Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Nachbemerkung / R. W.
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 7 NACHBEMERKUNG Die Gedichte Jehuda Halevis sind mit Genehmigung des Verlages dem neuerschienenen Buche Franz Rosenzweigs „Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi" (Verlag OskarWöhrle, Konstanz) entnommen. Rosenzweig, der vor Jahren sein grundlegendes religionsphilosophisches Werk „Der Stern der Erlösung" uns geschenkt hat, konnte mit diesen freien und dennoch im tiefsten Sinne gebundenen Übersetzungen nachweisen, daß wenigstens formal eine weitgehendere Übereinstimmung zwischendem hebräischen und deutschen Sprach- und Versbau konstruierbar ist. Eine bisher noch nie erreichte Sorgfalt und Sprachgewalt ermöglichte es ihm, in manchen Gedichten eine vollkommene Lösung des schwierigen Übersetzungsproblems zu erreichen. Aber selbst einem Franz Rosenzweig gelang dies nicht immer und trotz aller Bemühung blieb in manchem Gedichte der deutsche Sprachstoff zu spröde, um die wesensfremde Glut der Hymnen Jehuda Halevis ertragen zu können. Nefesch, Neschomoh und das deutsche «Seele» sind eben nicht dasselbe, die BegrifTswelt, die hinter jedem hebräischen und jedem deutschen Worte liegt, ist allzu verschiedenartig. Und wenn der Jude „Adonai" sagt, ist es mit «Mein Herr» nicht wiederzugeben. Auch die meisterlichste Übersetzung kann dies ewige Grundproblem nur klären, nicht aber lösen. y^/ Jakob_Steinhariit, Belli SABBATH Hermann Wey I /Jakob In jedem Kunstwerk verbinden sich Inhalt und Form. Inhalt: das ist der „Gegenstand der Darstellung", der „Vorwurf", die „Legende"; Form: das ist die „Gestaltung", die „geistige Energie", die sich am künstlerischen Inhalt auswirkt. Nun aber ist es unsere Ansicht, daß Inhalt und Form beim wahren Kunstwerk auch erst zusammen vorhanden sind, daß sie erst aneinander zur Entstehung gelangen. Zwar ist gerade das heutige künstlerische Geistesleben von der Frage nach der reinen künstlerischen Form aufs tiefste bewegt, aber jede eingehende Betrachtung lehrt, daß es eine reine Form nicht gibt, da jedes bildnerische Kunstwerk noch aus Farben, Linien, Schatten, Raumaufteilungen etc. besteht und ewig bestehen muß. Wir gelangen also zu dieser Grundeinsicht: Inhalt und Form, Abstraktionen unseres analysierenden Verstandes, verschmelzen in der künstlerischen Betrachtung zu eins. Dem künstlerischen Talent (kraft seiner wunderbaren und ewig rätselhaften Struktur) ist jedes künstlerische Erlebnis und jede künstlerische Schau ein geistig Untrennbares, an dem der Analytiker wohl einen „Inhalt" und eine „Form" mehr oder weniger erfolgreich aufzeigen wird, ein Geistiges aber, das aus dem Sinn des Künstlers selbst eine innerste Verbundenheit ist, begeistertes Schauen, leidenschaftlich bewegtes Gesicht und seelenhafteste Durchdringung der Welt. Mit diesen allgemeinen Gedanken begnügen wir uns hier; innerlich greifen wir im folgenden wiederholt auf sie zurück. Dies gibt Steinhardts Werken die eigentlich künstlerische Note, daß man von ihrem „literarischen" Gehalte absehen könnte. Zwar berühren wir schon wieder das oben angedeutete Problem von Inhalt und Form, aber in einem anderen Sinn. Als allgemein menschliche Inhalte stehen seine Gestalten vor uns: Fliehender und Verfolger, Trauer, Verzweiflung, religiöse Ekstase, Angst vor der Welt, ein ewiges Fürchten und Zittern, aufsteigend aus der Seele der in ewiger Pein ihr Dasein Vollendenden. Absehen aber kann man rein künstlerisch von der besonderen Bedeutung, die alle diese Motive noch für das jüdische Bewußtsein haben. „Typisch" sind sie, in einem ganz bestimmten Sinne weltanschauliche Symbole, doch einzig entflossen dem jüdischen Kulturbewußtsein. Hier also hat man ein erleuchtendes Beispiel, wie Kunst, irgendwie immer milieuhaft gebunden, weil vom menschlichen Schicksal durchglüht, ihre menschlichen Grenzen sprengt und ins Allgemeine, