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Menorah · 1925-05-01 · Heft 5 (Mai 1925) · p. Seite 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 5 (Mai 1925)
Article
J. L. Perez
Date
1925-05-01
Page
Seite 106 (sequence 1)
Language
German
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106 M E N O R A H J. L. P E R E Z Zu seinem 10. Todestage (13. April 1925) VON M. GROSS Zwei Ideale stehen sich gegenüber in der jüdischen Literatur: Die Gestalt und die I d e e. Ihrer Natur gemäß widerstreben sie einander und ihr innerer Antagonismus trat schon in der sogenannten klassischen Periode der jüdischen Literatur deutlich hervor, obwohl man in jener Zeit noch keine theoretischen Diskussionen über Richtung und Stil, über alte und neue Kunst führte. Auf der einen Seite Mendele mojeher sfurim und Schülern Alechem, die Schöpfer der Gestalt in der jüdischen Literatur, auf der anderen Seite J. L. P e r e z, der Träger der Idee. Bei Mendele und Schülern Alechem haben sich die ideellen Elemente unter den schöpferischen Willen untergeordnet, der ihnen ihre Selbständigkeit nahm und sie in das Werk eingliederte. Hier fanden sie ihre Verwirklichung und wagten nicht mehr, außerhalb ihres Rahmens fortzudauern. Bei P er ez jedoch strebte die Idee eigenwillig über das Werk hinaus. Sie gab sich ihm nie völlig hin, sondern immer von neuem als Problem auf, und ihre innere Unruhe störte dessen endgültige Formwerdung. Sein grüblerischer Geist irrte zwischen den Ideen und Problemen der Welt umher, die vom Künstler in der Gestalt gesammelt, überwunden werden, die aber P e r e z nie aus ihrem Banne entließen. Seine Art war es, in den Problemen zu wühlen, ohne sie im Werke losen zu können. Gestalt bedeutet Erfüllung, Idee jedoch bleibt letzten Endes Postulat und ihre Sphäre ist nicht das Leben, sondern dessen Problematik. Der aufgespeicherte Lebensreichtum, aus dem der Künstler die Gestalt formt, steigert unsere Vitalität, während die Idee zumeist die Tendenz in sich birgt, die geistige Unbefriedigtheit weiter zu nähren. Sie nagt an uns, mahnt, bringt Qual. Diese Qual, die aus der Idee strömt, war gleichsam der Motor in P e r e z Schaffen und trat ganz an Stelle der schöpferischen Realität. Freilich finden wir auch bei Perez eine bunte Galerie originell erdachter Figuren, aber diese Figuren führen kein Eigenleben und sind wesentlich nichts anderes als illustrative Kommentare zu seiner Ideenwelt. Sie wurden von ihm lediglich für gewisse Funktionen bestimmt und sie hörten in demselben Augenblicke automatisch zu leben auf, da sie ihr Sprüchlein hergesagt, da sie als Symbole ihre Schuldigkeit getan haben: „Leib Philosoph sagt: Es gibt keine Wahrheit, keine Lüge . . . Gut und Böse--Ja! Und da es, meinte er, keine Wahrheit und keine Lüge gibt, so gibt es auch keine Irrsinnigen! Was also? --Nichts!" (J. L. Perez: „Im Irrenhaus.") So sprechen sie alle und so sprach auch Leib Philosoph---— sprach's und verschwand. Diese Figur hinterließ keine Spur in unserem Gedächtnis. Es blieb allein ihre Problematik--Wahrheit und Lüge, Gut und Böse--Ideen, die in der Gestalt keine Erlösung gefunden haben. Denn dieser Mensch ist bloß Gewand, in das Perez die Idee kleidete. Er ist nicht organisch mit ihr verwachsen, ist Hülle--daher dies oft läppische Nachschleifen hinterher. Idee und Träger vertragen sich nicht, reden aneinander vorbei, ohne Harmonie. Hingegen erreichte Perez Harmonie und Schönheit dort, wo sich die Idee nicht vordrängte, wo absolute Sachlichkeit herrschte. In seinen „Reisebildern" z. B., die Perez gelegentlich einer Reise durch die Provinz, wo er