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Menorah · 1925-06-01 · Heft 6 (Juni 1925) · p. Seite 123

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 6 (Juni 1925)
Article
Der Jude mit der hohen Mütze [Illustration]
Date
1925-06-01
Page
Seite 123 (sequence 1)
Language
German
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MEN O RAH illvittrierte monatxtchrift FvrDie Jvdis-che Familie WUEN^FRANKFVRT a M. III. JAHRGANG JUNI 1925 NR. 6 MAX EISLER / R E M B R A N D T S BIBEL (Die Radierungen aus dem %■ .-m;M i S "r 1 DER JUDE MIT i<)Hi-:n mütze Abrahams) Unter den Werken Rembrandts sind die Radierungen am leichtesten zu lesen. Auch der naive Liebhaber der Kunst, den an ihren Darbietungen weniger die Weise und mehr der Gegenstand beschäftigt, wird sich hier schnell zurecht und angeheimelt finden. Denn anders als in seinen Handzeichnungen und Gemälden hat hier der Meister seiner Lust am Fabulieren — dieser eingeborenen Bürgerlust des Altholländers — freien Lauf gelassen. Mit sinnfälligem Behagen verweilt er beim Schildern und Erzählen, gibt intime Novellen in einer wohlausgestatteten Szene, also das, was mar. Genrestücke nennt. Der kühne Impressionist der Zeichnungen, der visionäre Künstler der Malereien, in beiden Fällen ein Neuerer von weit wirkendem Wurf, geht auf diesem seit langem volkstümlichen Arbcitsfeldc -— wenigstens am Anfang und dann noch eine gute Strecke —- mit der Volkskunst zusammen. Sonst einsam auf seinen Möhen, pflegt er hier geselligen Umgang. Aber das hindert ihn nicht, je später je mehr, die eigene, persönliche Art dem Herkommen entgegenzusetzen. Er verfeinert das Handwerk, erweitert den Bilderschatz nach allen Richtungen des Lebens, bereichert und vertieft seinen Ausdruck. Niemals vorher hat def Kupferstich so innig, so menschlich erzählt. Und auch das: ihre schlichte, innige Menschlichkeit scheidet die Radierungen Rembrandts von den beiden anderen Künsten. Was sonst ein Ausnahmsfall, wird hier zur herzgewinnenden Regel. Das Erhabene wird vermenschlicht, selbst die mächtigen Themen der Bibel, welche Jahrhunderte in der Distanz der Ehr furcht und des Glaubens gesehen, werden uns mit einemmal ganz nahegebracht, aus entrückten Sphären in die Kreise dc> Klemlcbens, in den Kreis unseres Lebens gezogen. Das Pathos wird abgestreift, auch die Patriarchen verlieren das heroische Maß, ihre Erscheinungen, Gebärden und Schicksale werden vermenschlicht. Hatte die Kunst bisher solche Stoffe ins Monumentale gesteigert — hier werden sie in ihr Gegenteil, ins Familiäre gewendet. Der feine Zauber der Beseelung ist über sie gekommen. Und bewegt von einer Seele wie der unseren, werden uns ihre Erleuchtungen und Kümmernisse wunderbar gegenwärtig. Auf dieser Spur der inneren Wahrheit erscheint schon die erste Darstellung aus dem Kreise Abrahams, die Rembrandt radiert hat, das Blatt mit der Versto ß u n g d e r Hagar vom Jahre 1637. Vor dem etwas schrägen Haus mit dem belaubten Vordach steht Ahraham auf der Treppe, zwischen den beiden Frauen und ihren Söhnen. Denn links lehnt Sarah aus dem Fenster, der kleine Isaak öffnet die hölzerne Halbtür, rechts entfernt sich die weinende Hagar mit dem im Rücken gesehenen Ismael. Ein Hündchen vervollständigt die Gruppe, ein hochstrebendes Gebäude und ein kleiner Baumschlag mit einer wirbelnden Laubkrone beschließen die Szene. Man wird, um zum rechten Verständnis, also auch zum reinen Genüsse zu kommen, das Bildchen nicht auf seine „historische Richtigkeit" prüfen dürfen. Schon die reichen Kostüme des Erzvaters und seines Erstgeborenen sind phantastisch, sind von der Art jener Prachtstücke, mit denen der Künstler in dieser frühen Zeit auch sonst seine östlichen Figuren zu bekleiden liebte, und unter der Feldflasche der Kebsfrau wird gar ein mittelalterliches Hängetäschchen sichtbar. Den Archäologen und Ethnographen hat Rembrandt es kaum jemals recht getan. Denn wiewohl er m diesen Dingen mancherlei Kentnisse besaß und ein passionierter Sammler des Exotischen gewesen ist, hat er sich mit größter Freiheit seinen Orient gebaut. Die Realienkunde der grauen Vorzeit galt ihm wenig, mehr schon die greifbare Wirklichkeit der Amsterdamer Judengasse, am meisten aber die eigene Phantasie. Man wird gut tun, diesen Standpunkt des Künstlers zur Sache ein für allemal im Auge zu behalten. Auch der Bibel gegenüber verfährt er nicht illustrativ, er liefert nicht Abbildungen zu ihrem 1 ext. Sondern er läßt auf die Wahrnehmungen seines täglichen Gesichtskreises im Judenviertel sein teilnehmendes Gefühl, seinen hochgestimmten Geist einwirken. So wird, was er hier bietet. Eigentümlich gemischt aus immer erneuten Beobachtungen des Rassenlebens, das ihn farbig und geräuschvoll umgibt, und den Meditationen seiner einsamen Seele, vereint es erdfrische Kraft mit ungemessenem Schwung, das Wirkliche mit dem Wunderbaren. Demgemäß halten sich auch die Personen nicht durchwegs an die Überlieferung. Denn bei Rembrandt erscheinen die beiden Knaben fast gleichaltrig und Sarah, die doch erst kurz vorher das gefährliche Wohlgefallen der Philister erregt hatte, als eine dünnknochige Greisin, die der vollen und derben Magd mit unverhohlen hämischer Schadenfreude nachblickt. Es wird klar, daß der bibelfeste Künstler mit Rücksicht auf das Drama, das er geitalten wollte, auch hier nicht bibeltreu verfahren ist. Er macht von den Mitteln der heiligen Geschichte den Gebrauch, der ihm am besten scheint, um an sein Ziel zu kommen. Das Zentrum der kämpfenden Stimmungen, aber auch das der Komposition, ist Abraham. Wie er, den einen Fuß auf der Stufe zum Flaus, den andern auf dem unbestimmten Weg in die Landschait, zugleich hier- und dorthin sich wendet, die Arme nach beiden Seiten ausgebreitet, Abschied nehmend und wieder heimkehrend, aber das LIaupt noch im letzten Augenblick teilnahmsvoll den Vertriebenen zugerichtet, beherrscht er die Bewegung, die im ruhigen Bogen an ihm vorbeiflutet, eine alle umfassende Bewegung, an der selbst das niedersteigende Hündchen noch mithilft, um an entscheidender Stelle den gleitenden Zug der Gruppe lebendig zu verknüpfen. In der Gestalt Abrahams vereinigt der Künstler eine Reihe von Studien aus der Jodenbreestraat, die ihn

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