Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 11 (November 1924)
- Article
- Alltag in Zion
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 16 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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16 M E N O R A H ALLTAG IN ZION Notizen aus meinem Tagebuch VON WOLFGANG WEISL Nachdruck verboten Copyright, 1924 by Habrith-Verlag, Vienna Der Schreiber dieser Zeilen, Dr. Wolfgang von Weisl, ein junger Arzt in Jerusalem, Sohn eines angesehenen Wiener Anwaltes, hat nach der Vollendung seiner Studien seine Geburtsstadt Wien verlassen und ist mit dem Glauben der Väter im Herzen nach Erez Jisrael heimgekehrt. Doktor Weisl hat schon in seinen Jugendjahren in der zionistischen Bewegung hervorragende Fähigkeiten bewiesen. Er ist auch literarisch und als Korrespondent verschiedener großer nichtjüdischer Zeitungen tätig. Diese Aufsätze sind der Beginn einer Reihe, die wir in den nächsten Nummern veröffentlichen werden. Die Red. ALLTAG Nie noch las ich in einer jüdischen Zeitung — oder in einem Roman — über das Palästina, wie es wirklich ist. Das Palästina, in dem man wohnt, ißt, trinkt, in Droschken fährt, sich über die schlechten Zugsverbindungen ärgert und über die herrlichen Weine freut. Überhaupt: wenn sich ein offizieller Zionist über etwas ärgert, sind es immer Dinge, die die kommende Generation angehen und wenn er sich freut — pardon, er freut sich nie. Er ist nur begeistert oder enttäuscht. Freude kennt er nicht. * Ich ärgere mich und ich freue mich. Ich freue mich, daß Palästina so schön ist und ich freue mich, daß das Leben hier so leicht ist, viel, viel leichter als in Europa. Und ich ärgere mich, daß man es trotzdem sich ganz überflüssig erschwert — einfach deshalb, weil den Juden und Arabern hierzulande der Sinn für Zeit, für Bequemlichkeit, für Ordnung abgeht. Nie im Leben war ich Ordnungsfanatiker. Hier wurde ich es, lernte den Wert deutscher Ordnung und eiserner Disziplin kennen. Ordnung, die bei den Straßentafeln anfängt und bei der organisierten Verteidigung von Volk und Land endigt. Jedes Wort und jeder Satz dieser meiner Aufzeichnungen soll nur eine einzige Tendenz haben: er schreit nach Europa ,Juden, kommt her und macht Ordnung!" Werdet um Gotteswillen keine Orientalen, werdet um Gotteswillen keine Araber. Kommt und macht aus Palästina ein europäisches Land, das mit dem Schmutz und der Unsicherheit aufräumt, die unter den Arabern hier eingerissen ist. Glaube niemand, daß die Araber ein so hochstehendes Kulturvolk seien, daß wir auf dessen autochthoner Kultur eine neue aufbauen könnten. Wir sind Juden, die von Europa das Gute gelernt haben und kehren nun heim, und wie wir uns in Europa von den Völkern des Landes unterscheiden wollten, so steht auch über unserer Straße nach Palästina das Wort, das vielleicht pharisäisch klingt, dessen ganze Weisheit aber ich täglich neu bewundern lerne: „Gelobt seist Du, Ewiger Gott, König der Welt, der unterscheidet zwischen Israel und den Völkern .. JERUSALEM Lerne die Stadt kennen, lieber Leser: etwa 60.000 Einwohner, aber auf riesigem Gebiet verstreut. Von Talpioth nach Beth Hakerem hast Du vielleicht einundeinehalbe Stunde zu gehen. Und von Rechawjah, dem neuen Viertel beim Bezalel, nach der amerikanischen Kolonie ist es auch gut und gerne eine Stunde. Von dem neuen Universitätsviertel ganz zu schweigen, das noch eine halbe Stunde weiter liegt . .. Das sind ganz hübsche Entfernungen, nicht? Wäre nicht eine Straßenbahn da ganz naheliegend? Sir Ronald Storrs, der Gouverneur von Jerusalem, erklärte: die erste Tramway muß über meinen Leib fahren! (Wogegen manche Palästinenser nichts einzuwenden hätten, behauptet man.) Ja — Storrs fährt im Auto oder reitet spazieren. Er braucht keine Tramway, die ihm den „historischen" Eindruck Jerusalems verderben würde. _■_■„... " Aber wenn schon keine Straßenbahn, so