Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1924)
- Article
- Die Wallfahrt nach Grinzing
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 17 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 17 beschwerer arrangiert! Wie feierlich tauchte ich die Feder in die schwarze Tinte, und ich atmete kaum bei der Niederschrift dieses ersten, bedeutungsvollen Satzes, der etwa so lautete: „...Die Sonne hatte ihre letzten Strahlen über die schweigenden Gefilde des einsamen Tales ausgegossen . . ." Leider war es dann auch schon mit meiner Erleuchtung zu Ende. Das Resultat war stets ein zerkauter Federstiel, ein mehrtägiger Katzenjammer, gründliche Erkenntnis meiner totalen Unfähigkeit, gemischt mit blutiger Selbstverhöhnung. Dank meiner Elastizität überwand ich jedoch immer sehr rasch derartige Niederlagen. Aber der Wurm nagte, und ich sah weinend die Tage kommen und gehen, ohne daß die Welt Zeuge meines Talentes wurde. Und wenn ich bedachte, daß ich tatenlos alt zu werden begann — im Jänner sollte mein sechzehnter Geburtstag gefeiert werden ■— wollte mir schier das Herz brechen. Wie eine höhere Eingebung überkam es mich, als ich eines Tages aus der Zeitung erfuhr, mein „Gott" Wassermann lebe in Wien. Ich sandte ihm meine Gedichte und beschloß, den Meister aufzusuchen. An einem klaren Wintermorgen machte ich mich auf die Wanderung. Die Straßenbahn wollte ich aus Idealismus nicht benützen; es sollte eine echte Pilgerschaft werden. Und so kam ich denn erst um die Mittagszeit ganz erfroren und durchnäßt in Grinzing an. Das friedliche Dorf, die beschneiten Weinberge, die bereiften und von der Wintersonne überglitzerten Bäume stimmten mich feierlich. Mir wars, als küsse mich die Allgüte des Schöpfers. Lange suchte ich vergeblich das entlegene Haus, bis ein alter Mann mich auf die richtige Spur brachte. In der Hausflur las ich einen schönen Spruch, der alle Freunde willkommen hieß und schöpfte daraus neuen Mut. Das Dienstmädchen ließ mich ein. Bald stand ich kälteausstrahlend in der geheizten Bibliothek und sah beklommen auf eine schmale Tapetentür, hinter der ich den Meister vermutete. Da niemand kam, begann ich mich umzusehen. An den vier Wänden waren Bücherschränke, ein großer Schreibtisch stand im Hintergrunde, ein Rauchtischchen mit bequemen Klubstühlen lud zum Verweilen ein. Viele Bilder und Büsten. Dann machte ich mich an die Bücher heran und war baß erstaunt ob der seltsamen Werke, deren Zweck ich nicht begreifen konnte, so über Edelsteine, Chemie, Bodenwirtschaft und trockene Historienbücher, über Abenteurer, Kaiser und Könige in großer Zahl. Die Reisebeschreibungen gefielen mir schon besser und gar die schönen Dichterausgaben versetzten mich in Entzücken. Ich blätterte eben in einem Gedichtband, als eine tiefe, dunkle Stimme mich begrüßte. Mit gewohnter Geistesgegenwart ließ ich das Buch fallen, stieß beim Umwenden einen Stuhl um und verbeugte mich linkisch. Der Dichter drückte mich auf einen der Klubstühle nieder und begann mich mit freundlichem Interesse auszufragen. Während des langen Weges hatte ich mir eine Ansprache zurechtgelegt: geistreich und bewunderungswürdig, wie meine ■— Romane. Aber leider war alles im gegebenen Momente ptutsch. Kaum, daß ich eine notdürftige Entgegnung fand. Ich hätte heulen mögen, so blöde schien mir meine Gebärde, so dürftig meine Rede. Völlig bezauberte mich die Persönlichkeit des Dichters, jede Bewegung ausgereift, das einfachste Wort bedeutungsvoll. Als ich nach einer Stunde Abschied nahm, fand ich mich, traumbefangen, nur schwer in die Wirklichkeit zurück. Auf der Dorfgasse, im nassen Schnee, von Flocken umwirbelt, hörte ich wieder seine warme Stimme: „Arbeiten Sie an sich, lernen Sie, halten Sie die Augen offen und vertrauen Sie der Zukunft! Eine würgende Sehnsucht, zurückzueilen und des Erhabenen Hand zu fassen, durchstürmte heftig mein Knabenherz. Da hob ich den Kopf und sah im Schneegestöber einen mageren Sperling auf einem kahlen Ast ruhelos umherhüpfen. Dicke, heiße Tränen traten auf meine Wimpern und ich wußte nicht, ob aus Erbarmen mit der hungernden Kreatur, cb aus Glück oder Schmerz. . . Rudolf Schildkraut LEO FELD I. v o^'t-iya^VLhfi'l'fl), Z'<{vr "im '1 l.-rhst' 'hrr^w^lIrVi!!)' einer Italicnrcisc einer jähen Krankheit eil:../. Feld war aus Siiddeutsehhind iHuirtiir, lohte jedoch sehen seit IST I in Wien, wo rr <len Dr. phil. orwark Seit sein-,- Jugend war er als Kritiker und dramatischer Schriftsteller tnli<r. Zwei seine, Bühnenwerke wurden mit dem Bauernfehl- und Volkstheaterpr.is ausgezeichnet. Sem Zeitbild „Freier Dienst" fand den \V,-r i,l,er zahlreich- Bühnen des deutschen Theaters bis nach Amerika. Feld <ralt allgemein als -enauer Kenner des Theaters, Freund und Berater der Schauspieler. einen Aufsatz über Richard Beer-I lomiann veri'dientlichen. Die Rod. ' Wenn ich an Schildkraut denke, steht mir immer ein kleines F.rlebnis vor Augen. Es war in Wien, am Carl-Theater, das damals eine Sprechbühne war, während der Vorbereitungen zu meinem ersten Stück. Rudolf Schildkraut, schon damals — es ist etwa ein Vierteljahrhundert her — ein geschätzter Schauspieler, war natürlich in der Komödie beschäftigt. Die Proben schritten vor — er wußte kein Wort seiner Rolle. Die Generalprobe war da — seine Kenntnis des Dialogs hatte sich nicht wesentlich verändert. Ich machte ihm Vorwürfe. „Sei ruhig, mein Junge," besänftigte er mich und gab seinen Augenbrauen einen lächelnd überlegenen Schwung, „am Abend bring' ich dir's ja." Das war ein altes Komödiantenwort, das seine beruhigende Kraft längst eingebüßt hatte. Ich war sehr mißmutig. Der Abend kam. Schildkraut trat auf, begann, blieb sofort hängen, Pause, Unruhe, Nervosität auf der Szene; ich hatte das Gefühl einer traurigen Genugtuung. Er spielte seelenruhig weiter — und als er die Bühne verließ, brauste ein Sturm durch das Haus, der erste Beifall des Abends, und der Eindruck war entschieden. Ein echter Komödiant, sagten damals die Leute. Und dabei dachten sie an jene verwilderte Form der Schauspielerei, die sich bei Wandertruppen, von der Not des Tages und der Hast der Arbeit gehetzt, herauszubilden pflegt. Schmiere nennen es die Herren vom Bau. RUDOLF SCHILDKRAUT ALS „KÖNIG LEAR"