Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1925)
- Article
- Gilgul
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 115 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH 115 Münzen hervor und seine Hände wühlten in Gold. Dann legte er einen Talar und ein Samtbarett an. Jetzt glich er einem Gelehrten aus alter Zeit. Lächelnd schritt er zur Tür und trat ins Vorhaus. Der Gemeindediener öffnete die dritte Tür. Es war das Arbeitszimmer. Hohe Bücherregale bis zum Plafond standen die Wände entlang. Elieser zog einige Bücher hervor und durchblätterte sie. Dann setzte er sich zum großen Schreibtisch und durchwühlte die Papiere, die dort aufgehäuft lagen. Während der ganzen Zeit sprach er kein Wort und die drei Männer waren wie von einem Traum befangen. Nach einer Weile erhob sich Elieser und trat in eine Nische, zog einen Vorhang beiseite und ein großes Himmelbett wurde sichtbar. Die drei Männer folgten ihm dorthin und da gewahrten sie etwas, was sie zu Stein erstarren ließ. An der Wand hing das Bild eines Mannes, das Elieser zum Verwechseln ähnlich sah. Der Mann, der hier abgebildet war, schien wohl älter zu sein, aber es waren die Züge Eliesers, es waren seine Augen, sein Bild war es Zug um Zug von furchtbarer Ähnlichkeit. Der Mann trug den gleichen Talar von altem Schnitt, den Elieser vordem angelegt hatte und auch das Samtbarett. Verträumt stand Elieser neben dem Bett und blickte durch das Fenster auf die schweigende Gasse. Da fragte Reb Joel, der seine Neugierde nicht länger bezwingen konnte, leise den Gemeindediener: „Sagt, wen stellt das Bild dar?" ,,Es ist der frühere Besitzer des Hauses", erwiderte der Angeredete, gleichfalls in leisem Ton. Doch Elieser hatte die Worte vernommen. Er erhob seine Augen zur Wand und gewahrte das Porträt. Wie versteinert starrte er eine Weile das Bildnis an, dann stürzte er wie vom Blitz getroffen zu Boden und gab kein Lebenszeichen von sich. Die drei Männer bemühten sich um ihn, doch es verging geraume Zeit, bis Elieser die Augen aufschlug. XXXIV Der Gemeindediener holte einen Wagen und Reb Joel führte Elieser in sein Haus, wo er gleich zu Bett gebracht wurde. Mit offenen Augen lag Elieser da. Ihm fehlte die Kraft zum Sprechen und nur ein unverständliches Stammeln kam ab und zu von seinen Lippen. Man holte einen Heilkundigen. Dieser zuckte die Achseln und sprach: „Ärztliche Hilfe vermag hier nicht viel, tdie Entkräftung ist zu weit vorgeschritten. Wie konnte man diesen Menschen so herunterkommen lassen?" Er verschrieb ein Kräftigungsmittel und entfernte sich. Bei Tag und Nacht saß nun Naftali am Krankenbett seines Freundes. Mit geschlossenen Augen lag Elieser da und nur die Atemzüge, die seine Brust hoben, verrieten, daß er noch am Leben war. Er nahm keine Speise zu sich und siechte langsam dahin. Es war an einem Sabbathnachmittag und die Krankenstube war voll Licht und Wärme. Da erhob sich Elieser plötzlich im Bett und sein Blick war wieder klar. Er ergriff die Hand des Freundes und sprach: „Lange suchte ich nach den verborgenen Dingen. In einem Winkel meines Hirnes dämmerte eine Erinnerung an eine andere Zeit und an ein anderes Leben. Dir allein vertraute ich jene Erscheinungen an, die sich dunkel und langsam zu einem Ganzen bildeten. Aus vielen Teilchen setzte sich vor meinen inneren Blicken das verflossene Leben jenes Jakob Germann zusammen, bis sich mir, durch den Anblick seines Bildes wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl der ganze Sinn meiner inneren Erlebnisse offenbarte. Plötzlich wurde es mir klar: Nicht jener Mann war es, der all das, was ich erträumte, erlebte. Ich selbst bin es. Als mich diese Erkenntnis durchzuckte, sank ich hin, denn ich fühlte den Tod im Nacken. Wie kommt es, daß ich noch lebe, Naftali . . .?" Matt fiel der Kranke auf die Kissen zurück und rang nach Atem. Naftali bemühte sich um ihn und rieb ihm Gesicht und Schläfen mit einer erfrischenden Flüssigkeit ein. Elieser beruhigte sich und Lag einige Zeit mit geschlossenen Augen da. Dann setzte er sich trotz der Bitten Naftalis wieder auf und fuhr mit leiser Stimme fort: „Mir ist, als wenn mein jetziges Leben bloß ein Traum gewesen wäre, und das, was ich bloß träumte, sich wirklich zugetragen hätte; als wenn ich stets nur in jenem Hause in der stillen Gasse gelebt hätte. Kannst du das verstehen, Naftali?" „Jetzt verstehe ich es", erwiderte Naftali und bat den Kranken nicht zu sprechen, aber Elieser fuhr fort: „Wer weiß, ob mir nicht bald ein Mächtiger Schweigen gebietet. Darum sollst du alles hören . . . Meine Kindheit, das Cheder und die Jeschiwa, ja sogar Judith und meine Eltern und alles, was mir in diesem Leben widerfahren ist, erscheint mir nur wie ein Traum einer langen Nacht. Jenes Leben des Leibarztes aber ist mein eigentliches Leben gewesen und klar und deutlich wie nie zuvor zieht es an meiner Erinnerung vorbei . . ." Bei den letzten Worten Eliesers war die Tür leise aufgegangen, und gefolgt von Reb Joel trat ein Mann ins Zimmer, der sich dem Krankenbett näherte. Naftali erhob sich und neigte sein Haupt vor dem Manne. Es war der Bai Schern, der den Sterbenden aufsuchte. Beim Anblick des heiligen Mannes sank Elieser in die Kissen zurück und hauchte seine Seele aus. Die letzten Sonnenstrahlen fielen in die Stube und übergössen den Raum mit weichen, hellen, goldenen Farben. Naftali und Joel brachen in Tränen aus. Da sagte der Bai Schern: „Weinet nicht um ihn, denn er hat für immer Erlösung gefunden. Der Tod bedeutete Wiedergeburt. Zu einer Tür gehen wir hinaus, zur anderen hinein ..." Der heilige Mann neigte sich über den Toten, drückte ihm die Augen zu und sprach: „Mögest du nun Ruhe finden, du Ruheloser, denn deine Seele ist frei von allen Schlacken, deine Irrfahrt ist zu Ende. Gehe in Frieden in jene Welt, aus der du kamst und in die du wieder einziehst." ENDE. FRITZ GROSS MÄHER