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Menorah · 1925-02-01 · Heft 2 (Februar 1925) · p. Seite 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 2 (Februar 1925)
Article
Das Weib des Akiba
Date
1925-02-01
Page
Seite 32 (sequence 1)
Language
German
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32 MENORAH Moritz Heimann / Das Weib des Akiba Wir setzen die in Nr. 1 begonnene Veröffentlichung einzelner Szenen dieses Dramas hier fort und wiederholen kurz die vorhergehende Handlung, Die Redaktion. Kalba Sabua, ein reicher Landbesitzer in einem Städtchen, nicht weit von Jerusalem, hat eine einzige Tochter, Jaltha. Viel umworben, hat sie bisher alle Freier abgewehrt; da neigt sich ihre Seele dem Knecht auf dem Hofe zu, Akiba Ben Joseph, einem eigenwilligen Mann, einem grüblerischen Denker unter den Hofarbeitern. Akiba verlobt sich mit ihr „vor dem Angesicht Gottes"; er legt ihr vor dem Brunnen eine Münze, seines Vaters und Großvaters Erbe, auf die Hand. Die heilige Formel ist gesprochen; nichts vermag mehr das heilige Bündnis zu trennen. Auch der Zorn des Vaters nicht, der sein eigenes Blut verwünscht und mit düstern Fluchformeln die beiden vom Hofe treibt. Auch nicht die Not, die sich über die zwei Hinausgestoßenen auf ihrem Strohlager niedersenkt. Akiba ist stärker, der Trieb des Erkennens in ihm ist starker und noch stärker ist sein Weib, eine Judith ohne das Schwert, eine Heldin auch sie, ohne daß sie mit Worten grofstut — sie trennt sich von ihrem Mann, sendet ihn hinaus in die Fremde, duldet es, daß er sich auch in der Seele von ihr entfernt und nunmehr, bettelnd und hungernd, dem einen lebt: der Lehre. Akiba ist bald ein Meister geworden. — Doch immer wieder zieht es ihn zu der Stätte, wo er mit seinem Weibe gehaust und wo sein Sohn heranwächst . . . Sechste Szene Vor der Hütte, in der Akiba gewohnt hat. Es ist Abend, der schnell zur völligen Dunkelheil wird; aber der Vollmond gibt bald sein körperliches, geheimnisvoll ödes, sehr helles Licht. Auf der Türschwelle sitzt JALTHA, die Arme auf dem Schoß und den Oberkörper schwer darübergebeugt; dann hebt sie den Kopf und horcht in die Ferne. JALTHA: Wo der Jung' wieder bleibt — (senkt wieder das Haupt. Lange Pause). Wohl ihm in seiner Jugend! Wohl ihm in den Feldern! Gesegnet sein schweifender Fuß! Gesegnet sein trotziger Sinn! Auf mich, auf mich seine Sünde! Sündigt wohl auch der Löwe, wenn er auf Raub geht? Gesegnet mein Lowe, mein Guter! Warum tut er mir kein Leid an? So könnte ich doch messen, an dem Leid könnte ich messen, welche Seligkeit er mir gegeben hat von dem Tage an, wo er sich regte in meinem Leib. Gesegnet seine Jugend, sein Wachen und sein Schlafen! Der Morgen ruft ihn ins Leben, und die Nacht löscht es ihm aus, und neu geboren ist er Tag für Tag. Ich aber weiß keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, Schlaf ist wie Wachen; — und ist also die Jugend dahin? (Sie versinkt noch tiefer in sich. Da kommt ein Mann in W ander klcidung gegangen und bleibt, an seinem Stock sich haltend, stehen; es ist AKIBA.) AKIBA (nach einem langen Schweigen, mit fast heiserer Stimme): Der Friede Gottes sei mit dir, Weib! JALTHA (in tödlichem Schrecken zusammenfahrend): Wer bist du? AKIBA: Ich bin ein Wandersmann. JALTHA: Kennst du deinen Weg nicht? AKIBA: Dies ist das letzte Haus der Stadt, und ich glaubte nicht, daß noch Menschen wohnen so weit von Menschen. Nun sitzest du hier so allein auf der Schwelle. Mir ist, als sei nie ein Weib so allein gewesen. (Jaltha läßt ihr Haupt zurückfallen, so daß es im Licht des Mondes in seiner großen Verzückung sichtbar wird.) JALTHA: Ich weiß nicht, was das ist: allein. AKIBA: