Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 4 (April 1925)
- Article
- Grabstätte Jakobs und Leas [Illustration]
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 1)
- Language
- German
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92 M E N O R A H HERMANN BLUMENTHAL / GILGUL Nachdruck verboten Ein Roman aus dieser und jener Welt Copyright by Interterritorialer Verlag „Renaissance"', Wien (10. Fortsetzung) Wir liefern allen Abonnenten die soeben ei Romanes ,.Cilgul" broschiert zum Vorzugspreise t einsendung des Betrages. chrenene Buchausgabe des n Mark V— gegen Vor- Dann fuhr er in der Landessprache fort: »Wie das Judentum nicht untergehen wird, so wird auch der Talmud ewig bestehen, kein Scheiterhaufen wird ihn uns rauben können.« Je länger der Rabbi sprach, um so mehr wuchs das Interesse der Zuhörer, bis sie mit ungeheurer Spannung auf seine Worte lauschten. Als der Tag sich neigte, sprach der Rabbi immer noch und zusehends zerstob unter seinen wuchtigen Verteidigungsworten das Lügengewebe der Talmudgegner. Durch die Fenster der Kathedrale sah man ein großes Feuer auflodern. Mit Karren und Handwagen wurden vor der Kathedrale viele Folianten herbeigetragen und in die Glut geworfen. Um den Scheiterhaufen standen frohlockend die Anhänger Germanns und ergötzten sich an dem Anblick. Im großen Saal, der in Dämmerung gehüllt war, lauschte alles atemlos auf die Worte des Rabbi, und ein Schauder ergriff alle Zuhörer, als der alte Mann ausrief: »In unserer Mitte hat sich ein Verräter gefunden und mit Feuer will er unsere Lehre ausrotten. ,Verräter werden durch ihre Gier gefangen', sagt die Heilige Schrift. Möge er selbst durch Feuer umkommen. Durch Feuer soll er bestraft werden, im Feuer soll er seine Seele reinigen müssen, das Feuer soll stets sein Begleiter sein, und was ihm nahesteht, soll ein Opfer des Feuers werden.«" Der Erzähler schwieg und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Dann wollte er fortfahren, doch jetzt erhob sich Elieser, und bleich und zitternd wiederholte er die Worte: „. . . Das Feuer soll stets sein Begleiter sein, und was ihm nahesteht, soll ein Opfer des Feuers werden." Ein Weinen schüttelte den Körper Eliesers. „Die Erzählung hat ihn sehr hergenommen", sprach Naftali. Doch Elieser faßte sich bald. „Erzählet, bitte, weiter", bat er, und der Greis fuhr fort: „Nachdem der Rabbi den Fluch ausgestoßen hatte, unterbrach er seine Rede eine Weile, näherte sich dem Fenster, und indem er mit ausgestrecktem Arm auf das Feuer zeigte, das jetzt einzudämmen begann, fuhr er fort: »Ehrwürdige Geistliche, hohe Adelige, seht hin, die Flamme hat keine Nahrung mehr. Wohl haben unsere Feinde genug Brennmaterial zusammengeschleppt, aber sie haben nur das Papier verbrannt; der Glaube bleibt in unseren Herzen, und auch das größte Feuer der Welt kann ihn uns nicht rauben.« Nach der Rede des Rabbi erklärte der Erzbischof, daß die Disputation am nächsten Tage fortgesetzt werden solle, und die Versammelten verließen die Kathedrale. Germann weidete sich am Anblick des brennenden Bücherstoßes und trat zum Scheiterhaufen, um vor der versammelten Menge seine Anklagen gegen den Talmud zu wiederholen. Doch da ereilte ihn die Strafe Gottes, wie geschrieben steht: »Vor seiner Sünden Banden wird der Frevler festgehalten.« Plötzlich erhob sich ein Wind, der die Flammen entfachte, und ein Funkenregen fiel auf den Mantel Germanns. Vergebens versuchte er sich die Kleider vom Leibe zu reißen, das Feuer verzehrte ihn, und er hauchte unter großen Qualen seine Seele aus. Als das Volk sah, daß der Fluch des Rabbi so rasch in Erfüllung ging, stob es entsetzt auseinander. Die Disputation wurde nicht mehr fortgesetzt, denn das Lügenmaul Germanns war für immer verstummt." Der Greis schwieg, und die Zuhörer saßen ergriffen und schweigend da; nur das Öllämpchen sang sein monotones Lied in der dämmerigen Stube. Plötzlich erhob sich Elieser, als sei er aus tiefem Schlaf erwacht, und sprach wie für sich: „Ich sah den dichtgefüllten Saal, den Rabbi und ihn . . . auch sein schreckliches Ende zeigte sich mir, und jetzt ist mir der Zusammenhang klar." In Gedanken versunken verließ Elieser ohne Gruß die Stube. Erstaunt sah ihm der Alte nach und schüttelte den Kopf über ihn. Reb Joel und Naftali dankten dem Greis für seine Erzählung und beeilten sich, Elieser zu folgen. XXXIII Reb Joel erhielt die Bewilligung, das stille Haus betreten zu dürfen. In Begleitung Eliesers und Naftalis begab er sich in die Villenslraße, wo sie der Gemeindediener erwartete. Sie betraten die blankpolierte Vorhalle. (Schluß folgt.) GRABSTÄTTE JAKOBS UND LEAS (Siehe Seite 91)