Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 118 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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118 M E N O R A H Unsere Mutter Von A. K. (3. Fortsetzung.) 3. Kapitel. MUTTER ERZIEHT SICH SELBST. In dem Augenblicke, da Mutter erkannte, daß das Schicksal ihr einen Weg gewiesen hatte, den sie wohl nie selbst gewählt hätte, von dem es aber kein Zurück gab, war sie fest entschlossen, den vorgezeichneten Weg weiterzugehen, ihre Pflicht zu tun. Und nun begann sie sich selbst zu erziehen. Sie hatte nie einen Strumpf gestopft, nie genäht. Ironisch blickten die sonst gutmütigen Schwägerinnen sie an, wenn sie ihnen beim Nähen, beim Flicken, beim Strümpfestopfen zusah, ohne sich etwas merken zu lassen. Und als der bildschöne, schwarzlockige Junge Leopold — sie hieß damals in der Stadt „Die Frau vom schönen Kind" — ein Jahr alt war, da trippelte er in einem herrlichen handgestickten weißen Kleidchen zu den Tanten in die Nachbarwohnung hinüber; das Kleidchen hatte die achtzehnjährige Mutter nicht nur selbst gestickt, nein, auch zugeschnitten und genäht. Sie hat uns erzählt, wie sie eine halbe Nacht hindurch den Ärmel, der nicht sitzen wollte, immer wieder und wieder heraustrennte und einnähte, bis er endlich paßte. Von ihren schönen Seidenkleidern behielt sie nur zwei dunkle, bescheidene im Kasten, die andern wurden aufgehoben. Ebenso erging es der Wäsche. Ihre Enkelkinder haben noch Kleidchen getragen aus feingesticktem Musselin und Seidenfutter in ihren Mänteln — das alles stammte aus jenen Tagen. Später ging sie täglich in die Küche und sah der Köchin zu, half ihr wohl auch. Jeden Augenblick, den ihr die Kinder übrig ließen, brachte sie des Vormittags dort zu, sie, die die Küche nur betreten hatte, um Anordnungen zu geben, die laut aufgeschrien hatte, wenn ein Topf überlief, es aber nie gewagt hätte, diesen Topf anzufassen. Und dieses junge Geschöpf wurde ohne Führung, nur mit ihrem eisernen Willen, eine Hausfrau, wie sie selbst in den guten alten Zeiten eine große Seltenheit war. Es war selbstverständlich, daß wir in dem großen Haushalt, wo es sehr auf Arbeitseinteilung und Spezialisierung ankam, auch eine gute Köchin hatten — aber nie war das Essen so gut, als wenn Mutter aus irgend einem Grunde allein kochte. Und das Dunstobst, das sie zu bereiten verstand, diese Zwetschken, Wachsapferl, Reineclauden! In unserer Stadt gab es eine sogenannte Ausstattungsnäherin, eine Weißnäherin, die sehr gesucht war und sich nicht mehr zu Flickarbeiten hergab. Damals bestellte man noch keinen Trousseau und keine Babyausstattung in der Großstadt, sondern es wurde alles, aber auch alles im Hause genäht. Am liebsten kam Frau Resner zu uns. Sie erklärte, daß sie keine Frau kenne, die so geschickt sei im Zuschneiden der Wäsche wie Mutter; sie selbst, die doch von der Zunft sei, müsse vor ihr die Waffen strecken. Das gleiche sagte die Kleidernäherin. Mutters Geschmack, ihr Verständnis, ihre Erfindungsgabe wurden bald überall bekannt, und sie erregten nicht wenig Neid. Nach acht Jahren waren fünf Kinder da: zwei Jungen — diese kamen freilich bald in die Fremde — und drei Mädchen. Sie stillte die Kinder selbst und hielt nur zwei Dienstboten. Trotzdem trugen wir an Sonn- und Feiertagen immer weiße Kleider, die Knaben weiße Höschen und schottische Seidenkittel mit schwarzem Ledergürtel — die kleidsame russische Tracht. Und unsere Hüte waren aus weißem Stroh oder Bast und hatten Kränze aus Rosenknospen! Und da möchte ich ein hübsches Wort meiner Mutter