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Menorah · 1925-02-01 · Heft 2 (Februar 1925) · p. Seite 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 2 (Februar 1925)
Article
Alltag in Zion
Date
1925-02-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 MENORAH sollte — wie viel Nächte, wie viel Vormittage ist es schon kalt in unserem gesegneten, warmen Land! In Jerusalem vielleicht an ^echs oder acht Sabbatmorgen im Jahr, an der Küste, in der Jordanebene überhaupt nicht. Einen sehr ernsten Einwand machte mir ein Parteiführer einer orthodoxen Organisation in der Slowakei. Er fragte mich sehr grimmig: „Aber warme Suppe wollen Sie am Schabbes haben, nicht wahr?" Ich muß gestehen, ich war glücklich, daß kein Arbeiter Palästinas dieses Argument gehört halte, ich hätte mich tief schämen müssen ob eines solchen Einwandes, wo es sich um die ungeheuere, schicksalsschwere Frage handelt, ob wir in Palästina endlich einmal den Sabbat so hallen sollen und wollen, wie ihn das Heilige Gebot in gewaltiger Einfachheit und Klarheit befiehlt: „Du und Dein Knecht und Deine Magd und der Fremde, der in Deinen Toren ist." Das ist eben, was die Arbeiter den religiösen Juden vorwerfen: in Europa waren sie Fremde, sie seibst, da gab es nicht den „Fremden in Deinen Toren". In Palästina fühlen sich die Arbeiter schon heute, schon jetzt als „zu Hause", der orthodoxe Jude will sich aber nicht ohneweiters von seinem Ghetto trennen und schleppt es nach. Oh, er macht feine Unterschiede! Ich kenne Juden in Meah Schearim, einem orthodoxen Quartier Jerusalems. Die beobachten natürlich streng die Vorschrift, daß „der Fremde in Deinen Toren" nicht arbeiten soll; sie lassen daher auch keine Araber aus Meah Schearim bei sich am Schabbes aushelfen, sondern rufen solche, sagen wir, aus Ohel Moshe. Und die Juden aus Obel Moshe lassen Araber aus einem anderen Quartier Jerusalems kommen . . . und so erfüllt man das Gesetz. Versteht ihr, mit welchen Gefühlen der Arbeiter, der jahrelang Sommer und Winter in Zelten und ungeheizten Baracken zubringt, selche Beobachtung des Sabbat betrachtet? Versteht ihr, daß ihm ein Argument „Aber warme Suppe wollt ihr essen?" wirklich als Gotteslästerung erscheinen muß, wenn es von einem Juden gebraucht wird, der sich als besonders religiös betrachtet? . .. (Ganz abgesehen davon, daß es Kochkisten gibl, seit Jahrzehnten gibt, in denen man Speisen durch drei und vier Tage lang kochend heiß erhalten kann — nicht einmal zur warmen Suppe braucht man den Schabbesgoj.) DER GROSSE UNTERSCHIED Der Arbeiter betrachtet Palästina als den kommenden Judenstaat. Er erkennt die Gefahr, die in der Anwendung arabischer Arbeiter besteht und kämpft dagegen. Der religiöse Jude des alten Schlages geht nach Palästina aus ganz anderen Gründen, als um einen Staat aufzubauen. Er will dort — so gut oder so schlecht es eben geht, bequem leben. Er will dort „sein littauisch Städtel" wiederfinden, um ein Wort Schalom Aschs (wenn ich nicht irre) zu gebrauchen. Der Arbeiter aber haßt alles, was ihn an das „littauisch Städtel" erinnert. Haßt das Jiddisch, haßt sogar die polnische oder littauische Aussprache des Hebräischen, haßt vor allem das Gefühl, in der Fremde zu sein. Und der Schabbesgoj bringt ihm die Fremde nach Palästina. Ich glaube: man kann und wird die Arbeiter für das jüdische Gesetz gewinnen. Aber wenn man sie gewinnen wird, wird es nur für ein strenges und eisernes Gesetz sein; ohne Kompromisse und ohne Rücksicht auf die warme Suppe der Galuth . . . Und dieses ist auch der große (seelisch begründete) Konflikt zwischen dem großen und edlen Raw K u k, dem Oberrabbiner von Jerusalem und dem menschlich so ergreifend vornehmen Raw Sonnenfeld. Der erste betrachtet Palästina als den Judenstaat von morgen und stellt sich seelisch darauf ein; dieser hingegen lebt gefühlsmäßig noch immer in dem kleinen Jerusalem der Vorkriegszeit und