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Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Alltag in Zion
Date
1925-01-01
Page
Seite 20 (sequence 2)
Language
German
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20 M E N O R A H DIE HEBRÄISCHE SPRACHE Ein ungeheurer, ganz übermenschlicher, ganz wunderbarer Erfolg wurde errungen: die Belebung der hebräischen Sprache. Neun Zehntel der Juden Palästinas verstehen das Hebräische, drei Viertel sprechen und lesen es. Hebräisch wurde de facto — und nicht nur auf den Volkszählungsbogen der Regierung — Umgangssprache, nationale Sprache der Juden. („Sphat am" — ,,Volkssprache", eine feine Unterscheidung der Regierung gegenüber „Sphat em" — „Muttersprache".) Nur daß eben die Umgangssprache noch immer nicht die Muttersprache ersetzen konnte. Und darunter leidet die hebräische Kultur Palästinas, darunter leidet vor allem die Literatur. Die hebräische Sprache lebt im Munde, aber nicht im Herzen der Einwanderer — in den letzten vier oder fünf Jahren hat sich ja die Bevölkerung des jüdischen Palästina verdoppelt — und so lesen die Juden Palästinas wohl die Tageszeitungen, aber keine Romane, Novellen, Gedichte. Sie wissen nichts von der alten hebräischen Poesie und bilden kein Publikum für die moderne. Der Leserkreis des hebräischen Autors ist unfaßbar beschränkt. Wer gewöhnt war, in einer europäischen Sprache zu zehntausenden Lesern zu sprechen, lernt schwer, sich an Hunderte zu gewöhnen. Und verliert, w e n n er sich doch damit abfindet, den Anschluß an das große Leben draußen. Noch mehr als ein europäischer Autor rechnet der palästinensische mit „seinem" Publikum. Er kennt es ja — persönlich. DIE LITERATUR Abgesehen von dem geringen Publikum leidet die hebräische Literatur des Landes — mit aller Reserve des Außenstehenden sei es gesagt — an einem anderen Mangel noch mehr: sie ist uninteressant. Uninteressant heißt für mich: Mangel an Phantasie, Mangel an Stoff oder Unfähigkeit, diesen zu ordnen, oder jene zu regeln. Schuld daran ist der Mangel an Erotik, der dem ganzen jüdischen Leben des neuen Palästina seinen Stempel aufdrückt. Man weiß, daß die deutschen Nationalisten den Juden vorwerfen, durch das überstarke Hervorheben der erotischen Note in ihren literarischen Produkten untergrüben sie die germanische Sittlichkeit. Tatsächlich sind hervorragende deutschsprachige Schriftsteller, deren Werke ausnahmslos erotisch betont sind, Juden. Ich selbst war der Meinung, daß die Juden erotisch überreizt seien, zum mindesten im Vergleich mit den Deutschen . . . Nun: in Palästina wurde ich gründlich eines anderen belehrt. (Ich sage: eines anderen und nicht: eines besseren, weil ich durchaus nicht weiß, ob Mangel an Erotik vorteilhaft oder schädlich für ein Volk ist.) In der hebräischen Literatur spielt die Erotik tatsächlich überhaupt keine Rolle — ein Band Gedichte von Ben Awi, ein paar Erzählungen Avigdor Feuersteins, des einzigen Literaten Palästinas, der Bohemienblut in den Adern hat, ein paar zynische Gedichte eines dritten zählen kaum. Natürlich spricht man von Liebe — aber etwa so, wie ein dichtender Obergymnasiast. Er weiß, daß eigentlich in jeder Dichtung eine Frau vorkommen muß. Und wenn er ein paar kräftige Ausdrücke gebraucht — etwa, wie ein palästinensischer Dichter, davon spricht, daß „ihre Brüste in meinen Händen wie Feuerkugeln brannten", so kommt er sich schon äußerst verrucht und modern vor . . . Das Merkwürdige: er kommt auch dem hebräisch