischen Landschaft ist ein günstiges Omen. Wenn Schiller im „Wilhelm Teil" imstande war, ein überraschend anschauliches Bild von der Erhabenheit der schweizerischen Gebirgs- und Seenwelt zu geben, hat er immerhin nur der Phantasie des Lesers den Rahmen und das herrschende Detail geboten, und zu bieten gebraucht. Schon um der allgemeinen Möglichkeiten der Malerei willen ist daher die Leistung Pilichowskis höher einzuschätzen, dessen Studie den unverkennbaren Charakter Palästinas aufweist. Gerade der kunstferne Beschauer, der vor das Bild, mit dem Wunsche es zu lokalisieren, tritt, wird unbedingt den palästinensischen „Fundort" annehmen. Sollte es Pilichowski gelingen, nunmehr während seiner Anwesenheit im Lande, die Farben des Bodens, die durchsichtige Luft und den weiten Horizont als innerlich gefestigten Besitz sich zu erwerben, dann kann er bei seiner im Judentum verankerten Kunst ein Werk hinterlassen, das die malerische Epopöe unseres Kampfes und unseres Leidens um Zion bilden wird. A. E—r.