statistisches Material über das jüdische Leben zu sammeln hatte, schrieb, in diesen zufälligen und „prosaischen Berichten", die man allgemein neben seinem poetischen Werk einherlaufen läßt, ist, meinem Gefühle nach, reinere Volkstümlichkeit vorhanden, als in den literarisch raffinierten „Volkstümlichen Geschichten". Die Witwe, die mit ihren drei Kindern die ganze Woche über betteln geht und am Sabbatausgang das Erträgnis gegen Zinsen verleiht, der Rabbiner, der, unter Androhung eines Streiks in Ritualfragen, eine Gehaltserhöhung zu erzwingen versucht, der kleinstädtische Denunziant, der Schächter mit den gemästeten Schwiegersöhnen, der Maskil, der Abbrändler, der Verrückte, der nur halbtägig in Aktion bleibt, in der Zeit, da die Gassenjungen im Cheder weilen--das sind lebendige Menschen, Menschen, die in ihrer grotesken Wirklichkeit dastehen, nicht erdacht sind. Die Statistik wies ihn in die Realität und diese drängte ihm ihre Schönheit auf, ihren Humor. Der Humor aber entzog sich ihm dort, wo er von der künstlerischen Wahrheit abwich und die sogenannte „höhere" Wahrheit anstrebte, die Irrealität. Die geläuterte Fröhlichkeit, die Perez dem heiligen Niemirower und den anderen Zaddikim angedichtet hat, trübte die heitere Schönheit der jüdischen Literatur. Man kann Frohsinn durch kabbalistische Formeln nicht ausdrücken, mögen sie auch noch so intensiv Welterlösung andeuten. In der aristokratischen Verachtung der Einfachheit, die sich bei Perez in einer poetischen Sublimierung der Armseligkeit des Lebens ausdrückt, tritt uns seine Übersättigung mit Ideen entgegen, die ihn immer mehr von der künstlerischen Ursprünglichkeit entfernten und zu spekulativen Kombinationen verführten. Er war im Grunde ein allzu findiger Kopf und die schwerfällige Wirklichkeit konnte seinem Scharfsinn nicht folgen. Er hat weit mehr kluge Gleichnisse für das Leben erdacht, als das Leben selbst an Realität besaß. Es blieb hinter Perez* geistiger Regsamkeit zurück. ABRAHAM OSZTRZEGA: DAS GRABMAL DES J. PEREZ AUF DEM FRIEDHOF IN WARSCHAU Er brachte jene europäische Problematik in die jüdische Literatur, die ihr das organische Gefüge lockerte. Er riß sie aus ihrer inneren Heimat los, wo sie ihre eigene kraftvolle Jugend lebte und sie bekam gleichzeitig mit den „europäischen Errungenschaften" auch die geistige Senilität, die Impotenz, ins Haus geliefert, die ihr die Kraft für das Gegenständliche raubte. Sie begann an des Gedankens Blässe zu kränkeln. Aus dem robusten jüdischen Holzhacker, dem wirklichkeitsfrohen Gesellen, ward mit einemmal ein dämmerig-mystischer Erlösertypus. Er ging aus, Brot zu suchen und fand eine — — Chimäre. Und sogar um den „Schatz", den er doch als sicheres Aktivum in seine Lebensbilanz einkalkuliert hatte, wurde er letzten Endes betrogen. Er entpuppte sich als ein Gleichnis: Er war ein Strahl von Gottes heiligem Thron . . . Dies ist in einem tieferen Sinne antisozial. Ich will damit wahrhaftig nicht gesagt haben, daß es Perez an Mitgefühl mit seinen Menschen mangelte: jede Zeile seines Werkes ist von unendlicher Liebe zu ihnen erfüllt, aber diese Liebe spielt sich auf einer allzu hohen Ebene ab, dort, wo sie ihr eigenes Objekt nicht mehr erreichen kann. Er hat diesen armen Wasserträger eine so schwindelige Erhabenheit erklimmen lassen, daß er nicht mehr zu sich kommen konnte ... In dem Jammer seines Lebens begann an ihm plötzlich eine fixe Idee zu nagen und er vergeudete alle Energie daran, um in sich den Königssohn zu entdecken, unter den zerschlissenen Lumpen, die ihn zur Not umhüllten.

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