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Menorah · 1925-04-01 · Heft 4 (April 1925) · p. Seite 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 4 (April 1925)
Article
Der Traum des Chanania
Date
1925-04-01
Page
Seite 96 (sequence 1)
Language
German
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96 M E N O R A H Der Traum des Chanania Dem Talmud nacherzählt von P. ARNOLD In den alten Zeiten und in dein Lande, in dem meine Geschichte spielt, liebe Kinder, waren die Menschen bescheiden in ihren Ansprüchen, und wenn einer sein täglich Brot hatte, da hatte er schon viel und war glücklich und zufrieden. Da meine ich aber nicht einmal das tägliche Brot, das ihr ■gewohnt seid — die Butterbrote und die knusprigen Semmeln mit all den guten Sachen dazwischen, die euch die Mutter des Morgens für die Schule einpackt. Nein, damals buken die Bürgersfrauen jede Woche einen tüchtigen Vorrat von Weizenbrot, denn im Morgenlande gibt es keinen Roggen. Und von diesem Brot schnitt man sich zu jeder Mahlzeit herunter, soviel man zum Stillen des Hungers brauchte, und trank Wasser dazu! Gab es obendrein etwas Feigen — die sind im Morgenlande wohlfeiler als bei uns die Äpfel — so war das schon ein gutes Essen für Wochentage. Die armen Leute aber hatten auch das nicht, die nährten sich von Johannisbrot, den dürren, süßen braunen Schoten, die euch vielleicht recht gut schmecken, und die auch nicht zu verachten sind, die aber auf die Dauer, wenn man sie als einzige Nahrung hat, doch ein bißchen fade und trocken werden. Da ist ein Stückchen frisches warmes Weizenbrot schon eine ganz andere Sache! So dachte auch das Weib des Chanania, eines hochgelehrten und frommen Mannes, der bei Gott ob seines Lebenswandels in hohen Ehren stand, bei den Menschen aber weniger. Sie wußten ihm zwar alle nur Gutes nachzusagen, aber da er nicht mehr verdiente, als für ein Maß Johannisbrot die Woche hinreichte, so behandelten sie ihn und die Seinen mit der Geringschätzung, wie sie die Armen in dieser Welt meist erfahren. Chanania selbst merkte das zwar nicht, er ging seiner Arbeit nach, in Gedanken vertieft, und wenn sein Tagewerk getan war, saß er über den heiligen Büchern und studierte. Aber sein Weib kränkte sich bitter, nicht nur weil sie ihm und den armen Kindern kein Stückchen Brot vorsetzen konnte, sondern auch wegen der spöttischen Mienen der Nachbarinnen. Sie deckte wohl den Korb sorgfältig zu, in dem sie das Johannisbrot vom Markte holte, aber ach! Sie ahnte, daß sie nur sich selber betrog. Die Weiber wußten alle genau, daß sie keine Leckerbissen darin hatte, nicht einmal ein Säckchen Mehl. Auch stieg ja nie aus ihrem Schornstein Rauch auf, denn sie hatte weder zu braten noch zu kochen, und manch boshafte Bemerkung mußte sie darüber hören. Besonders die Nachbarin war ein böses Weib, das geradezu seine Freude daran hatte, die Arme zu quälen. Wann immer diese auf den Markt ging, schloß sie sich ihr an, fragte grinsend, was sie für den Sabbath kochen werde, empfahl ihr einen Händler, nannte ihr ein neues Brotrezept und erzählte ihr mit innigem Behagen von jedem neuen Kleide, das sie für sich oder ihre Tochter gekauft hatte. Zorn und Scham brachten die arme Frau außer sich, und sie griff zu einer List, um der bösen Nachbarin wenigstens einen bescheidenen Wohlstand vorzutäuschen: sie heizte im Backofen ein, lehnte dann an der Tür ihrer Hütte, und als die Nachbarin, neugierig gelaufen kam, um sie auszufragen, rief sie ihr zu: „Ich muß nur rasch hinein, nach meinem Brote sehen." Die List gelang, und von da ab heizte die Ärmste allwöchentlich den leeren Backofen. Bald aber kam die böse Nachbarin darauf, daß das Weib des Chanania auch weiterhin kein Mehl einkaufte; sie