Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Grigory Glückmann
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 157 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 157 GRIGORY GLÜCKMANN Grigory Glückmann ist im Jahre 1898 in einem abgelegenen, weltentrückten russischen Provinzstädchcn geboren. Seine Kinderjahre waren von altem, noch in voller Kraft erhalten gebliebenem jüdischen Brauch und Sitte umweht. Mit 5 Jahren begann er, wie es üblich war, den „Glieder" zu besuchen. Zur selben Zeit fangt er auch zu zeichnen an. Dieselbe Feder, mit der er damals anfing althebräisch zu schreiben, gebrauchte er dazu, seine ersten künstlerischen Erlebnisse festzuhalten. Einige Zeichnungen aus der Zeit sind erhalten geblieben: — Skizzen nach der Natur, die kleine Knaben in große Bücher versenkt darstellen. Somit waren seine ersten Zeichnungen — Federzeichnungen und diese Vorliebe für Tinte und Feder ist dem Künstler geblieben. Anfang 1917 kam Glückmann nach Moskau und besuchte dort die Kunstakademie. Mit neuen künstlerischen und technischen Möglichkeiten kehrt er während seiner Studienjahre immer wieder zu den Motiven seiner Kindheit zurück — jüdischem Weh und jüdischer Mystik. In dieser Zeit entsteht sein ,,Pogrommotiv". Ghettostimmung u. a. 1920 geht der Künstler nach Berlin. Das erste Berliner Jahr steht ganz unter dem Einflüsse alter Erinnerungen, die in der Fremde eine besondere innere Realität erhalten. In diesem Jahr entstehen die meisten seiner .Jüdischen Motive" wie: „Der Alte mit dem Cello", „Alte Leute" und mehrere Ghettostimmungen" — Zeichnungen, Kupferstiche und „Federmalereien", wie der Künstler seine farbigen Federzeichnungen nennt, in denen er nicht nur zeichnerische, sondern auch malerische Probleme verfolgt. 1921 war Glückmann schwer krank und seitdem nimmt ein, erst stark persönliches, dann allgemein-menschlich werdendes Motiv in seinem Schaffen Platz. Eine ganze Reihe Arbeiten dieser Zeit sind dem Mysterium des Leidens und Todes gewidmet. So entstehen einige seiner größeren Werke: „Moder", „Die Alten", „Leichenzug" und eine große Aktstudie „Der liegende Mann", die mit mächtiger innerer Gewalt uns die Gedanken an Vergänglichkeit und Leiden aufzwingt. Das Bild stellt einen nackten liegenden Mann dar, dessen abgehärmter Körper von leuchtend rotem Grunde sich in strenger Zeichnung abhebt. Zur selben Zeit beginnt der Künstler an seinen Werken, die sich mit dem Problem der Massenkomposition befassen, zu arbeiten. Es entsteht eine ganze Reihe Bleistiftskizzen zu denselben, denen der russische Kritiker Sergej Makowsky einen Artikel unter dem Titel „Zeichnungen von Grigory Glückmann" widmet. „Die Zeichnungen Glückmanns", schreibt Makowsky, „sind meistens der Armseligkeit der Stadt der Jetztzeit gewidmet, welche uns manchmal beinahe märchenhaft erscheint, so romantisch in ihrer trostlosen Prosa, besonders wenn sie von einem Künstler behandelt wird, der so zum „Grotesk" im Sinne Daumiers neigt. Übrigens ist der Grotesk Glückmanns — und darin liegt seine Überzeugungskraft — kein bloß angeeigneter Stil, sondern eine durchlebte, qualvoll durchlebte Gegenwart. Man bewundert den Strich des Autors, das Treffende der Beobachtung, die Ironie des Künstlers — und fühlt dabei beständig, daß diese Fratzen der Stadt, dies menschliche „Moder" der Straßen und Gassen, diese Profile von Raubtieren, diese bohrenden Augen und krampfhaften Hände — eine drückende, heutige Realität sind, die uns tief in der Seele wurzelt. . . Seine Zeichnungen