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Menorah · 1925-05-01 · Heft 5 (Mai 1925) · p. Seite 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 5 (Mai 1925)
Article
Römerbrücke in Mostar [Illustration]
Date
1925-05-01
Page
Seite 107 (sequence 1)
Language
German
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MENOR AH 107 FRITZ GROSS So wuchs eine Schichte von dilettantischen Heiligen heran, jene mystischen 36 Gerechten, die an anderer Stelle, im profanen Leben, recht unschuldige und stille Menschen waren, die aber dort, in der mystischen Höhenwelt, wo Schweigen geboten war, sehr beredt wurden. Sie haben an denselben Mysterien herumgedeutet, die längst keine mehr waren und die von anderer Seite restloser enthüllt wurden, und der grobe Trägerstrick um ihren Lenden, entpuppte sich als eine ideelle Fortsetzung der mystischen „goldenen Kette" ... Es fehlte ihren Aussprüchen jene liebliche Anmut der „schneiderischen Tojre", an der sich die hannvollen Seelen von Schülern Alechems „Tojwie" und „Jidel Kutojnti" gelabt hatten. In ihrer verstümmelten Thoraauslegung drückte sich die Verkrüppelung ihres eigenen Daseins aus, ihre Mühsal, ihre Hoffnungen. Sie verbanden mit ihrem „Tojresagen" keine höheren Absichten und da sie naiv an das Wort herantraten, spendete es ihnen Trost, Heiterkeit. Aber Jojchunon, der Wasserträger, ist ein Denker, und das „Kapitel Thilim", mit dem er, wie Perez erzählt, den heiligen Orhachajim den Rang streitig machte — er konnte an ihm nicht mehr jene ungetrübte Freude erleben, die der Psalmodist dort für die Mühseligen und Beladenen aufgespeichert hatte, auf daß sie, ohne exegetischen Scharfsinn und kabbalistische Deutungen, an ihm froh werden. Die Rangerhöhung trübte dessen naive Fröhlichkeit. Auch hierin offenbart sich das Antisoziale in Perez' Erscheinung. Er setzte Menschen in die Literatur und gab ihnen nichts auf den Weg, wovon sie zehren konnten. Er entführte sie aus den Wundermären, wo sie im Legendären lebten, in dessen Sphäre Wunder eine natürliche Erscheinung waren — in der Literatur hingegen verlor das Wunderhafte ihrer Existenz den Boden unter RÖMERBRÜCKE IN MOST AR den Füßen. Ihre Naivität war konstruiert, sie grenzte bedenklich an Raffinement. Dieses geistige Raffinement verpflanzte Perez als Erster in die jüdische Literatur. Er war derjenige, der uns den Luxus gab der „kleinen Geschichten für große Kinder", anstatt von vornherein die großen Geschichten zu schaffen, die sicherlich geringere Möglichkeit für die verschiedenen geistigen Mißverständnisse offen gelassen hätten. Denn diese „kleinen Geschichten" wurden von den großen Kindern bagatellisiert. „Der Gerichtstag mit dem Wind", ,,Der Disput mit dem Todesengel" — alle diese erdichteten Handlungen mit symbolischem Hintergrund Aerringerten die Ehrfurcht vor der strengen Gesetzmäßigkeit von Tod und Leben. Man erschütterte ihre Unabwendbarkeit und aus ihrer Realität wurden spielerische Metaphern gewalkt, die man nicht mehr so blutig ernst nehmen mußte. Denn die Metapher ist milder als der Tod und zugänglicher. Und ich glaube seiner Bedeutung keinen Abbruch zu tun, wenn ich heute, an seinem Todestage, da wir uns seinen Geist verlebendigen wollen, diese Bemerkungen zu Perez' Werke aufzeichne. Denn nicht ziemt es uns, Schatten hinwegzuwischen, wo Licht ist, um ihn zu ehren, sondern wir wollen ihn erkennen, um Klarheit zu schaffen für die jüdische Literatur, der er sein Leben widmete, mit reiner Hingabe und mit glühendem Willen zum Geist. Und vielleicht liegt darin die Tragik in Perez' Schaffen, daß dieser glühende Willen zum Geist nicht Erfüllung wurde. Er war sein Leben lang ein Suchender. Ewig blinkte ihm aus der Ferne der „Schatz" — die künstlerische Gestalt, aber im entscheidenden Augenblicke entschlüpfte sie ihm. Was zurückblieb, war bloß Schein. Er blieb im Banne der Idee.

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