lesenden Publikum so vor. Denn nicht nur in der Literatur spielt die Erotik keine Rolle — auch im Leben selbst. Es gibt Sexualität, es gibt — vor allem unter den Sefardim und unter den Juden des alten, orthodoxen Jischuw — teilweise sogar eine sexuelle Frage (die Frage, wie kann ich so rasch als möglich und so gut als möglich heiraten?) — aber es gibt keine Erotik. Die Frau spielt keine Rolle im öffentlichen Leben. Wo sie hervortritt — als Lehrerin, als Künstlerin, als Politikerin — (und sie tritt selten genug hervor) — wird sie als Kamerad gewertet. Sie wird nicht begehrt, ihr Beifall oder Mißfall ist dem Mann ebenso Avichtig oder ebenso gleichgültig, wie der irgend eines Mannes in gleicher Position. Die Frau wird nicht zur Richterin männlicher Leistungen und nicht ihr Beifall ist deren Ziel. Das Leben wird beherrscht von dem politischen Endziel jüdischer Arbeit. Der Judenstaat steht am Anfang der Gedanken jedes denkenden Mannes, jeder denkenden Frau in Palästina. (Auch wenn sie es leugnen.) Die Ehe ist Mittel zum Zweck. Die Frau verschafft Häuslichkeit, Behaglichkeit, Kinder, sexuelles Glück — kurz, was man braucht, um — arbeiten zu können, um mit ganzer Kraft arbeiten zu können — für das Land. Und fast die gleiche Rolle spielt der Mann im Leben der Frau. Mittel zum Zweck: Mittel, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen. Das Leben ist einfach und primitiv in Palästina. Darunter leidet die Literatur. Wer Aufregungen und Anregungen in Büchern sucht, liest deutsche, französische Bücher. Wer Aufregungen im Leben sucht — treibt zionistische Politik. Für erotische Sensationen hat der neue Jischuw keine Zeit. Das Leben ist zu hart, zu schwer, der Kampf um das Land zu gewaltig. Die Frau wurde Kampfgefährte — das ist das Grab jeder Literatur. MALEREI Das gleiche gilt für die bildende Kunst: Uralte Einflüsse müssen hier mitwirken, sonst wäre es unerklärlich, welche Scheu, welche Befangenheit der palästinensische Künstler dem nackten Körper entgegenbringt. Gewiß: Mitschuld an der Tatsache, daß man keinen einzigen annehmbaren Akt in den Ausstellungen Jerusalems zu sehen bekommt, mag darin zu finden sein, daß man keine Modelle hat. Aber vielleicht ist auch das nur ein Symbol und keine Ursache. Wer gesucht hätte, hätte auch Modelle gefunden. Als ich — zufällig — ein paar Gipsabgüße griechischer Statuen im Bezalel zu Gesicht bekam, erkannte ich erst so recht, wie weit die jüdischen Künstler von der Schönheit der Kunst und der Kunst der Schönheit sind. Außer Abel P a n n hat niemand den Mut, zu zeichnen. Außer Ludwig Blum fast niemand den Mut der reinen hellen Farbe. Und niemand hat den Mut zur Nacktheit. Gottlob übrigens! Sonst würde der lateinische Patriarch, Monsignore Barlassina, wahrscheinlich wieder Ursache finden, sich beim Vatikan über den verderblichen Einfluß der Juden auf Palästinas Leben zu beschweren. Er mag ruhig sein. Alle jüdischen Künstler zusammen werden nicht soviel Erotik aufbringen, wie ein einziger Maler eines einzigen Papstes. Winter Über die Heide geht der Wind, Die Wolken wehen weiß und blind. Einsame Krähen fliegen vorbei, Im Wolkenzuge ertrinkt ihr Schrei: Verschlossen ist und taub die Welt, In der der ruhige Schnee nur fällt. Er fällt so schwer, er fällt so dicht, Ist weiß und bringt trotzdem kein Licht, Bringt nur gespensterhaften Schein In diese fahle Welt hinein. Uriel Birnbaum. Große Anziehungskraft *SH£ Kann & Fried

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