doch wenigstens Autobusse. Sollte man denken. Nein, die Gemeindeverwaltung Jerusalems — natürlich Araber, obwohl sechzig Perzent der Einwohner der Stadt Juden sind — erlaubt keine Omnibuslinien. Höchstens von der Stadt aus zum ölberg oder nach Talpioth und Beth Hakerem hinaus, aber auch da nur zu festgesetzten, spärlichen Stunden und nicht als Pendelverkehr. Die Ursache ist eine dreifache: erstens gibt es in Jerusalem etwa zweihundert Droschken, davon etwa zwei Drittel Arabische. Diese Droschken — über die separat geschrieben werden muß — sind so schmutzig, langsam, teuer und unbequem, daß kein Mensch sie mehr benützen würde, wenn es Omnibusse gäbe. Und da sich in Jerusalem das Bedürfnis der jüdischen Mehrheit nach den Interessen der arabischen Minderheit richten muß, so werden diese Überbleibsel aus dem vorigen Jahrhundert mit allen Mitteln des Gesetzes vor der Konkurrenz des Besseren und Billigeren geschützt: Droschke gegen Auto. Zweitens: der Omnibusverkehr würde soundsovielen Juden Verdienst schaffen. Also, wozu soll man so etwas erlauben? . Drittens: gäbe es einen Omnibusverkehr, dann würden alle Juden, die heute in den höchst mittelmäßigen Häusern der arabischen und griechischen Hausbesitzer Jerusalems wohnen, aus der Stadt hinausziehen und in den jüdischen Cottages der Umgebung ihre eigenen Häuser bauen. Und die Araber würden die jüdischen Mietgelder verlieren, die Zwangslage, durch die heute so viele Juden — Beamte, Angestellte usw. — gezwungen werden, im Zentrum der Stadt zu wohnen, würde verschwinden, die Mietpreise zurückgehen . . . Noch einmal, hat man das nötig? Und da sich die Juden, welche bisher Konzessionen für Autodienst in Jerusalem verlangt haben, die abschlägige Antwort des wohledlen Nashashibi Effendi, des Bürgermeisters Jerusalems, gefallen ließen — und da die Juden der ganzen Welt es sich gefallen lassen, daß der Araber Nashashibi, ein nicht gewählter, sondern von den Engländern ernannter Bürgermeister, noch immer an der Spitze der Hauptstadt der jüdischen Nation steht — haben die Araber doch ganz recht! Ich an ihrer Stelle würde genau so handeln . . . GASSENNAMEN Jerusalem ist eine riesige Stadt, von Talpioth bis . . . Sie wissen schon. Jerusalem ist die Hauptstadt Palästinas, Residenz eines englischen Oberkommissärs, Ziel von sechzigtausend Touristen jährlich. Mindestens!!! Klar, daß Jerusalem infolgedessen bis heute — dank arabischer Kultur — keine Straßennamen hat (außer in sechs oder sieben Straßen, die jeder auch ohne Namen kennen würde) und vor allem keine Haustafeln. Keine Hausnummern, keine Bezirke, nichts, was ermöglichen würde, eine Wohnung zu finden. Ich bin jetzt übersiedelt. Will ich, daß ein Fremder oder ein Patient zu mir hinfindet, so muß ich ihm eine Kartenskizze machen. „Wissen Sie, wo der .Maschbir* ist? Ja? Dann gehen sie von dort hinten herum, die lange Gasse bis zum Ende, dort wo eine zweite von rechts einbiegt, weiter dann . . ." Wie das auf das Geschäftsleben wirkt, ist klar. In dieser Stadt von sechzigtausend Einwohnern kennt sich der größte Teil der Bevölkerung gegenseitig nicht. Wenn jemand in einem jüdischen oder arabischen Viertel, das nicht mondain ist, wohnt, so ist er verschollen. Kein Freund, kein Feind weiß etwas von ihm, nur einsame Moskitos umspielen die gedankenschwere Schläfe des Unglücklichen, der darüber nachdenkt, wann endlich Jerusalem Gassennamen und fortlaufend numerierte Häuser bekommen wird. Ich liebe die orientalische Kultur. Wir müssen den Weg zu ihr zurückfinden. Und wenn das nicht so rasch geht, als die Prediger der Assimilation an die Araber es ersehnen, ist die Schuld vielleicht in der ungenügenden Kenntlichmachung eben dieses Weges zu finden. Entschieden, das ist die Ursache, warum man Tel Awiw dem orientalischen Jerusalem vorzieht: die Straßentafeln fehlen hier. Und so findet man nicht den Weg zum Orient, aber den nach Tel Awiw. *