Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1925)
- Article
- Träumerei [Illustration]
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 132 (sequence 1)
- Language
- German
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32 M E N O R A H MANE KATZ TRÄUMEREI Zwei Gedichte des Jehuda ben Samuel Halevi Jehuda ben Samuel Halevi, oder, wie die Araber ihn nennen, Abü'l Hassan ibn Halläwi, wurde um 1085 zu Toledo geboren, Er steht inmitten eines glänzenden Kreises, wie ihn das jüdische Volk seit den Tagen des Alten Bundes nimmer gesehen. Kurz vor ihm lebten der Dichter und Philosoph Ibn Gabirol (Avicebron), der Schrifterklärer Raschi und der Gesetzeslehrer Alfasi; seine Zeitgenossen waren der Dichter Moses ben Esra und der große Astronom Abraham ben Esra; bald nach ihm trat Maimonides auf und der beliebte Volksdichter Charisi. Seine erste Erziehung erhielt Jehuda zu Toledo. Der damalige jüdische Studiengang hatte folgenden Verlauf: erst hebräische Grammatik und Thorastudium bis zum 13. Jahre; darauf Arithmetik, Astronomie und Medizin, griechische Mathematik, Geometrie und Algebra, endlich mit 1 5 Jahren Talmud und Poesie. Um 1 100 ging Jehuda nach Lucana bei Granada, das damals einen bedeutenden Kreis von Gelehrten vereinigte und zu einem Mittelpunkt der Talmudstudien geworden war. Er fand hier viele Freunde, darunter Moses ben Esra, der ihm bis zu seinem Tode 1 1 39 treu gewogen blieb, gewann Lust an der Poesie und verfaßte außer 43 Hochzeitsgedichten und Bibelstellen auch eine Anzahl Liebesgedichte und Rätsel und endlich etwa 300 religiöse Gedichte. Zu dem Besten, was Jehuda gedichtet, gehören unzweifelhaft seine „Pilgerlieder" und andere Stücke, in denen sich seine Sehnsucht nach dem irdischen wie nach dem himmlischen Jerusalem in ebenso frommer als poetischer Weise ausspricht. Sehnsucht nach Jerusalem*) O Stadt der Welt du, schön in holdem Prangen! Aus fernem Westen muß ich nach dir bangen. Es zuogt der Liebe Strom, denk' ich der Vorzeil, Des öden Tempels, dessen Pracht vergangen. O hätt' ich Adlersschzuingen, zu dir flog' ich, Bis deinen Staub ich netzt' mit feuchten Wangen; Mich zieht's zu dir, ob auch dein König fort, Ob auch, zuo Balsam troff, jetzt hause/i Schlangen. O könnt' ich küssen deinen Staub, die Scholle, Wie Honig süß dem liebenden Verlangen. Im Osten zueilt mein Herz, ich selbst an Westens Rand. Wie soll mich freu'n, woran ich sonst zuohl Lust empfand? Wie mein Gelübde lösen, zuenn in Edoms Haft Zion — ich selbst in fremdes Joch gebannt? Wie gilt Hispaniens Gut mir nichts, wie mir so hoch, Den Staub zu schau n der Stätte, wo der Tempel stand! Aus den Pi Igerliedern Zur Wasserzuüste xuard die Well voll Sünden! Drum kann das Auge Trocknis nirgends finden. Kein Mensch, kein Tier, kein Vogel ist zu schauen. Ist alles fort und ruht in Schweigens Gründen? Zu sehen Berg und Tal, wie zuc'ir' ich froh! Wie wollt' ich Lust an grauser Steppe finden! Ich späh' umher, ob nichts vorüberzieht; — — Nichts außer Schiff, Gezuölk und Meeresgründen, Dem Krokodil, das aus der Tiefe taucht, Daß grau aufschäumt die Flut, zerwühlt in Schlünde. Gleich einer Beute, die er sich errungen, Läßt Meeresgrund den Kiel dem Aug entschzuinden. Es stürmt das Meer — es jauchzt die Seele! Bald Wird sie in Gottes heil'gern Raum sich finden. Wie ist, o West, so duftig mir dein Wehen! Auf deinen Schzuingen Nord' und Aloen! Du hauchst aus zuürz gen Kammern, nicht von dort, Wo Wind und Sturmes Wüten braust, des jähen. Mit Vogelflug trägst du zur Heimat mich, Drum mir so süß zoie Murrhenbündels Wehen. Wie sehnet sich nach dir die Schar, die gern Auf leichtem Kiel durchfurcht die Flut der Seen! O laß es nicht - das Schiff, o trag es fort, Wenn sinkt der Tag, zuenn neu er zuill erstehen! Die Tiefe glätte, teile sanft das Meer, Und ruh' erst dort am Ziel, bei heil'gen Höhen; Und rast der Ost, der auf die Fluten zuiihlt, Daß hochgetürmt sich ihre Wogen blähen, Was kann ich tun — der Elemente Sklaz/? Bald hält's mich fest, bald läßt es frei mich gehen, Doch meiner Wünsche tiefster steht bei Gott, Der Bergeshöh' n und Winde ließ erstehen! Wilhelm Lözuinger *) Übersetzung der beiden Gedichte nach Dr. M. Sachs.