Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Die gute Mutter
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912840-2912847-2915768--01970-2915837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 MENORAH j FREIBURG I. B. j jj Tel. 1881 Goethestrofie 5 Tel. zS8i ■ I TÜCHTERPF.NSIONAT |! 1!!l!l!lt!i!!!IIU!IIIIIIJ!l!!lll!!!lll!M^ 5 I COHN-BERN STEIN j Höliere Toditcrtiml Fortbildungsschule. Vor- ■ [ bemuing für Gymnasium und Abiturienten.;; tif-cne Villa mit Gnrtcn. beste Verpflegt..,,;. \ : Irrste Referenzen J Nun erwiderte die Mutter nichts mehr. Da erkannte Nathan, wie unartig er war. deshalb zog er sich nun viel rascher an, als es wohl sonst der Fall gewesen wäre. Dennoch dauerte es noch ziemlich lange, bis die beiden Kinder sich gewaschen, gebetet und gefrühstückt hatten. Dann aber ging es lustig in den nahen Wald. Nathan blieb auf einer Waldwiesc, wo es viele Blumen gab. Die kleine Dina aber lief kleine Anhöhen hinauf und in den Wassergräben, hinunter, um besonders schöne Blumen zu finden. Einmal aber hatte sie nicht achtgegeben und stolperte über eine aus der Erde hervorragende Baumwurzel. Sie fiel nieder und zerkratzte sich an einer anderen Wurzel die Hand. Es gab wohl einige Tropfen Blut, aber ein so lustiges Mädchen, wie Dina es war, fängt wegen einer solchen Kleinigkeit nicht sogleich zu weinen an. Sie wischte sich das Blut mit dem Taschentuch ab und begann bald wieder Blumen zu pflücken. II. Dina und Nathan gingen während des Tages noch einige Male in den Garten und in den Wald und endlich hatten sie soviel Laub und Blumen gebracht, daß der Diener des Bethauses dieses aufs prächtigste schmücken konnte. Mancher Blumenstrauß für das Elternhaus der beiden Kinder blieb noch übrig. Obgleich aber die kleine Dina bei allem munter mithalf, so empfand sie doch immer größere Schmerzen in der rechten Hand, die mehr und mehr anschwoll. Als die Mutter dann merkte, wie sehr die Hand ihres Kindes verändert war, war sie sehr besorgt und machte der Kleinen kalte Umschläge. Allein alle Umschläge nützten nichts. Beim Abendmahl erkannte die Mutter, daß Dinas Köpfchen heiß und nicht nur die rechte Hancl. sondern der ganze Unterarm geschwollen war. ,,Kinder, ihr werdet müde sein", sagte sie. ,,Legt euch doch schlafen." Nathan ließ sich das nicht zweimal saeen. Wenn man so dick ist, wird man beim Blumensuchen schrecklich müde. Bald lar? er im Bett und schlief so fest, daß ihn kein Donner hätte erwecken können. Dina aber, die doch so schnell aus dem Bett springen konnte, wäre noch gerne länger wach geblieben und nur, weil die Mutter sie sonst ausgezankt hätte, legte auch sie sich endlich nieder. Nun blieb der Vater allein im großen Zimmer. Er saß beim Tisch und hatte ein dickes hebräisches Buch vor sich liegen. „Das will ich heute nachts vom Anfang bis zum Ende lesen," dachte er. ,,Immer wieder werde ich aber durchs Fenster gucken. In der Schebuothnacht öffnet sich der Himmel und wer dies sieht und sich sogleich etwas wünscht, dem geht der Wunsch in Erfüllung. Oh, ich weiß sehr gut, was ich mir wünschen werde. Ich will sehr reich werden und alle hebräischen Bücher so gut verstehen ■wie kein anderer Mensch." III. Die Mutter saß besorgt beim Bette der kleinen Dina, denn diese konnte vor Schmerzen nicht die Augen schließen. Da begann die Mutter ihr Geschichten zu erzählen. „Du weißt doch," sagte sie, „daß Schebuoth uns auch daran erinnert, daß Gott sich an diesem Tage auf dem Berge Sinai dem israelitischen Volke offenbart hat. Aber schon vorher hatten viele Berge gehört, was Gott tun wolle. Sie sehnten sich alle so sehr danach, daß auf ihnen das Wort Gottes ertönen möge, claß sie, die sonst durch Jahrtausende ruhig auf ihrem Fleck stehen, sich aus dem Boden rissen und alle in die Wüste liefen. „Nein," sagte aber Gott, „von euch kann ich keinen wählen, denn auf jedem von euch haben schon Heiden ihren Götzen Opfer gebracht. Nur der Berg Sinai ist noch unberührt, deshalb will ich mir keinen anderen wählen." Doch so schön auch die Mutter erzählte das kranke Mädchen lag teilnahmslos da und es war fast, als ob sie kein einziges Wort verstünde. Da wurde die Mutter ängstlich und lief schnell ins Nachbarhaus, wo der Arzt wohnte. Als nun der Doktor kam, schüttelte er bedenklich den Kopf. „Es war schon höchste Zeit, mich zu holen, liebe Frau", sagte er. ..In die kleine Wunde der Hand muß Schmutz geraten sein und so ist eine Blutvergiftung entstanden. Eine Stunde später hatte ich der armen Kleinen den Arm abnehmen müssen, ia vielleicht wäre es mir dann gar nicht mehr möglich gewesen, sie vom Tode zu erretten. Nun aber ist es nur eine kleine Operation." Der Doktor