Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1925)
- Article
- Autobiographische Skizze
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912840-2912848-2915897--02038-2915986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
154 M E N O R A H mich sehr genau. Manchmal trommelten die Fleischhauer von der Gasse ans Fenster und riefen den Schächter, er möge zur Schlachtbank nachkommen. Dann holte er seine Frau, damit sie den Unterricht an seiner Statt einstweilen fortsetze, oder er übergab die Aufsicht einem der älteren Knaben aus den höheren Klassen. Zunächst ging es meist still und ordentlich zu; ließ aber der Lehrer lange auf sich warten, lockerte sich die Disziplin in den Bänken, der Schüler, der den Aufpasser machte, schrieb die Ruhestörer mit Kreide auf die Tafel, unterstrich wohl auch die Narnen, oder machte Kreuzchen und Ausrufungszeichen dazu. Ich hätte gerade in die dritte Klasse aufsteigen sollen, als die Schule aufgelöst wurde. Ich kam in die tschechische Volksschule des Ortes. Hier erst begann der eigentliche Unterricht. Von allen Schülern kannte ich mit Ausnahme von etwa dreien, die mit mir aus der jüdischen Schule gekommen waren, niemand. Ich war fremd und blieb fremd, wiewohl ich glaube, daß es meist an mir lag. Die Lehrer waren jung, mit dem Milieu verwachsen, sie liebten ihren Beruf, ihre Schüler, das Land, und trachteten den Unterricht heiter zu gestalten. Sie spielten in der Gesangsstunde Geige, gingen mit uns in die Elbe baden, oder führten uns ins Freie und erteilten uns Anschauungsunterricht bei den Tümpeln im Walde. Ich gedenke ihrer mit Dankbarkeit. Meine Eltern sprachen miteinander deutsch, meine Mutter hat tschechisch nie ganz erlernt. Mir waren die Laute der deutschen Sprache vertraut, deutsch sprechen und schreiben konnte ich nicht. Trotzdem beschloß der Familienrat, daß ich eine deutsche Mittelschule besuchen sollte. Nach einer kurzen Vorbereitung kam ich nach Prag an die Realschule. Bei der Aufnahmsprüfung mußten meine Tränen die Bedenken des prüfenden Lehrers besiegen. Ich war kaum elf Jahre alt und schon in der Fremde. Nachhause kam ich selten. Es war ein schweres Leben. Man ist in jenem Alter wehrlos gegen die Bangigkeit. Das Prager Deutschtum war zu Beginn dieses Jahrhunderts noch von einem Wall umgeben, der hoch genug war, uns den Ausblick zu nehmen. Ein großer Bruchteil der Schüler war in meiner Lage. In den ersten Jahren, kaum, daß sich mir die Zunge gelöst hatte, brach ich manche Lanze in dem jugendlichen Streite: „hie Vrchlicky — hie Goethe" zu Gunsten des tschechischen Epigonen, wiewohl ich damals diesen nicht einmal kannte und jenen naturgemäß nicht begriff. An der Schule wirkten, bis auf wenige Ausnahmen, alte, grämliche, übelgelaunte Professoren, die der Jugend wie die Unterteufel der obligaten Bildung vorkamen. „Lehrer und Schüler", sagte einer dieser Professoren, „sind natürliche Feinde. Da gibt es keine Versöhnung." Aber wir waren fünzig gegen einen und auf unserer Seite war die rücksichtslose Lustigkeit unserer jungen Jahre. Alle neuen Fragen, die das Leben aufwarf, waren fortan in deutscher Sprache gestellt. Deutsch die Frage und deutsch die Antwort. Die Art, jene aufzunehmen und diese zu finden, blieb von dem Wandel unberührt. Diese Art an sich ist allgemein weder ein Glück, noch ein Unglück. Wem es gegeben ist, die Eigenart seines Volkes zu bejahen, dem beginnt sie innen heimlich zu erstrahlen. Wer sie verneint, wird kaum einen Lichtquell finden, der diesem gleicht. Die Sprache war demnach dem Knaben nicht als Feengeschenk in die Wiege gelegt worden. Er diente um sie viele Jahre, er konnte nur noch mit ihr an die Dinge heran, er rang mit ihr, damit sie ihn segne. Noch bevor ich die Mittelschule absoLviert hatte, war mein Vater gestorben. An ein Hochschulstudium war nicht zu denken, es war nicht genug Geld da. Ich sollte so rasch als möglich einen Beruf ergreifen. Mit meinen Gaben hoffte ich im Handumdrehen im Handel hochzukommen. Aber die Vorsehung zwang mich immer wieder mit mysteriöser Konsequenz, den Knoten, der mich binden wollte, fahren zu lassen. Ich stand fast triumphierend mit leeren Händen da. Ich schrieb Gedichte, wie man sich selbst ein Geheimnis eingesteht. Zu jener Zeit war Max Brod bereits ein bekannter Name. Die Korrekturbogen von Werfeis „Weltfreund" gingen von Hand zu Hand. Mit Franz Werfel, Paul Kornfeld, Otto Pick, Willy Haas und anderen saßen wir allabendlich um den runden Tisch im Cafe „Arco", auf dem die „Fackel", der „Brenner", der „Saturn", die „Aktion" nicht fehlten. Werfel war unser Held, er stieß vor und wir folgten. Wegen seines lieben Wesens genoß er allgemeine Sympathie und ich stelle mir ihn noch heute gerne so vor, wie er damals war: offen, ehrlich, teilnehmend, sich niemals versagend, gesund, mit herrlichem Pathos. Max Brod, den um einige Jahre Älteren, lernte ich erst viel später kennen. Bisher kannte ich ihn nur vom Sehen; es fiel mir auf, daß er immer ein Heft bei sich trug und ungeachtet der Gesellschaft, in der er sich gerade befand, Notizen in dasselbe eintrug. Ich versäumte auch nicht die Vorträge zu besuchen, die er verschiedentlich hielt. Seine Verse schienen mir ganz neuartig zu sein, die Landschaften, die darin vorkamen, hatten für mich ein angenehmes Klima, seine Erotik war mir unfaßbar, aber ich hielt es für ein Glück so zu fühlen, wie er fühlte. Der Klang seiner Verse jedoch, der von besonderer Art war, erquickte mich geradezu körperlich. — Meine erste Veröffentlichung stand im „Brenner". Auch Hermann Meister in Heidelberg gefielen meine Verse, sie erschienen in seiner Zeitschrift „Saturn". 1913 gab er einen Gedichtband „Meteor" heraus. Damals bekam ich die „Schlesischen Lieder" des tschechischen Dichters Petr Bezruc in die Hand. Ich habe sie zum großen Teile übersetzt; sie sind später mit einer Vorrede von Werfel bei Kurt Wolff in Leipzig erschien. Während des Krieges war das Buch verboten. Bezruc, der Barde der schlesischen Bergleute, war im Kriege wegen seiner revolutionären Gesinnung eingesperrt, ich selbst habe mir mit der Übersetzung bei der Prager Staatspolizei auch kein besonders gutes Aug' gemacht. 1916/17 hatte ich als .Landsturmsoldat mehrere Monate Gefangene zu bewachen. Dann kam ich frei und lebte zwei Jahre in Wien. Während dieser Zeit veröffentlichte ich bei Wolff in Leipzig ein Gedichtbuch unter dem Titel „Karawane". Seit 1919 bin ich wieder in Prag. Der jugendliche Zirkel von damals besteht nicht mehr. Der Wall, mit dem sich der deutsch sprechende Teil Prags umgürtete, hat Loch und Lücken. Aber von einem freien Verkehr der Parteien kann noch keine Rede sein. Ich erkannte bald, daß der nationale Hader sachlich rein wirtschaftliche Ursachen habe, und ideell auf einer verächtlichen Vorbildung des Gefühls beruhe. Ich frage mich: wer ist hier das „Volk" in politischem Sinne? Und antworte mir selbst darauf in dem „Lied von der Präger Erde": „Ich will es sagen! Die das Land bewohnen, nur Zeitungsleser sinds, nicht Nationen." Aus dem Zuschauerraum des nationalen Stierkampfs entfernte ich mich mit Ekel und wandte mich dem Lager der klassenbewußten Arbeiter zu. Aus meinem stillen festhalten am Geist des Judentums hat man oft versucht, mir einen Vorwurf zu machen. Mit Unrecht. Ich glaube an die Zukunft der Massen. Irgendwo müssen auch die Juden eine kompakte Masse der Arbeitenden und Werktätigen bilden können. Die palästinensische Einwanderung schafft diese Masse. Ich betrachte den Zionismus als ein Glied der Ordnung in der sozialen Neugestaltung der Erde. Daß die englischen Staatsmänner dabei andere Absichten hegen und die amerikanischen Notabeln von anderen Möglichkeiten träumen, braucht nicht geleugnet zu werden. In der speziellen Stellungnahme der Sowjets gegen die jüdischen Kolonisatoren in Palästina wird man einen politischen Schachzug gegen England erblicken dürfen. Der Jude steht dort zwischen der alten Welt, die ihn schützt, weil sie ihn für ihre Zwecke braucht, und der neuen Welt, die seine Beschützer angreift. Er muß erst Masse werden, um der neuen Welt nötig zu sein. Während der letzten Prager Jahre entstand ein Gedichtbuch „Liebesmesse", in dessen sechs Abschnitten (Anrufung — Prüfung — Versuchung — Erscheinung — Verheißung — Erlösung) ein Stück Leben als Ganzes gestaltet wird. Ein weiteres Gedichtbuch „Der Frühlingsreiter" liegt abgeschlossen vor; es ist mir noch zu nah, um darüber etwas sagen zu können. Ein Band Erzählungen, die Übertragung eines zweiten Bandes von Bezruc „Lieder eines schlesischen Bergmannes", eine Sammlung tschechischer Gedichte in deutscher Sprache, stammen aus dieser Zeit. Die zuletzt angeführten Arbeiten sind noch unveröffentlicht. All das sind bloß Anmerkungen. Sie erheben keinen Anspruch auf allgemeines Interesse. Mir fehlt die Ruhe, mich einem ergiebigen Rückblick hinzugeben. Zu dem, was mir wichtig schien, habe ich immer das Wort ergriffen. Mein Werk ist mein Leben. Mit Besserem, als mit dem Wenigen, das ich schrieb, hat mein Leben nicht aufzuwarten.