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Menorah · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Article
Rabbi Moses Gaster [Illustration]
Date
1925-01-01
Page
Seite 7 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H LEON KELLNER / ALTJÜDISCHES FOLKLORE JFv RABBI MOSES GASTER Moses Gaster, der ehemalige Rabbiner der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, ruht vom Seelsorgeramt aus, arbeitet aber unermüdlicher als je auf dem weiten Forschungsgebiete des jüdischen Folklore, das er in jungen Jahren als sein Lieblingsfach wählte und das er jetzt als Sechziger wie kein Zweiter beherrscht. Als ich ihm vor fast einem halben Jahrhundert in Breslau im Hörsaal des Rektors Lazarus begegnete, war der schlanke Student bereits vom Nimbus besonderer Gelehrsamkeit umgeben. Die Kollegen erzählten, daß er außer dem theologischen Wissen, das er als Rabbinatskandidat besaß, über eine ganze Anzahl von Sprachen verfügte. Als geborener Bukarestcr sprach und schrieb er rumänisch wie ein Rumäne, verstand aber auch alle anderen romanischen Sprachen, denn er studierte an der Universität romanische Philologie. Überdies ging das Gerücht, daß er kirchenslawische Vorlesungen hörte — wozu, wußte man mir nicht zu sagen. Mitte der Achtzigerjahre hörte ich von Adolf Mussafia, dem berühmten Romanisten der Wiener Universität, Gaster nehme eine führende Stellung unter den jungrumänischen Schriftstellern in Bukarest ein und lehre dort an der Universität romanische Philologie. Und wieder einige Jahre später sah ich ihn in London und hörte ihn in einer Westend-Synagoge predigen — in englischer Sprache! Ein Mann von ungewöhnlichen Gaben mit einer außerordentlichen Laufbahn. Als Theodor Herzl 1896, für den zionistischen Gedanken werbend, in London erschien, fand er in Gaster einen wertvollen unerschrockenen Bekenner. Die Gegnerschaft des offiziellen Judentums, des Widerstandes innerhalb der eigenen Gemeinde, bereiteten Gasterschwere Stunden aufreibenden Kampfes. Er ließ sich nicht einschüchtern. Die zionistische Organisation der englischen Juden ist zum großen Teile Gasters Werk; an dem Zustandekommen der Kolonialbank hatte er neben Joseph Cowen und Herbert Bentwich sein redlich Teil. Und neben der Seelsorge und der zionistischen Tätigkeit war Gaster unaufhörlich mit seiner Gelehrtenarbeit beschäftigt. Er sammelte Handschriften im nahen und fernen Osten; das Studium und die Veröffentlichung dieser zum Teil unschätzbaren Werke hat ihn beinahe sein Augenlicht gekostet. Die neueste Publikation Gasters (The Exempla of the Rab¬ bis, Being a Collection of Exempla, Apologues and Tales Culled frorn Hebrew Manuscripts and Rare Hebrew Books by Moses Gaster, Ph. Dr. Late President Folk Lere Society of Great Brilain, late Haham of the Sephardic Communities of England, Vice- President of the Royal Asiatic Society usw. London-Leipzig. The Asia Publishing Company, 1924), bringt nicht weniger als 450 kurze Erzählungen legendarischen und belehrenden Inhalts, von denen viele ein sehr hohes Alter beanspruchen können. Ob das Manuskript rvLM>S" "CC, wie Gaster in der aufschlußreichen Einteilung zu beweisen sucht, ein Quellenwerk allerersten Ranges ist, das sollen die Fachgelehrten unter sich ausmachen; daß die Erzählungen für die Kenntnis des jüdischen Folklore von größter Bedeutung sind, das unterliegt keinem Zweifel. Im folgenden seien einige der „Exempla" in deutscher Übersetzung wiedergegeben. JUDE UND SYRER Es geschah, daß ein Heide und ein Jude zusammen des Weges zogen. Da sprach der Heide zu dem Juden: ,,Mein Glaube ist besser als der deine." Der Jude sprach: „Nein, mein Glaube ist besser, denn es steht geschrieben: Wo ist ein so herrliches Volk, das so gerechte Sitten und Gebote habe wie dies Gesetz, das ich euch heutigen Tages