machte es so, daß es der armen Dina gar nicht wehe tat, als er sie schnitt. IV. Der Vater hatte von all dem nichts bemerkt. Er saß noch immer bei seinem dicken Buch und sah wieder und wieder zum Himmel empor. Plötzlich bemerkte er einen hellen Streifen am dunkeln Himmelsgewölbe. ..letzt öffnet sich der Himmel," dachte er jubelnd, „und ich werde tief, tief hineinsehen in eine Pracht, die wohl noch selten von einem Sterblichen gesehen worden ist." Und immer glänzender wurde der Streifen und bald strahlte t so wie tausend Sonnen. Da wurde das Auge des Mannes ganz geblendet und er mußte es abwenden. Doch nein! Er wollte all seine Kraft zusammennehmen, wollte den größten Augenschmerz ertragen, nur um doch das Innere des Himmels zu ersoähen. Als er nun wieder emnorblickte, sah er nur noch einen rosig glänzenden Streifen, so wie er ihn vor den tauserdsonnigen Strahlen erblickt hatte. Da wurde der Vater traurig. Er hatte so glücklich werden können und nun hatte er in seiner dummen Sehnsucht, die Geheimnisse des Himmels zu gewahren, vergessen, sich rechtzeitig etwas zu wünschen. Er setzte sich nochmals nieder und las das begonnene Buch zu Ende. Als er sich nun gegen Morgen noch ein wenig schlafen legen wollte, war er sehr erstaun*, im anderen Zimmer seine Frau noch wach zu finden. „Dein Gesicht strahlt ja vor Glück", sagte er. „Hast du vielleicht auch den Himmel offen gesehen und dir rechtzeitig etwas gewünscht. Ich habe leider den Wunsch versäumt." „Nein," erwieclcrte die Mutter, „ich habe den Spalt des Himmels nicht erblickt, aber doch ist mein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen, ein viel schönerer Wunsch als du wohl ausgesprochen hättest. Du wärst höchstens sehr reich geworden und hättest alle hebräischen Bücher vortrefflich verstanden. Aber mein Wunsch war besser. Und nun bleibt unser Kind am Leben! Die kleine, liebe Dina wird wieder gesund!" Und als sie jetzt ihrem Mann alles erzählte, da freute er sich sehr, daß die Gefahr vorüber war. Auch er liebte sein Töchterchen sehr und deshalb war er jetzt viel glücklicher, als wenn er reich und gelehrt geworden wäre. UNSERE FRAGE In der Jännernummer dieses Jahrganges habe ich gefragt, welcher Manu, welche Frau, welches Kind, das in der Bibel vorkommt, dir am besten gefällt und warum. Auch ein Zeitungsonkcl ist nämlich ein wenig neugierig. Er will nicht immer selbst erzählen, sondern auch einmal hören, was seine Neffen und Nichten zu sagen haben. Und richtig kamen auch sogleich aus Rumänien, Deutschland, dem besetzten Gebiete Deutschlands, aus Ungarn, kurz, von überall Antworten. Aber im ganzen waren es doch nur neun Knaben und drei Mädchen, die eine Antwort sendeten. Sie haben zusammen acht Bibelgestalten genannt. Unser großer Lehrer Moses, der leidende Hiob, der tapfere Juda Makkabi, die liebliche Ruth gefielen je zwei Kindern am besten, dagegen hat sich je ein Kind unseren Stammvater Abraham, den klugen Josef, den Propheten Elia und die Frau, die ihr Kind lieber einer fremden Frau geben wollte, ehe sie es töten ließ, erwählt. Aber wo sind meine vielen anderen Neffen und Nichten geblieben? Herrliche Bibelgestalten, die man besonders liebgewinnen kann, gibt es noch viele. Denkt nur an den König David, der ein tapferer mächtiger Herrscher war und uns herrliche Lieder gab. an seinen Sohn, den weisen Friedensfürsten Salomo, den kleinen lieben Benjamin, seine arme Mutter Rahel und wenn ihr schon Ruth nennt, so wollen wir auch nicht an Boas vergessen, den reichen Bauern, der sich seiner armen Verwandten Ruth annimmt. Ich will euch nun nochmals Gelegenheit geben, eure Klugheit zu zeigen, darum stelle ich die ZWEITE FRAGE: Welches jüdische Fest, welcher jüdische Gedenktag ist dir besonders lieb? Oh. ich weiß, claß uns all die von Gott eingesetzten Feste eigentlich gleich lieb sein sollten. Aber wir sind Menschen und da gefällt uns bei dem einen Fest ein Gebrauch besonders gut, bei einem anderen d^s Ereignis, 7.u dessen Erinnerung der Gedenktag eingesetzt wurde. Und wenn du nun berichtest, warum dir gerade dieses oder jenes Fest am besten gefällt, darfst du wieder nicht mehr als zehn Druckzeilen, deinen Namen, dein Alter und deine Adresse schreiben. Aber ein von dir gemachtes schönes Antwortgedicht drucken wir auch dann in unserer Zeitschrift ab, wenn es 16 Zeilen lang ist. Es grüßt dich dein Onkel Ben Nathan. Herausgeber Dr. NORBERT HOFFMANN, Eigentümer um FRIEDRICH MATZNER, Wien, IV., Rainer^ [ Verleger HABRITH-VERLAGSGESELLSCHAFT m. b. H., säm sse 25; Druck der Waldheim-Ebcrle A. G. (verantwortl.: KARL itlich Wien, I., Zelinkagasse. 13. Verantwortlicher Rcdaktei WIELAND), Wien, VII„ Seidengasse 3—11.