Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Theodor Herzls Lehrjahre [Rezension]
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 2)
- Language
- German
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M E N O R A H 163 schichtsbildenden Impuls bekommen. Friedrich der Große und Napoleon, Goethe und Schiller, haben wie der große Alexander einst den Homer, Plutarchs Werke stets bei sich gehabt und aus seinen leuchtenden, unsterblichen Charakteren immer wieder neuen Tatendurst in ihre Herzen dringen lassen. Diese kurzen Erwägungen mögen in einer Hinsicht die Bedeutung der Lebensbeschreibungen überhaupt kennzeichnen. „Theodor Herzls Lehrjahre" ist hingegen eine Biographie sui generis. Sie gehört — und verringert das etwa ihren Wert? — zu jenen Darstellungen, von denen man nicht erst zu versichern braucht, daß sie wirklich ,,sine ira et studio" g eschrieben worden sind; sie ist zu der Gattung von Biographien zu zählen, bei deren Abfassung sonst durch eine weite Distanz von der Gegenwart ein persönliches Verhältnis für den Biographen bereits ausgeschaltet erscheint und der in den Katakomben der Geschichte und im Staub der Handschriften nur noch wühlt und sucht, um die reine Wahrheit zu finden, um der Wahrheit willen. Daß die Voraussetzung eines mangelnden persönlichen Verhältnisses und eine solche der Distanz für die vorliegende Biographie nicht zutrifft, erhöht nur noch die Bedeutung der Objektivität, die das in Rede stehende Buch charakterisiert. Es ist nun begreiflich, wenn David Wolf söhn, dem die „Lehrjahre" schon im Jahre 1911 im Manuskript vorlagen, die Darstellung ,,nüchtern" fand. Es ist begreiflich: Denn der Präsident der zionistischen Weltorganisation, der im Verfasser den Plutarr.h HerzL und mit der Wahrheit auch Dichtung gerne gepaart gesehen hätte, mußte enttäuscht sein. Doch der Verfasser, 'dessen „Nüchternheit" man nicht erst zu entschuldigen braucht, erwiderte mit einem kühnen Herzlworte: „Die Bibel hat an Moses nichts verschönt." Professor Leon Kellner hat auch an seinem verewigten Freunde Theodor Herzl führwahr nichts verschönt. Die „Lehrjahre" sind die geschichtliche W a h rh e i t über Herzls Jugend. Wird Herzls Bild darunter leiden? Dr. Theodor Herzl schwebte all jenen, die ihn von irgendeiner Seite kannten — und wem war er völlig unbekannt? — als Pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presse" vor, dessen Berichte Aufsehen machten, von Millionen gelesen wurden, und dessen Einfluß überaus bedeutend war; er war der gefeierte Feuilletonist, der seine Leser durch Reichtum und Tiefe seines Geistes erquickte; man erzählte sich, daß er ein Liebling der französischen Salons war; später war er der geniale Verfasser des „Juclcnstaates", der viel genannte und viel angefeindete Schöpfer der politisch-zionistischen Organisation, der kühne Einberufer und Leiter der Zionistcnkongresse. Man wußte von ihm, daß er von Majestäten in Audienz empfangen wurde, denen er — wer hätte das träumen können? — über die Judenfrage referierte; scharf getadelt wurde dann von radikal zionistischer Seite sein unerwartetes Eintreten für das Anbot der englischen Regierung, die den Juden Uganda in Afrika für Besiedlungszwecke zur Verfügung stellten wollte. Nicht lange darauf erkrankte er an einem Herzleiden und starb . . . Für das Gros der Zionisten war Herzl der Mann, der dank dem Antisemitismus und der Dreyfus-Affäre plötzlich den Weg zu seinem Volke zurückfand, bald ein mächtiger Führer wurde, in kurzer rastloser Arbeit sein Leben seinem Volke opferte und gleichsam wie ein Meteor verschwand, um am Himmel der Vergangenheit gleich den anderen Heroen des Volkes zu leuchten. Seitdem sprach man mit noch größerer Ehrfurcht von diesem unsterblichen Führer, den man nur aus traditionellen Rücksichten nicht zum Messias machen mochte. Herzl erscheint in den bisherigen Darstellungen von Fried mann und Thon'"1') als das, was er in der Tat war, seitdem er das jüdische Schicksal zu seinem eigenen gemacht: ein großer Mann, ein Übermensch, ein genialer Schöpfer kühner Ideen, der geborene Führer seines Volkes. Das Verdienst des vorliegenden Buches wird es sein, den jungen Herzl seinem Volke näher gebracht zu haben. In seinen „Lehrjahren" erscheint er uns als junger Mensch, der mit vielen Hindernissen, wie so mancher unter den gewöhnlichen Sterblichen, ringen muß; er hat neben den Vorzügen auch Eigenschaften, die man schon beim Durchschnittsmenschen als Schwäche anzusprechen pflegt. Sein Eintreten für die Sache des jüdischen Volkes ist nicht rätselhaft. Im Lichte der „Lehrjahre" erscheinen die Motive zu seinem späteren Schritte, der für sein weiteres Leben entscheidend werden sollte, klar; naturnotwendig, möchte man sagen, gelangt er vom Liberalismus und Kosmopolitismus, zu dem er — mit Überspringung der nationalen Stufe auf dem