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Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Friedhofstor [Illustration]
Date
1925-01-01
Page
Seite 10 (sequence 1)
Language
German
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10 M E N O R A H MARC CHAGALL FRIEDHOFSTOR MARC CHAGALL VON LOUIS LOZOWICK*) Zwei Faktoren -waren entscheidend für die Entwicklung der eigentümlichen künstlerischen Physiognomie Chagalls: sein Leben in Vitebsk und seine Ausbildung in Paris. Vitebsk gab seinem Schaffen das Ziel und war die Quelle seiner Themen. Paris bestimmte seine Richtung und wurde ausschlaggebend für seine Mannigfaltigkeit. Vor etwa 30 Jahren in Vitebsk geboren, verbrachte Chagall seine Kindheit und Jugend in dessen tiefstem Ghetto und die ersten Eindrücke dieser russischen Provinzstadt sind seinem Gedächtnis niemals entschwunden. „Kirche und Synagoge, Gartenzaun und Verkaufsladen waren hier so einfach, eindeutig und ewig wie die Bauten auf den Fresken des Giotto", sagt er in seinen autobiographischen Aufzeichnungen. Die Stadt wimmelte von Juden: Kaufleute, Hausierer, Barbiere, Bettler — Kinder gingen zum Cheder, Greise zur Synagoge, Weiber zum Markt. „Ich malte sie, weil ich sie liebte." Und er ist in dieser Liebe niemals wankend geworden. In seinen ersten Werken „Hochzeit", „Die Familie", „Sabbath" sehen wir ihn tastend nach einem Stil suchen. Seine Phantasie verwandelt die nüchterne Wirklichkeit, wenn er die stillen Tragödien und Komödien kleinbürgerlichen Daseins schildert. Er übertreibt in Form und Farbe, aber immer noch hängt er in ehrlicher Treue an der Natur. Der Charakter seines Schaffens verändert sich vollständig in Paris (1910 bis 1914). Er schlägt einen phantastischen und grotesken Ton an. Flammendes Rot, Blau und Grün tritt an die Stelle der bisherigen, gedämpften grauen, braunen und schwarzen F arben. Häuser werden demoliert, Menschen und Tiere gevierteilt, in Stücke gerissen und wirbeln, zu Ungeheuern und Zerrbildern verwandelt, in unmöglichen Stellungen durch die Luft. Chagall schafft alle physikalischen Gesetze ab und behandelt jeden Gegenstand als sein persönliches Eigentum, dessen absoluter Herr er ist. *) Thv Mennrah Journal (New York), Aug.-Svpl. 1924. Der Hang zu dieser Kühnheit oder, wenn man will, Übertreibung hat zweifellos schon vor seiner Ankunft in Paris im Unterbewußtsein des Künstlers geschlummert. Anzeichen davon sind bereits in seinen früheren Werken bemerkbar. Nun wird er deutlicher und durch die Kunstrichtung, die damals in Paris vorherrschte, bekräftigt. Das Scharfen eines Künstlers vermag nur derjenige vollkommen zu würdigen, der die Schule, der er angehört, kennt und versteht. Als Chagall nach Paris kam, war der Impressionismus im Abnehmen begriffen und der Kubismus gewann Beden. Der Impressionismus, dieses letzte Stadium naturalistischer Malerei wurde, paradox genug, der erste Schritt zur abstrakten Malerei. Die Künstler dieser Schule versuchten es, das augenblickliche Aussehen der Dinge festzuhalten, mit anderen Worten nicht Eirdrücke im allgemeinen wiederzugeben, sondern den ersten Eindruck schlechtweg. Dieser er?te Eindruck mußte seiner Natur nach flüchtig sein, er konnte daher nur rachträglich rekonstruiert werden. Dieser Prozeß absorbierte den Künstler vollständig. Der literarische Inhalt wurde vernachlässigt; sogar der darzustellende Gegenstand verlor an Interesse und trat in demselben Maße zurück, als die Manier der Darstellung zur Hauptsache wurde. Von der Naturwahrheit wardte sich die Aufmerksamkeit dem künstlerischen Effekt zu — dies war der Ausgangspunkt für den Kubisten. Chagall ging in der eingeschlagenen Richtung nur noch einen Schritt weiter. Der Impressionist fand die künstlerische Wirkung in der räumlichen Beziehung visualei Formen der Natur. Er gab diese Beziehung wieder, indem er alle Dinge in Licht und Luft auflöste und dennoch ihre, erkennbare Gestalt beibehielt. Der Kubist fand seine künstlerischen Wirkungen in der räumlichen Anordnung nebeneinand liegender Formen auf der Leinwand selbst und er schuf diese Anordnung, indem er die natürlichen Dinge bis zur Unkenntlichkeit auflöste und entstellte. Chagall lernte viel von den Kubisten und nicht wenig von den Impressionisten. Alle Regeln der Hypermodernen sich aneignen zu wollen, hieße ein wohlbekanntes Land neu entdecken. Chagall enthielt sich dieser überflüssigen Aufgabe. Niemals ward er von ganzem Herzen Kubist. Er nahm nur diejenigen Gesetze der neuen Lehre an, die seinem speziellen Bedürfnisse entsprachen, wie zum Beispiel die willkürliche Gegenüberstellung von Phänomenen und das emphatische Festhalten an der Form, indem er gleichzeitig den eigenen, selbstgewählten Weg weiterging. Sich selbst Grenzen zu setzen, mag der kürzeste Weg zur Größe sein. Chagalls visionärer Blick begnügte sich mit dem engen Lebensausschnitt, der ihn umgab, und gewann diesem die Aufmerksamkeit der weiten Welt. Er entstellte und löste die Phänomene der Natur auf, nicht um, wie die Kubisten, im Abstrakten zu versinken, sondern, im Gegenteil, die konkrete Anschaulichkeit zu vergrößern, auf bestimmte Gegenstände oder Teile derselben ein erhöhtes Interesse zu lenken, endlich um dem Pathos des Erzählten einen tieferen Nachdruck zu verleihen. Denn Chagall hält der Natur immer noch den Spiegel vor, wenn auch sein Gesichtswinkel Inkongruenzen schafft, die an das Bizarre grenzen. Chagalls Talent wurde bald erkannt und er wurde aufgefordert seine Bilder in verschiedenen europäischen Städten auszustellen. Im Jahre 1914, als die Mehrzahl seiner Werke sich auf dem Wege nach Berlin und Amsterdam befand, machte er eine kurze Reise nach Rußland. Der Weltkrieg verhinderte jedoch seine Rückkehr und er blieb bis l 922 in Rußland. Ohne direkten Kontakt mit dem westlichen Europa, wro die Bilder, die er dort zurückgelassen hatte, ihm immer größeren Ruhm eroberten, arbeitete er eifrig und schuf während dieser acht Jahre eine große Anzahl neuer und eigenartiger Werke. Die Werke dieser Epoche zeigen eine leichte Abweichung gegen die Pariser Zeit. Der Wahnsinn, welcher die sichtbare Welt in Trümmer geschlagen hatte, schwindet, die Farben werden gedämpft. Die Gestalt von Menschen, Tieren und Dingen nähert sich, zuweilen sogar sehr getreulich, der Wirklichkeit, am meisten in den Landschaften, deren er sehr schöne aufweist — es sind die impressionistischesten Bilder, die er geschaffen hat. Charakteristisch für diese Periode sind: „Der grüne Jude", „Ein grünes Gesicht mit gelbem Bart", „Der Jude im Gebet"; gleich vor-

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