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Menorah · 1924-12-01 · Heft 12 (Dezember 1924) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 12 (Dezember 1924)
Article
Legenden und Gleichnisse
Date
1924-12-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 M E N O R A H reifen Feigen geeigneter für dich?" — „Nein, Rabbi; ich brauche die Früchte für eine Reise; die reifen halten sich nicht gut und verderben bald, die ich mir aber pflückte, werden auf der Reise reif und süß." Im Weitergehen sprach Rabbi Jochanan: „Die Menschen gleichen jenen Feigen, die ihr Herr auf eine Reise mitnimmt. Unsere Gedanken und Werke sollen erst im Leben reif und recht werden. Vor dem Eintritt in die lebendige Handlung ist jede Rechtlichkeit ungerecht, jede Weisheit unzulänglich." DIE AUFGABE Nach der Erscheinung am Dornbusch kehrte der Hirt Moscheh zu seiner Herde zurück; doch den ganzen Tag blieb er in das große Geschehnis versunken. Eines konnte er nicht verstehen: Warum erschien der mächtige und herrliche Gott in diesem armen Dornbusch, da doch alle stolzen Bäume, reichen Sträucher, duftenden Blumen zum Dienste seiner Ehre stehen? Er schlief ein. Im Traume sah er einen Rosengarten, voll Pracht und Schönheit. Doch um den Rosengarten zog sich eine Umzäunung hin — ein Dornbusch am andern. Da kam der Herr des Gartens und sprach: „Diese Dornen beschützen meinen Garten vor gierigen Händen, vor verzehrenden Flammen. Diesen düsteren Sträuchern danke ich die schweigsame Huld und Freude meines Gartens." Als Moscheh erwachte, verstand er das Geheimnis der Erscheinung und die Aufgabe, die sie meinte: Die ganze Welt ist ein Rosengarten und Israel der Zaun der Welt. GALUTH Rabbi Jose sprach: „Mein Leben lang wurmte mich das Schriftwort: ,Du wirst tappen im Mittag, wie ein Blinder im Dun- Der Pilger Nach Ihm Sehnsucht, dem einzig Todgefeiten, trieb mich zur Thronstatt meiner Salbgeweihten, Bis sie mich nicht mehr küssen ließ die Kinder im Haus und die nach ihnen mir die Zweiten, Ich nicht bewein' den Garten, den ich pflanzte und wässerte, des Sprossen froh sich spreiten, Und nicht mehr denke Judas und Asarels, sie meines Beetes blühndste Kostbarkeiten; Und meiner Sonne Frucht, Wuchs meiner Monde, des Isak, der mir sohngleich stand zu Seiten. Und fast vergäß das Bethaus ich, des Lehrraum mir offenstand zu Stunden, drangbefreiten, Vergäß die Wonnen meiner Sabbat-Tage, der Feste Pracht, der stolzen Osterzeiten, Und gebe meine Ehren fort an andre und lasse meinen Ruhm den Ungeweihten, Tauscht' Sträucherschatten ein für meine Stuben, Dornhecken für der Riegel Sicherheiten, Und meine Seele, satt der Wohlgerüche, schwelgt im Geruch aus wilden Holzes Scheiten, Und ich hör' auf, zu gehn wo Weg und Steg ist, und richte meinen Pfad durch Meeresweiten Zum Schemel hin der Füße meines Gottes, um dort den Sinn, die Seele hinzubreiten, Und will zu seinem heil'gen Berg, durch Tore, der Wolkentoren gegenüber, schreiten Und laß im Jordan neu blühn meine Narden, in Flut Siloas meine Blumen gleiten. Gott ist mit mir — was soll mich grau'n und ängsten, da seiner Gnade Engel mich geleiten. Lob bring ich Seinem Namen, weil ich lebe, und Dank in Ewigkeit der Ewigkeiten. Franz Rosenzzueig: Aus den Gedichten des Jehuda Hcdevij Oskar Wöhrlc Verlajf-Konstaiiz kein tappt1 — kennt denn der Blinde einen Unterschied zwischen Dunkelheit und Licht?" Einst aber wanderte ich durch unwegsame Gegend in Nacht und Finsternis; da sah ich einen Blinden, der eine Fackel trug. Ich fragte: „Was nützt dir die Fackel, mein Sohn?" Da sprach der Blinde: „Gar viel, mein Meister, denn solange ich die Fackel trage, sehen mich die Menschen und geben acht, daß sie mich nicht umwerfen." Dieser Blinde lehrte mich das wahre Leid unserer Verbannung verstehen. DIE REDE Rabba verglich in einer Rede die Propheten Israels miteinander und sprach: „Jeschajahu und Jecheskiel — beide sahen das gleiche Bild der göttlichen Erscheinung, doch weshalb ist die Kunde des Jeschajahu von der göttlichen Schau so knapp gehalten und der Bericht des Jecheskiel so ausführlich? — Jeschajahu gleicht einem Städter, der an den Anblick des königlichen Gefolges und der Pracht des Hofes gewöhnt ist; nähert sich der Zug des Königs, so faßt er aus allem Glanz und Prunk den König allein ins Auge und erbebt vor der Erscheinung; deshalb ist seine Kunde knapp gehalten. Jecheskiel dagegen gleicht dem Bewohner des Dorfes, den am königlichen Zug alles ergreift, der Wagen, die Rosse, die Leuchter und in jedem Fürsten glaubt er den König selbst zu erblicken; deshalb ist sein Bericht ausführlich und eingehend in Einzelheiten. Aber das Gefolge selbst, das täglich den König sieht, spürt stets die Gewalt der Majestät über sich und schweigt in der Hingabe an den Herrn. — Das sind die Zaddikim, die gewürdigt sind, mit geschmückten Häuptern an der göttlichen Tafel zu sitzen, und die Erstrahlung der Schechina zu genießen." Als ich dich fand... Als ich dich fand . . . Da war das Tal Judäas. Du kamst aus deiner Eltern Haus, Und es war Abend, Ferne sank in düsterm Rot die Sonne, Die Weiden neigten sich, (Der Wind befahl, daß sie sich neigten, der heiße Abendwind.) Sie neigten sich vor dir, Die Zweige küßten dein Kleid. Der Wind befahl, daß deine Locken wehten. Wer aber wars, der das befahl: Daß deine Augen brannten, Daß deine Lippen glühten, Daß deine Schritte die Musik des Tales sangen? Wer lehrte dich die Weise von Judäa? Weit führte mich mein Weg, viel hörte ich, Doch niemals sonst die Weise von Judäa. Du kanntest sie, du lebtest sie, du warst sie selbst. Dort, wo du bist, dort ist das Tal Judäas. — Und meine Heimat ist in deinem Anblick. Otto Soyka PSALM Trag das Trübe ohne Klage. Wandel ist dein Los. Alle Trauer trüber Tage Wird als Wunder groß. Einmal winkt dir doch das alte Gnadenangesicht. Und dir sprießt aus jeder Spalte Wundersames Licht. Ernst Mannheimer

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