Wege der Entwicklung — vorgedrungen war, zurück zu seiner engeren Gemeinschaft, zur Nation. Und bedarf es in unserem Zeitalter, in welchem die nationale Idee ihre Apothose feiert, noch einer wissenschaftlichen Beweisführung, daß nur p. o Herzis Werdegang ein natürlicher und folgerichtiger war? Herzl wird nach den „Lehrjahren" — nicht mehr bloß verehrt werden als großer Mann, als Übermensch; er wird auch als Mensch geschätzt und geliebt werden, der Mensch vom Menschen. Daß er auch menschliche Schwächen hatte, die nun „aufgedeckt" erscheinen, wird die natürliche Distanz zwischen ihm und seinem Volke, mag sie auch sonst nicht allzu groß sein, noch mehr verringern und zu weiterer seelischer Annäherung führen. Er wird nicht mehr allein der „ungekrönte König" der Juden sein, sondern auch d c r Jude, der mit warmem Herzen und aus lauteren Gründen der menschlichen Natur den Rückweg zu seinen Volksgenossen mit der Seele suchte und fand. Und so werden auch begabte Männer jüdischer Abstammung aus der nackte n Wahrheit der vorliegenden Biographie lernen, wie schade, ja wie sinnlos es ist, im Zickzack vom geraden Wege der nationalen Betätigung abzuschwenken, wozu man, früher oder später, schließlich doch gelangen muß, insofern man überhaupt etwas zu „geben" hat. Theodor Herzls „Lehrjahre" werden für viele der Spiegel sein, in welchem sie klar werden sehen können, wie der Weg zu einer widerspruchslosen, befreienden Weltanschauung führt und daß man auf dem, von allen Guten und Edlen gesuchten, Wege zur „Menschheit" die Stufe des na- *) „Das Lehen Theodor Her/Is." Von D,. Friemann. Jüdischer Verla«. Berlin. — „Dr. Theodor Her/1." Von Dr. CWs Thon. Vorlay Zionistisches Zenlralhüro. tionalen Lebens nicht ungestraft überspringen kann. Wer sich für psychologische Probleme interessiert, der wird, auch wenn er nicht national orientiert ist, dem Verfasser für die schlichte Darstellung dieses Lebenslaufes Dank wissen. Was Herzl in den Jahren 1860—1895 gesehen, gehört, gefühlt und erlebt hat, zieht in naturtreuen Bildern an uns vorüber: Wie er von seinen Eltern, besonders aber von seiner geistreichen Mutter erzogen wurde; wie er schon als kleiner M i t t e 1 s c h Li 1 c r unter dem Antisemitismus litt und was er als Student in der Wiener deutsch-nationalen „A lb i a" erlebte. Es folgen dann die ersten Enttäuschungen auf der schriftstellerischen Laufbahn und seine ersten Erfolge; wie er mehr als einmal sich auf „falschem Wege" däuchte, nachdem er im B u r g t h e a t e r und in der Redaktionsstube der „Neuen Freien Pres s e" verschlossene Türen gefunden hatte. Wie ein Sieg der Wahrheit und der Gerechtigkeit mutet es uns dann an, als er, bereits ein berühmter Schriftsteller, jene „Festung" doch schließlich „im Sturm erobert" und als Korrespondent dieser Zeitung nach Paris geht. Hier erschließt ihm das „Palais Bourbonne" das Getriebe der unaufrichtigen und unehrlichen Weltpolitik: hier beginnt er zum erstenmal, sich mit sozialen Ideen zu befassen, in deren Kreisen auch d i e J u d e n f r a g e auftauchen mußte und.....Die Quellen der Tiele brechen auf . . ." Seitdem „Herzls Lehrjahre" die Presse verlassen haben, ist ein halbe» Jahrzehnt ins Land gezogen. Dieses Buch ist jedoch eine N e u e r s c h e i n u n g gebliehen, eine Tatsache, an der die Zukunft kaum rütteln dürfte. Denn die Biographie ist „nach den handschriftlichen Quellen" bearbeitet, die keine Änderung erfahren, noch einem Berufeneren zur Verfügung stehen können. Keinem anderen als diesem Umstände trägt die Redaktion der vorliegenden Zeitschrift Rechnung, wenn sie, selbst ein Kind aus jüngerer Zeit, in diesen Blättern das Buch hiemit nachträglich registriert. Diese Auffassung teilt der Linterzeichnete, wenn er der ihn ehrenden Einladung der Redaktion folgt, den dargebotenen Raum mit einigen Zeilen über das Buch auszufüllen. Wenn aber der Rezensent heute nur cl a s wiederholen kann, was er vor fünf Jahren über diese Biographie gesagt hat. so entspricht dies eben der A r t de s Buch e s, welches für den Leser d i e J u g e n cl b i o g r a p h i e Herzls bleibt, die einzig beglaubigte Vorgeschichte zu seiner großen „geschichtlichen Sendung". Dr. Hermann Glaser. HEINRICH HEINE. CONFESSIO JUDAICA. Eine Auswahl aus seinen Dichtungen, Schriften und Briefen. Herausgegeben von Dr. Hugo B i e b e r. Welt verleg Berlin 1925. Über das Problem Heine und das Judentum ist schon viel, sehr viel «oschneben worden. Darum ist es zu begrüßen, daß der Herausgeber es einmal unternommen hat, alles das zusammenzutragen, was Heine in allen seinen Werken und Briefen irgendwie über Judentum und Jüdisches geschrieben hat. Die Sammlung ist von seltener Vollständigkeit und ganz vorzüglich in chronologischer Weise aufgebaut. So kann man m den einzelnen Phasen seines bewegten Lebens die Stellung zum Judentum erkennen.