mitteilen. Eine bekannte Dame fragte sie einst etwas ärgerlich, ob sie denn Heinzelmännchen hätte, die ihr zuhilfe kämen — damals hatte Mutter schon ein Dutzend Kinder — wie sie die Arbeit bewältigen und die Kinder so kleiden könne, als hätte sie ein einziges. ,,Das ist sehr einfach, liebe Frau H.", antwortete Mutter, „ich habe zwölf einzige Kinder." Aber nicht nur das Kochen und Nähen hatte sie vollkommen erlernt, alles, was im Hause zu tun war, verstand sie aus dem F. Für sie gab es keine Schwierigkeit, jedes Hindernis bewältigte sie spielend. Dabei war sie immer guter Laune, nie verstimmt oder brummig. Die Dienstboten vergötterten sie, trotzdem sie viel mehr arbeiten mußten als anderswo; Näherinnen, Lieferanten, alle arbeiteten gern für sie. Bald kam kein Uhrmacher mehr ins Haus; sie verstand es, Uhren und auch Schlösser zu richten. Einmal war sie zu Besuch bei einem Nachbarn, dem Schuldirektor L.; seine verwitwete Tochter, die ihm die Wirtschaft führte und erst seit kurzem wieder in B. war, erkundigte sich nach Mutters Uhrmacher. Daraufhin richtete Mutter die Uhr. Ich mochte ein halbes Jahr verheiratet gewesen sein, als unsere Speisezimmeruhr stehen blieb und nicht mehr zum Gehen zu bringen war. Mein Mann wollte den Uhrmacher kommen lassen, aber ich sagte: „Mutterle kommt nächste Woche, da wird sie sie uns richten." Und so geschah es auch. Wenn der Küchenherd rauchte und die Köchin ein verdrossenes Gesicht machte, es sich aber nicht einfallen ließ, dem Übel eigenhändig abzuhelfen — der Kaminfeger kam nur einmal im Monat und war sonst schwer aufzutreiben — so zog Mutter einen alten, abgelegten Schlafrock an und — putzte selber den Ofen aus! Wie uns das imponierte! 4. Kapitel. WIE MUTTER IHRE TÖCHTER ERZOG. Einmal kamen wir fröhlich mit unsern Schulzeugnissen nachhause. Mutter war nicht im Wohnzimmer, wir eilten in die Küche. Da stand sie auf der Leiter und putzte den Küchenherd aus. „Lauter Einser, Mutterle!" rief meine ältere Schwester Rosa aus. „Schön, legt die Zeugnisse auf den Schreibtisch!" lautete die Antwort. „Weißt du, Mutter," sagte Rosa gekränkt, „du möchtest vielleicht, daß wir lauter Nullen bringen!" Aber so war Mutter. Denselben strengen Maßstab, den sie an sich anlegte, mit dem maß sie auch ihre Kinder. Oft und oft prägte sie uns ein, daß Bravheit unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit sei, für die uns kein Lob gebühre — aber für Vergehen setzte es immer Strafe. Die ganze Woche hindurch gab es immer soviel Arbeit, daß sie oft nur mit einem Wort, mit einem Blick strafte; aber am Freitag kam immer das große Strafgericht. Um jene Zeit gab es noch keine oder nur vereinzelte Badezimmer in unserem Städtchen, dafür eine hübsche, reinliche Badeanstalt. Wir hatten damals eine Wohnung in einem der schönsten Häuser der Stadt, aber ein Badezimmer ließ Mutter erst machen, als wir in unser eigenes kleines Haus zogen. Jeden Freitag also ging Mutter mit uns drei Mädchen in die Badeanstalt. Da wurde eine Kabine mit zwei Riesenwannen genommen, und eine von uns durfte mit Mutter zusammen baden, die beiden andern in der andern Wanne. Und da wurden unsere Missetaten von der ganzen vergangenen Woche ans Tageslicht gezerrt, und Mutter tadelte uns streng. Die Begünstigte, die bei Mutter in der Badewanne sitzen durfte, war stolz wie eine Königin und ertrug um diesen Preis sogar den herben Tadel gern. Die andern beiden haßten diese Dritte, Begünstigte förmlich — es war fast jedesmal eine andere — und schalten sie Streberin und falsche Schmeichelkatze. (Fortsetzung: folgt.)