Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Article
- Vogelperspektive der Anlage von Hettin [Illustration]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 1)
- Language
- German
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M E N O R A H 19 ALLTAG IN ZION Notizen aus meinem Tagebuch VON WOLFGANG WEISL Copyright 1<J24, l.y H.-.lmtl. VcrlnS, Vionrui K-K-Ii.lru«-k verboten KUNST In den letzten Monaten hat sich in Palästina ein ganz ansehnliches Kunstleben entwickelt. Eine Ausstellung im Davidsturm oder im Bezalel löst die andere ab; es gibt Vorträge, Konzerte, Theateraufführungen, Oper — kurz, was das Herz des Menschen erfreut. Aber — ich kann nicht die rechte Freude daran finden. Nicht an den Ausstellungen und nicht an den literarischen Produkten und überhaupt nicht an den Künstlern selbst. Alles ist so unfroh und unfrei. Blutleer, greisenhaft, gezwungen. # Ich kritisiere das jüdische Kunstleben, vergaß aber zu sagen, daß ein nichtjüdisches überhaupt nicht existiert. Willst du in Palästina Musik hören — nur die Juden machen Musik. (Sogar die Musik der Polizeitruppe Jerusalems — besteht aus Juden und hat einen jüdischen Kapellmeister.) Willst du Bilder sehen: das einzige Museum — ach, es ist sehr klein und sehr bescheiden, aber es ist die einzige Bildergalerie des Landes —- hat der jüdische Bezalel. Die Ausstellungen: einmal hat ein englischer Maler ausgestellt, sonst nur Juden. Das Publikum — Juden, Juden, Juden. Ein paar „offizielle'4 Persönlichkeiten, Konsuln und dergleichen ausgenommen. Araber verirren sich in keine Ausstellung. Und das Theater . . . In Kairo mit seiner Million Einwohner, in Alexandrien, ja selbst in Konstantinopel, gibt es kein normales Theater, keine bodenständige Truppe, keine bodenständige Kunst. In der Oper in Kairo gastieren italienische oder französische Truppen. Geben gewöhnlich Vaudevilles, Operetten, Schwänke zum Besten — Kunst, ernste Kunst gibt es in allen Ländern des Orients nicht. Gab es nicht, ehe nicht die Juden in Palästina begannen, ein Theater, eine Oper einzurichten. Im kleinen Jerusalem mit seinen 40.000 Juden entstand die erste Operntruppe des Orients. Die Araber hatten bis dahin in Palästina nur entweder Liebhaberaufführungen an Missionsschulen gekannt — man denke an die Theateraufführungen der Jesuitenkollegien in Mitteleuropa — oder sehr selten Gastspiele syrischer Truppen, bei denen die Männer die Aufgabe hatten, fürchterlich zu brüllen und Hiebe auszuteilen und die Frauen — andere Aufgaben hatten. Ja, nicht einmal in der Literatur hat Palästina Nennenswertes, ja auch nur irgendwie Berücksichtigenswertes hervorgebracht, wenn wir von der letzten Zeit arabischer Publizistik sprechen wollen. Die Araber machen sich das Vergnügen, zu behaupten, es gebe keine hebräische Sprache als Volkssprache im Heiligen Land. Immerhin gibt es zwei hebräische Tageszeitungen und eine dritte, in LIaifa, ist in Gründung. Von den Wochenschriften, Monatsschriften, Fachzeitungen will ich nicht reden. Die Araber hingegen, das „alte Kulturvolk", sind bisher nicht imstande gewesen, auch nur eine einzige Tageszeitung herauszubringen. Und ihre Wochenblätter oder Halbwochenblätter erreichen ausnahmslos nicht einmal die bescheidene Z.ifler von achthundert Exemplaren Auflage. „Auflage" — nicht etwa Abonnenten. Abonnentenzahl ist wieder etwas anderes. Über den Inhalt der Zeitungen wollen wir gar nicht erst reden . . . Immerhin kann nicht gesagt werden, daß die Ansichten der arabischen Presse unbeachtet bleiben. Jeder Angriff der Bethlehemer oder Haifaer oder Jaflaer Bezirksnachrichten gegen die Zionisten wird vom zionistischen „Bulletin" der Palestine Telegraphic Agency sofort und unentgeltlich ins Englische übertragen und reproduziert, so daß auf diese Weise den verschiedenen arabischen Redakteuren breiteste Kreise lauschen. Nur ----- arabische Publizistik, arabische Literatur kann man das doch nicht recht nennen. Wenn also die jüdische Öffentlichkeit begeistert von den Erstlingen hebräischer Kultur, palästinensischer Musik, autochthoner Malerei ist, so ist das verzeihlich, weil die Juden nur das sehen, was im Lande früher war — nämlich nichts. Absolut nichts. Was immer man schafft, ist somit ein Fortschritt. Und der Jischuw freut sich über jeden Schritt nach vorwärts und vergißt, daß die Oper in Jerusalem eben nicht mit der Kairos verglichen werden darf, sondern, daß unser Maßstab Wien und Paris sein muß. Und daß für unsere Kultur nicht maßgebend sein darf, daß es schon ein Verdienst ist, wenn Herr X oder Y ein hebräisches Buch herausgibt, sondern, daß das Buch so gut sein muß, daß es wert ist, in europäische Sprachen übersetzt zu werden. Und dieses — europäische — Niveau haben wir in Palästina fast nirgendwo erreicht. Kulturell ist Jerusalem eine Provinzstadt, ist Palästina — Provinz. Gegen che Selbstzufriedenheit mit dieser kleinen und kleinbürgerlichen Provinzkultur, die in Palästina herrscht, muß man ankämpfen. Schonungslos und erbittert. Das Hebräische darf nicht ein Talisman für künstlerische Impotenz werden. VOGELPERSPEKTIVE DER ANLAGE VON HETT1N 'ABB. 1