Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Marktplatz in Chelm [Illustration]
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 160 (sequence 1)
- Language
- German
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160 MENORAH LIONEL S. REISS MARKTPLATZ IN CHELM Also schildert Benjamin die Stadt Glups k*) VON SCH. J. ABRAMOVITSCH (MENDALE MOJCHER SSFÜREM) Kommt ihr mit der Teteriwker Straße nach Glupsk gegangen, so laßt es euch nicht verdrießen, vorerst eine Pfütze, etwas weiter die zweite und noch weiter die dritte, just die größte, durchzuwaten, wohin mit Verlaub alles Gerinsel und Spülicht der Stadt mündet und des Guten genug mit sich führt, tagtäglich andere Ladung von allerlei Art und Farbe, und gar verschiedenen, dem jeweiligen Tag angepaßten Gerüchen, so daß ihr es leicht erraten könnet, welcher Tag es sei. Plätschern darin, zum Beispiel, gelbe Rinnsale voll Sand, mit dem man die Fußböden scheuert und führen sie überdies Fischschuppen, Innereien, Köpfe von Hühnern, Haar und gesengte Klauen von Rindsfüßen mit sich, dann wisset: heute ist Freitag, nehmt Reisigbündel und Schaffei und begebt euch, mit Verlaub, ins Schwitzbad. Sammeln sich darin Eier-, Zwiebel- und Rettichschalen, Fasern aus dem Innern der Leber, Schwanzflossen von Heringen und große ausgehöhlte Markknochen — aha, guten Sabbath euch, Kinder Israels, wünsch gute Verdauung nach dem „Kugel"! Bemerkt ihr jedoch, daß das Gerinsel sich mühsam fortbewegt, daß sich verbrannte Abfälle von Heidegrütze, „Kasche" genannt, darin befinden, vertrocknete Teigreste, zerrissene Fetzen und Teile eines zerfallenen Besens, dann merkt es euch wohl: heute ist Sonntag, noch hat der Wasserträger kein frisches Wasser gebracht, mit Mühe und Not hat man aus dem Faß die letzten Tropfen entleert, um wenigstens nur oberflächlich die Scholettöpfe und Schüsseln spülen zu können. Und so auch hat an allen anderen Tagen 'der Woche jedweder Tümpel sein eigenes Antlitz, sein eigenes Bild und seinen eigenen Geruch. Und wenn ihr mit heiler Haut auch diese Pfütze überschritten habt, so werdet ihr zu einem großen Schutthügel, dem kläglichen Überbleibsel eines abgebrannten Häuschens, gelangen, auf dessen Gipfel meist eine Kuh, wie ein Prediger auf der Kanzel steht und in Seelenruhe wiederkaut, indem sie die ganze Menge von Juden erstaunt anglotzt, die unten, wie vergiftete Mäuse ratlos umherlaufen, mit allerlei Stöcken und Schirmen in der Hand; manchmal keucht sie auf oder läßt in ihrer Art einen Seufzer fahren, geradeso, als wollte sie sich in Jammer und Klage ergehen über diese ganze Sippe und über ihr eigenes Mißgeschick, daß sie leider, ihrer großen Sünden wegen, in judische Hände geraten sei . . . Und wenn ihr auch diesen Schutthügel glücklich überwunden habt, dann gehet immer geradeaus, *) Aus ..Die Reisen Benjamin des Dritten". immer der Nase nach. Und so ihr euch, Gott behüte, an den spitzen Steinen, die allerorten zerstreut umherliegen, wundgestoßen habet und hinfallen werdet, dann seid so freundlich und stehet auf, sofern ihr's vermöget und gehet, gehet nur immerzu, sofern ihr noch heile Glieder habt, bis ihr zu einem großen Platz gelanget. Dort auf jenem Platz findet ihr die Essenz von Glupsk. Und wenn es ansteht, die Teteriwker Straße als den Magen von Glupsk, so könnte man diesen Platz mit Recht als dessen Herz betrachten, denn da pocht es Tag und Nacht, da sitzt sein innerster Nerv, hier vollzieht sich sein Leben. Da stehen Geschäfte kleine und große, Buden und die weitberühmten Hehlerstände, wo Handwerker die Überbleibsel: Stoff-, Leinen-, Sammet- und Pelzreste an den Mann bringen. Darinnen kocht es wie in einein Kessel, es wimmelt von Leuten, unberufen eine dichte Menschenmenge: Juden drängen sich und von allen Seiten stecken sie Puffer ein, von Deichseln, Wagen und Kutschen. Ärzte behaupten, daß, wenn man einen Glupsker Juden obduziert, man meist in seinem Leibe eine Deichsel stecken findet. Aber auf die Glupsker Ävzte ist kein Verlaß, die Feldscher spielen dort eine viel größere Rolle. Auf besagtem Platze hört man immer Stimmen: „Heiße Bohnen, ihr lieben Juden! Heiße Heidekuchen, Knoblauch, Zwiebel, ihr Kinder Israels!" von zerrissen und zerschlissen umherlaufenden Jungen, die diese Dinge mit einer gar sonderbaren Melodie feilbieten. Dort könnt ihr zuweilen am Abend stehenden Fußes ein Minche- und Maariwgebet herunterleiern, dort wird der Neumond begrüßt und geheiligt und ganz laut schreit man den Vorübergehenden zu: „Friede mit Euch, lieber Vetter". Da stehen Lastträger, die Lenden mit dicken Stricken gegürtet, ausgediente Soldaten in alten Sandalen und zerfetzten Monturen, Trödler mit abgetragenen Hosen, Kaftanen, Leibchen und allerlei altem Plunder. In der Mitte steht gemächlich der Herr Stadtwächter und verzehrt mit Appetit ein Stück jüdische Semmel, die er am Sabbath für das Schneuzen der Kerzen bekommen hat und paßt bei jedem Bissen auf, wie der Frömmsten einer beim „Schmirehessen", daß, Gott behüte, ja kein Bröckloin auf den Boden falle. Taschendiebe schleichen dort herum, ihre Kunst zu zeigen. Ein schmutziges, armes Mädchen mit verlilztem Haar kommt urplötzlich herbeigesprungen, heult, bittet um Almosen mit kreischender Stimme, zupft jeden an den Rockschößen und schreit, röchelt mit Geplärr, als hätte man sie hingeschlachtet und des Vermögens beraubt. Eine Sippe junger Tunichtgute stellt mit Hurrah einem Verrückten nach, der