Kommt Freundschaft und Verwandtschaft zu dir ins Haus? JALTHA: Freundschaft und Verwandtschaft, was das ist, das weiß ich nicht. AKIBA: Hö, hol JALTHA: Was stöhnst du, Mann? Hast du ein Leid? AKIBA: Nie habe ich einen Menschen gesehen so allein sitzen wie dich. JALTHA (schüttelt den Kopf): Ich habe ja einen Sohn. AKIBA (wieder mit demselben Stöhnen): Hö, hö! Wie alt ist er? JALTHA: Fast zwölf starke Jahre alt. AKIBA: Wie heißt er? JALTHA (mit einem Lächeln): Joseph ist sein Name; aber er sollte heißen Ismael oder Esau, denn er ist ein Wilder vom Feld und jagt umher und läßt sich kein Leitseil anlegen. AKIBA: Geh, Weib, und erfülle dem Wanderer eine Bitte: ruf deinen Knaben heraus! JALTHA: Er ist noch nicht hier. Er ist noch nicht zurück; oft höre ich ihn nicht kommen, und er schläft auf der Schwelle und hütet mich. AKIBA (tut einen Schritt näher, bleibt aber wieder an seinem Stock bebend stehen): Was ein Vater versäumt an seinem Kind, oder was er tut an ihm, vielleicht gilt das sehr gering neben einem einzigen Lächeln und einer einzigen Träne seiner Mutter. Bist du denn eine Witwe? JALTHA: Ja. Und wer bist du, Wanderer? AKIBA: Ich bin ein Gelehrter aus Jabne, berühmt unter seinesgleichen und geehrt, aber vor mir selbst unkundiger des göttlichen Willens, als da ich so alt war wie dein Knabe. Ich suche diesen göttlichen Willen Tag und Nacht, aber er entfernt sich von mir vor mir her. JALTHA: — So mußt du weiter suchen. AKIBA: Bist du eine Witwe? JALTHA: Ja. AKIBA: Schwer, sagt man, ist das Herz der Witwe. JALTHA (steht auf): Wenn Liebe schwer ist, so ist das Heiz der Witwe schwerer als jedes andern Weibes Herz. Töricht ist die Braut, töricht ist die Hochzeiterin. Hast du mich hier nicht sitzen sehn gebeugt über mein Herz? Denn es ist wahrlich schwer. Wo ist ihr Ehemann? Oh, sie ist verzückt in ihm; denn er ist überall, sie atmet ihn ein und aus. Zwei Dinge versteht sie, wie kein andrer auf Erden; — die Jugend das eine, — und den, der Gott sucht. Suche auch du ihn! Gib dich nicht zufrieden mit halbem Werk! AKIBA: Alles Werk ist halb; und häufte ich Lehren wie einen Hügel und Taten wie ein Gebirge, so ist ihnen ihre Grenze gegeben, und die Mühsal war vergeblich und fängt von vorne an. JALTHA: So mußt du suchen bis zum Tod. Wenn dir nicht heute genug ist, wird dir nicht morgen genug sein; aber im Tod wird dir genug sein. AKIBA: Heute ist mir nicht genug, und morgen wird mir nicht genug sein. So gib mir einen Rat, Weib. Soll ich weiter suchen, soll ich weiter wandern? JALTHA: Gott ist in dir. Nur er kann dir raten. AKIBA: Und du? JALTHA: Zwölf Jahre habe ich hier gesessen und will weiter sitzen zwölf Jahre gern mit meinem Herzen. AKIBA (richtet sich auf): Wer hat die Kelter getreten, daß ich trunken und stark bin von dem Süßen? So will ich meinen Stock weitersetzen über die halbe Erde. Nicht darf ich sagen: Friede sei über diesem Haus! denn dieses Haus ist selbst der Friede Gottes, der wie der Wein gärt im Lande Kanaan. Wohin ich, daß du meiner gedenkst, Herr, Gott! (Er richtet sich zum Gehen, und geht.) JALTHA (hat ihm nachgesehen, und als sein Schritt verhallt ist, umklammert sie mit leidenschaftlichem Schmerz den Pfosten der Tür und sagt): Akiba! (Um die Ecke kommt ihr zwölfjähriger Knabe JOSEPH.) JOSEPH: Ein Mann ist hier gegangen. Hat er dich gekränkt? JALTHA: Ismael! (Sie küßt ihn inbrünstig.) Bete! Bete! JOSEPH: Nie will ich beten! Und ich schlafe die Nacht auf der Schwelle. JALTHA: Ich will bei dir sitzen. (Sic setzt sich auf die Schwelle.) Komm, Ismael, mein Wilder, mein Lieber! (Er schmiegt sich an sie.) (Berlin, S. Fischer Verlag, 1924)

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