ärgerte sich über den Betrug und beschloß, die arme Frau zu entlarven und zu beschämen. Als das nächste Mal die dünne Rauchsäule aus dem verfallenen Schornstein stieg, ließ das boshafte Weib ihren eigenen Herd im Stich und stürzte zur Nachbarin hinein. „Darf ich sehen, was du heute bäckst?" rief sie lachend, und ehe die halb Ohnmächtige sie hindern konnte, hatte sie die Tür des Backofens geöffnet. Wer beschreibt beider Staunen, als der warme Duft frischgebackenen Weizenbrotes in die Stube drang! Der Ofen war bis an den Rand gefüllt mit herrlichem goldbraunem Brot! „Sehr schön, sehr schön", murmelte die Nachbarin betroffen und zog sich kleinlaut zurück. Als abends der Mann nach Hause kam, erzählte ihm die Frau von dem Wunder, das Gott getan hatte, um ihr die Beschämung zu 'ersparen. Aber nachdem sie einander ihre Freude ausgesprochen hatten, fiel der Frau die ausgestandene Angst von neuem schwer aufs Herz. Sie brach in Tränen aus und klagte: „Wir leben schlimmer als das Vieh, das wenigstens nicht die Mißachtung der anderen spürt. Noch jetzt schnürt es mir das Herz zusammen, wenn ich daran denke, wie das boshafte Weib auf den Ofen zutrat. Was nützt uns deine Gottesfurcht, was haben wir von deinem untadeligen Lebenswandel, wenn wir die Belohnung erst im Jenseits zu erwarten haben. Ich kann dies elende Leben nicht länger ertragen!" „Was läßt sich tun, mein armes Weib", erwiderte der sanfte Chanania. „Ich arbeite den ganzen Tag. Wenn der Verdienst gering ist — ich kann es nicht ändern. Wüßte ich Mittel, gern wollte ich dir und uns helfen." „Ich weiß ein Mittel", rief die aufgeregte Frau. „Du siehst ja, Gott tut Wunder in der Not. Bist du nicht sein treuester Diener? Hast du nicht im Jenseits reichen Lohn zu erwarten? Nun, bitte ihn, er möge dir ein Teil hievon schon jetzt auf Erden zukommen lassen." Chanania wollte zuerst nicht heran, aber die aufs äußerste erregte und erbitterte Frau ließ nicht locker, sie bat und bettelte, quälte und drängte, bis er schließlich doch trotz seiner Bedenken nachgab und sich in inniges Gebet versenkte. Frau und Kinder schliefen schon, Chanania saß noch immer im Gebet, da schwebte ein glänzender Gegenstand herab und fiel ihm zu Füßen. Es war ein schwerer Barren Goldes, groß genug, um ihm und den Seinen zeitlebens ein behagliches Dasein zu bereiten. Er war aber sonderbar geformt, wie ein schön gedrechseltes Tischbein. Chananias Gebet war erhört, aber was glaubt ihr wohl, liebe Kinder, war er froh und glücklich? Weckte er mit Jubelgeschrei Frau und Kinder, und tanzten sie alle um das goldene Tischbein? Nein, Chanania hob das Gold wohl auf und betrachtet es von allen Seiten, aber keine Freude wollte sich einstellen. Es war ihm schwer zu Mute, als laste eine Bürde auf ihm, und ein nie empfundenes Gefühl bedrückte ihn: es war das, was wir alle als Schuldbewußtsein kennen, liebe Kinder. Chananias feines Gewissen ließ ihm keine Ruhe, er empfand es als Unrecht, daß er, auf seine Makellosigkeit pochend, von Gott einen Teil seines Lohnes gewissermaßen schon hier erzwungen hatte. Schweren Herzens ging er zu Bette, und nachdem er lange schlaflos gelegen hatte, schlummerte er gegen Morgen ein und träumte. Er sah sich im Himmelreich, in einem Saale von solcher Pracht und Herrlichkeit, wie man ihn eben nur im Traum erblickt, und gleich den anderen Seligen saß er auf goldenem Bänkchen, einen goldenen Tisch vor sich, beim Mahle. Aber während alle anderen behaglich plauderten und aßen, saß er ängstlich da, wagte sich kaum zu rühren und hatte alle Hände voll zu tun um zu hindern, daß die Speisen und Getränke nicht vom Tische fielen, ja daß der ganze Tisch nicht umstürze. Denn seinem Tische fehlte ein Bein und er schwankte gefährlich! Da erschrak Chanania und erwachte und rief sogleich: „Herr, Herr, nimm dein Geschenk zurück!" Und das goldene Bein entschwebte wieder, wie es gekommen. „Aber was sagte Chananias Frau zu der Geschichte?" „Ja, liebe Kinder, das weiß ich nicht. Vielleicht denkt ihr euch das selber aus!"