Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1924-12-01 · Heft 12 (Dezember 1924) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 12 (Dezember 1924)
Article
Das künstlerische Werk Abel Panns
Date
1924-12-01
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912828-2912839-2914943--01356-2915004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

8 M E N O R A H Ahcl Pann Bilder zur Bibel UND ABEL DAGEGEN HÜTETE DIE SCHAFE . . . Wir denken dabei an Abel Pann, der aus Paris nach Palästina ging, nicht nur um hier zu leben, sondern um von hier aus national zu arbeiten. Nicht um hier eine jüdische Kunst zu schaffen — denn eine jüdische Malerei gibt es nicht und wird es noch lange nicht geben — sondern um dafür zu sorgen, daß von Jerusalem aus, wenn schon nicht jüdische Kunst, so wenigstens jüdische Künstler zu den europäischen Nationen sprechen und yom Aufleben eines neuen Kulturzentrums erzählen. In diesem Sinne betrachten wir die „B i b e 1 a u s s t e 1 1 u n g" Abel Panns, die er in der Passahwoche in Jerusalem veranstaltet hat, als eine wirkliche nationale Tat. Pann zeigt in zirka 250 Bildern mit biblischen Themen den Palästinensern, wie man in Form und Inhalt durchaus kühn, von jeder Schablone abweichend sein kann — und wie schwer das gerade bei Illustrationen der Bibel ist, weiß jeder, der einmal einen Fuß in ein Museum gesetzt hat! — und wie man dabei trotz aller „Originalität" nie vergißt, daß ein Maler ebenso zeichnen muß, wie ein Dichter nie einen Fehler gegen die Grammatik machen darf. Diese Korrektheit und Ehrlichkeit in der Form, bei seinen Pogrombildern zum Beispiel, geht so weit, daß er, um der größeren Wahrheit willen, beinahe auf den Eindruck verzichtet, die Bilder erfunden zu haben, Er wirkt dort so, wie ein getreuer Erzähler unerhörter Dinge, dem das Gewissen verbietet, auch das geringste äußere Detail zu ändern. Dieselbe Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit prägt sich auch in seinen Bibelkompositionen aus, die in der Zeichnung im großen und ganzen streng naturalistisch sind und nur selten symbolisierte Einzelheiten sparsam verwenden. Anders allerdings behandelt er die Farbe. Es handelt sich ihm nicht darum, zu zeigen, daß er Farbennuancen und Farbenflecke wiedergeben kann — wie leicht ihm das fiele, zeigen seine Ölgemälde und auch einzelne Kreidezeichnungen — sondern er will mit jedem Bild ein Erleben im Beschauer auslösen (nicht etwa ein eigenes Erleben schildern!). Die Farbe ist ihm das Mittel, Stimmung auszulösen, nicht Stimmung zu beschreiben. So hat er zum Beispiel die Szene: „Eva reicht Adam den Apfel" mehrere Male dargestellt (und ähnlich auch andere Themen), wobei diese Variationen sich vor allem und fast ausschließlich durch den Farbton, in welchem sie gehalten sind, unterscheiden. Die Redewendung von düsteren und heiteren Farben hat bei Pann wirklich Inhalt. Die Wahl der Farbe, besser des Farbtons, macht einmal die Opferung Isaaks hoffnungsreich und gläubig, ein andermal drückt sie tiefste Verzweiflung und mystische Ergebenheit aus. Diese Eigenheit Panns ist aber nicht ohne Gefahr für ihn. Das einzelne Bild kann natürlich nicht unter der notgedmngenen Einförmigkeit der Stimmung leiden, die eine solche Einheitlichkeit der Farbgebung erzeugt, wohl aber eine so große Reihe voneinander ähnlichen Werken, wie sie die Bibelausstellung bietet. In der Farbengebung fällt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit Pann zeitweise — wir denken nicht an die wilden Farbensymphonien, sondern etwa an das Bild „Abraham bückt sich vor den drei Männern" — in eine ganz auf einen Ton gestimmte Landschaft plötzlich die kühnsten Farben wirft, wie sie in der Natur nie vorkommen. Es ist als ob der Künstler demonstrieren wollte, welcher Unterschied darin besteht, wenn ein Meister sich der Farbe nicht zum Schildern, sondern zum Unterstreichen bedient und wenn jene Expressionisten, deren Geistesverwirrung wir eingangs besprochen haben, ähnliche Farbengebung als Selbstzweck proklamieren. Schwer ist es, über den leitenden Gedanken zu sprechen, der diesen durchaus jüdischen Bibelillustrationen zugrunde liegt, Einzelheiten, die wir anführen, sollen nicht erklären oder beschreiben, sondern nur die Unterschiede zwischen den bisherigen Illustrationsversuchen zur Bibel im weitesten Sinne — und dem Panns klarmachen. Zunächst. Wir finden gottlob keinen blonden Adam und keine rosige Eva. Die groteske Idee, skandinavische Menschen ins Paradies zu versetzen, ist einer Bibelillustration auf dem Boden Palästinas, dem Nachbarland des Paradieses, fremd. In der Schöpfungsgeschichte hat es der Jude Pann auch verstanden, das Wesen des Makrokosmos zu zeigen, ohne sich eines Anthropomorphismus schuldig zu machen. In dem gewaltigen Wirbel der Urzeugung „dienen" die Himmelslichter. — Keine schöpferische Hand, keine schöpferische Gestalt ist sichtbar und doch spricht es aus jeder Linie dieser wahrhaft religiösen Bilder, daß auch nicht Sonne und nicht Mond die Herrscher sind — nicht einmal auf dem Gemälde — sondern jener Gewalt unterworfen sind, die Sonne und Mond, Menschen und Tiere, das Volk Israel und die Völker der Welt in ihren Dienst stellt. Dieses religiöse Gefühl spricht am lautesten aber aus den Pogrombildern. Die geknechteten, zertretenen Juden, die gar keine Menschen mehr sind — auch der kleine Kaftanjude auf der herrlichen Zeichnung „Er ist am Weltkrieg schuld" ist kein Mensch mehr, sondern tief unter dem Menschen — die nicht mehr wollen, als nicht von Bajonetten gespießt, nicht von Knuten geprügelt, nicht von Knütteln erschlagen zu werden: diese Menschen sprechen beredt mit jedem Blick, mit jeder Beugung ihres Kopfes „Baruch. dajan ha-emet", „unsere Schuld" rächt mit Pogromen. Unsere Schuld, die wir begangen haben, weil wir den Ruf der Rückkehr nicht gehört, das Gebot der Rückkehr nicht erfüllt haben! Pann ist nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein großer Lehrer. Wir glauben, daß er mehr als ein anderer dazu beitragen wird, daß in Palästina gesunde Kunst entsteht. Wir klauben, daß seine Ausstellungen in diesem Sinne wichtigste Kulturaufgaben erfüllen. Aber wir glauben auch, daß Panns Bilder außerhalb Palästinas erzieherisch wirken können und diesmal denken wir nicht an ein Erziehen im künstlerischen, sondern im nationalen Sinn. Seine Illustration kann und wird die christianisierenden Bilder, die man noch in so vielen Bilderbibeln in jüdischen Häusern findet, verdrängen. Und seine Pogrombilder werden, in geeigneter Form reproduziert, beredter zum Aufbau Palästinas mahnen als alle äußerliche Propaganda. (Aus dem Hebräischen übersetzt von Wolfgang Weisl. )

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.