haben im strengen Sinne des Wortes keinen Inhalt, sowie auch seine Ölgemälde. Der Inhalt ist immer derselbe — Menschen." Allmählich ist dem Künstler die stille Stube seiner Jugendeindrücke zu eng geworden, seine Helden bewegen sich jetzt meist in wogenden Massen auf Straßen und Plätzen seiner „Alten Städte" — er arbeitet an einer ganzen Reihe Bilder, die alle denselben Namen führen — „In der alten Stadt". Überhaupt benennt er nicht gern seine Werke, denn er will keinen literarischen Beigeschmack. Glückmann verließ im Januar 1924 Berlin und ging nach Italien, wo er an der Internationalen Ausstellung in Venedig teilnahm und sechs Monate in Florenz arbeitete. Und denselben weiten Weg wie er selbst, vom weltvergessenen Heimatsort bis zum sonnigen Florenz, wandern auch seine Helden, aus altväterlicher Enge hinaus auf die Straße der Menschheit. Makowsky schildert, wie er den alten Verwandten aus der Heimat auf diesem belebten Wege wiederfand. „In seinen Gestalten", schreibt Makowsky, „lebt die Erinnerung an die kleine jüdische Provinzstadt, an die große Nichtigkeit der GRIGORY GLÜCKMANN „PASSAGE" Öl, Floren/. VS21 Großstädte, an gierige Augen der Not in heimatlicher Öde und an die teuflischen Fratzen der menschlichen Maskerade auf den Irrwegen des Leids. Sie sind sehr naturwahr, diese Gestalten, sie sind gar nicht ähnlich den jetzt so modernen geometrischen Schemen und auch nicht Flüchtigen Kodakaufnahmen . . . diese aus dem Flalbdunkel auftauchenden Klageweiber, diese, wie vom Sturm getragenen Frauen in alter Tracht, und diese rasierten Gentlemans mit Vogelgesichtern, diese unheildrohenden untersetzten Weiber und diese tiefgebückten Söhne Israels in ihrem ungewissen Gang aus Ungewisser Ferne in ungewisse Weite." Trotz dem lebensfrohen Italien bleibt Glückmann auch dort seinem alten herbem Empfinden treu. Er arbeitet an seiner lithographischen Folge „De profundis", aus welcher die Blätter „Der Mord", „Die pathetische Sarabande" und andere stammen. Hauptsächlich widmet er sich aber jetzt der Ölmalerei und dem Bildnis, sowie koloristischen Aufgaben. Er hatte einst große Vorliebe für düstere Farben, für Nachtstimmungen mit zaghaft durch die Dunkelheit gleitendem Lichtschimmer — vielleicht auch eine Erinnerung an alte dürftig erleuchtete Häuser des Heimatsortes, an düstere, mittelalterliche, durch Gassen und uralte Synagogen wehende Mystik. Jetzt fangen seine Bilder an, sich wie von innen heraus zu erleuchten, die Schatten werden durchsichtig und die Farben steigern sich bis zu ungewöhnlicher Leuchtkraft. Zu dieser Periode gehören seine letzten großen Arbeiten: „Die Wandelnden (Öl), „Studie zu einem Mysterium" (Öl), „In der alten Stadt" (Öl) und andere. Mit solchem Ergebnis mehrjähriger Arbeit debütierte der junge Künstler jetzt kürzlich in Paris in der Galerie Druet. Über diese Ausstellung schreibt Jean-Louis Vandoyer im „Echo de Paris": „Herr Glückmann ist mit einem ganz besonderen Sinn für das Geheimnisvolle begabt, er versteht es, die sonderbarsten Schatten und Beleuchtungen wiederzugeben ... er würde glänzend durch sein Bild nicht nur die Werke seiner Landsleute Dostojewsky, Gorki, Kuprin, sondern auch L. T. A. Hoffmann und Edgar Poe kommentieren." Zu diesen oben erwähnten aus dem Reiche der Literatur möchte ich noch einige große Geistesverwandte hinzufügen: Heinrich Heine, Pcrcz, Bialik — die gleich Grigory Glückmann einst auch aus stillem Heimatsort auf die weite Landstraße des allmenschlichen Geistes hinauswanderten. E. Lang.