vorlege (Deut. 4, 8)." Da sagte der Heide: „Laß uns fragen. Sagen die Leute, daß mein Glaube besser ist als der deine, so sei mir dein Geld verfallen; sagen sie, daß dein Glaube besser ist als der meine, so sei mein Geld dir verfallen." Der Jude sprach:« „Ich bin einverstanden." Wie sie weiterzogen, kam ihnen Satan in Gestalt eines Greises entgegen. Ihn fragten sie. Er sagte: „Der Glaube des Heiden ist der bessere." Sic zogen weiter. Da kam ihnen Satan in der Gestalt eines Jünglings entgegen. Wieder fragten sie ihn und wieder antwortete er: „Der Glaube des Heiden ist der bessere." Sie zogen weiter. Da traf ihnen Satan in Gestalt eines anderen Greises entgegen. Wieder fragten sie ihn, und wieder sagte er: „Der Glaube des Heiden ist der bessere." Da gab der Jude dem Heiden sein Geld, zog betrübt weiter und verbrachte die Nacht in einer Einöde. In der dritten Nachtwache hörte er, wie Dämonen sich miteinander unterhielten. Einer wurde gefragt: „Wo bist du heute gewesen?" Er antwortete: „Ich begegnete einem Juden und einem Syrer; die hielt ich zum besten, indem ich dem Heiden recht gab." Ein zweiter Dämon wurde gefragt: „Wo bist du heute gewesen?" Er sprach: „Ich habe die Tochter des Kaisers, die seit einer Woche in Wehen liegt, am Entbinden gehindert. Würden sie die Blätter des Baumes, der hinter dem Hause wächst, über der Nase der Prinzessin ausdrücken, so würde sie sofort gebären." Der dritte Dämon wurde gefragt: „Wo bist du heute gewesen?" Er sprach: „Ich habe die Quellen dieses und dieses Landes verstopft. Würden sie einen schwarzen Stier über den Quellen schlachten, so würde das Wasser wieder fließen." Am Morgen begab sich der Jude in das Land des Kaisers, wo die Prinzessin in Wehen lag. Er sagte: „Nehmt die Blätter des Baumes, der hinter dem Hause wächst, und drückt sie über der Nase der Prinzessin aus." Sie taten es und die Prinzessin gebar. Der Kaiser belehnte ihn reichlich. Da zog der Jude in das Land, dessen Quellen versiegt waren. Er sprach: „Schlachtet einen schwarzen Stier über den Quellen, und sie werden wieder fließen." Sie taten es und das Wasser kam. Wieder wurde er reichlich belohnt. Tags darauf traf ihn der Heide, der ihm sein Geld abgenommen hatte und fragte ihn erstaunt: „Ich habe dir ja all dein Geld abgenommen; woher kommt dein Wohlstand?" Der Jude erzählte ihm sein Erlebnis. Der Heide sprach: „Wohlan, so will auch ich eine Nacht in jener Einöde verbringen." Er ging hin und wurde daselbst von den drei Dämonen erschlagen. Es steht geschrieben: Der Gerechte wird aus der Not erlöset, und der Gottlose kommt an seine Stelle. (Sprüche I 1, 8.) KAISER UND KIND Es geschah, daß ein Mann im heiligen Lande einen Knaben hatte, dem er mit vieler Mühe das erste Buch Mosis beibrachte —- dieses und nichts mehr. Da fielen Räuberbanden ins Land, nahmen den Knaben gefangen, brachten ihn in eine große Stadt und taten ihn dort ins Gefängnis. Die Vorsehung fügte es, daß der Kaiser in jene Stadt kam. Es verlangte ihn, die Bibliothek zu sehen, und man zeigte sie ihm. Er holte ein Buch hervor und schlug es auf, konnte es aber nicht lesen. Da sprach der Kaiser: „Das ist ein jüdisches Buch. Ist hier jemand, der es lesen könnte?" Man sagte: „Ja" und holte den jüdischen Knaben. Man sprach zu ihm: „Kannst du jüdische Bücher lesen?" Er antwortete: „Ein einziges Buch hat mir mein Vater beigebracht; das kann ich lesen." Man kleidete den Knaben in schöne Gewänder und brachte ihn vor den Kaiser. Der legte ihm das Buch vor. Der Knabe las ein ganzes Kapitel. Als der Kaiser das hörte, sprach er in seinem Herzen: „Offenbar hat mich die Vorsehung nur dazu hieher geführt, damit dieser Knabe seinen Eltern wiedergegeben werde." Er versah den Knaben reichlich mit Silber und Gold

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