versteht nicht, daß heute nicht nur die Orthodoxie Forderungen an die irreligiösen Juden zu stellen hat, sondern daß auch diese Forderungen an die Orthodoxen stellen: die Forderung, nicht den Arabern und nicht dem Vatikan in ihrem Kampfe gegen ein jüdisches Palästina, gegen die hebräische Sprache und gegen die jüdische Arbeiterschaft zu helfen. Daß dies geschehen ist, daß dies jahrelang der ermordete De Haan getan hat, das hat der Sache der orthodoxen Juden in Palästina so viel geschadet, daß erst jetzt die Tatsache der verstärkten Einwanderung gesetzestreuer Juden dem areligiösen Jischuw die Überzeugung wiedergibt, daß auch die religiösen Juden Palästina wollen. Und dies wird das beste Argument sein, um eine religiöse Atmosphäre in dem Heiligen Land zu fordern: beweisen, daß es die religiösen Juden sind, die nicht nur Palästinas erste Alijah vor fünfzig und vierzig Jahren gebildet haben, sondern daß sie auch die vierte und die letzte Alijah bilden werden. Und daß die Periode der irreligiösen Immigration — ebenso wie es zu Esras und Nehemias Zeiten der Fall war — nichts weiter war als eine Episode in der Geschichte des jüdischen Palästinas, das jüdisch bleiben wird im Geist des jüdischen Gesetzes — nicht weil es einige Rabbanim oder einige Parteien verlangen, sondern weil die Mehrheit der palästinensischen Juden am Gesetze festhält. SEPHARDIM UND ASCHKENASIM Die Mehrheit wird religiös, gesetzestreu sein. Ohne Zweifel. Sie ist es sogar schon heute. Aber — sie ist gespalten, uneins. Ich denke dabei nicht an die ernsten und gewichtigen Gründe, welche die Gemeinde Raw Sonnenfelds verhindert haben, sich dem Oberrabbinat zu unterordnen. Ich bin kein Einheitsfanatiker und verstehe, daß man aus Gewissensgründen Unabhängigkeit verlangt. Aber unerträglich und eine Schmach für das sich erneuende Judentum ist in meinen Augen, daß auch das unter dem Oberrabbinat geeinte Judentum Palästinas, Jerusalems in verschiedene Gemeinden mit verschiedenem Ritus, verschiedener Aussprache des Hebräischen, verschiedenen Gebräuchen und Vorschriften zerrissen ist. Nicht nur Sephardim und Aschkenasim stehen sich unter verschiedenen Oberrabinern gegenüber und sind durch sehr wichtige Gesetzesunterschiede — ich denke zum Beispiel an den Bann Rabbi Gerschons — verschieden; auch diese Gruppen selbst sind noch untereinander unterteilt: die Jemeniten, die Bucharer, die Perser leben in eigenen Gemeinden ebenso wie die Aschkenasischen Juden von den englischen und amerikanischen Juden abgesondert beten. Nicht diese Spaltung — so sehr sie auch bedauernswert ist — erscheint mir aber als Schmach. Die Schande liegt darin, daß es viele und gute und ehrlich fromme Juden gibt, die sich mit dieser Zersplitterung nicht nur abfinden, sondern sie sogar gut heißen. Die auch nur den Plan einer Vereinigung der zerstreuten Stämme mißbilligen. Raw Kuk plant nicht nur die Errichtung einer Weltjeschiwah in Jerusalem, sondern er träumt — wie ich glaube — auch von der Erneuerung des Sanhedrin in Jerusalem. Mögen unsere Augen noch den Zusammentritt dieses Sanhedrin schauen. Nichts anderes und niemand anderer hätte die Macht, aus den zerstreuten Stämmen Israels, deren Vortrupp sich jetzt in Palästina sammelt, das geeinte — auf dem Boden und im Lande der Thora geeinte — jüdische Volk zu schaffen, das wir erst werden, Irotz Balfour- Deklaration aber ebensowenig sind, wie es etwa die Deutschen vor den napoleonischen Kriegen waren. :.....; aniiii>iich (k-s :..........: Ll?.2?..:: 25 jährigen Bestandes unserer Zeitung \.}.?.l.L\ Jüdische Volksstimme" Lisilioinl am 1. Februar 1925 eine 4<i Seiten starke Illustrierte Jubiläums-Festschrift. Proic rf (> — Bestellungen sind ebenfalls an die Administration nr^:a a _ ■ s c* ■ „Jüdische Volksstimme" Brünn, Adlergasse 9, zu richten ' re'h LK °- Große Anziehungskraft «SkES* Kann & Fried ™

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