_ MA NISTANAH Als ich noch klein und stumm gewesen Und noch kein Wörtchen konnte lesen, Sollt' ich schon ma nistanah sagen. Wie schwer lernt' damals ich die Fragen! Doch schon nach fünf, sechs kurzen Wochen, Hab' ich sie ziemlich gut gesprochen. Der Sederabend kam alsdann, Kaum daß die Vorlesung begann, Da rief der Vater „Liebes Kind, Fang an und frage doch geschwind!" ,,Ich fragen?" meinte ich beklommen, ,,Sag' doch, ob bald die Knöderln kommen?" Siegfried Abeles. UNSERE FRAGE Auf unsere „Frage" in Nr. 1 des III. Jahrganges, welcher Mann, Frau oder welches Kind, das in der Bibel vorkommt, unsem jüngsten Lesern am besten gefällt, sind folgende Antworten eingelangt: FRITZ KAHN. Saarbrücken, 9 Jahre. In der Bibel gibt es viele fromme Gestalten. Am besten gefällt mir die Moabiterin „Ruth". Ruths gute Eigenschaften werde ich jetzt schildern. Sie befolgte hauptsächlich das fünfte Gebot. Sie war gehorsam und brav. Sie machte es nicht wie die anderen Moabiter, welche an Götzen glaubten, sondern sie glaubte an Gott den Ewigen; an den israelitischen Gott. Ihre Schwiegermutter Naemi war israelitisch. Ruths Schwester Orpa war nicht so fromm wie Ruth. Wir haben ein schönes Bild vor uns, wie Ruth und Orpa bei Naemi stehen und wie Ruth spricht: „Wo du hingehst da gehe ich auch hin. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Gott ist auch mein Gott. Nur der Tod kann uns beide scheiden." Aus dieser Geschichte erkennen wir den guten Charakter und die Familienliebe, die Ruth besaß. Sie ist ein Vorbild aller Lebenden. Wir sollen wie sie die Familie ehren, daß Brüder und Brüder einander lieb haben. DONATH ESTER, Topolcany. Löbl. Redaktion! Auf Ihre Frage, welcher Mann, Frau oder Kind uns am besten gefällt, ist meine Antwort: Jene Frau, welche vor dem König Schelemo sprach (Könige, 1. Kap., 3. V. 26): Bitte, mein Herr! Gebet ihr das lebende Kind, nur tötet es nicht! Es zeigt den wunderbaren Charakter, daß sie lieber ihr Herzenskind lebend in fremden Händen, als tot in den eigenen Händen wünschte. Dies gilt als Lehre für unsere heutige Zeit. .. REINHOLD HERZ, Speyer, 12 Jahre. Betreffs Ihrer Frage in Nr. 1 des 3. Jahrganges war meiner Ansicht nach, Moses der größte und edelste unserer Vorfahren, denn durch ihn hat Gott uns die Gebote gegeben, welche seit ewigen Zeiten bestehen und immer der Stützpunkt unseres Glaubens sein werden. Moses hat mit väterlicher Liebe Israel geführt und für das Volk, wenn es sündigte, um Verzeihung gebeten. Er hat sich darum der Lehre Gottes würdig gezeigt, in der es u. a. heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; ich bin der Ewige." 3. Mos. MARTA 6m) SZENES, Arad, 14 Jahre. Die, in der Bibel vorkommende, mit schöne Eigenschaften besegnete Personen sind sehr grosszählig, es ist daher nicht leicht von denen einen Ideal auszuwählen. Mein Ideal ist Ruth, die als Beispiel der Liebe und Treue dient. Ruth verliess ihren Heimat, dass Sie sich mit ihre Schwiegermutter in ein fremdes Land ziehe, denn Sie wollte im Guten und Schlechten ihr behilflich sein. Ruth kann jeder Frau als Beispiel dienen. Herausgeber Dr. NORBERT HOFFMANN, Eigentümer und Verleger HABRITH-VERLAGSGESELLSCHAFT m. b. H., sämtlich Wien, I., Zelinkagasse 13. Verantwortlicher Redakteur FRIEDRICH MATZNER, Wien, IV., Rainergasse 25; Druck der Waldlieim-Ebi-rle A. G. (verantwortl. Leiter: KARL WIELAND), Wien, VII., Seidengasse 3-11.

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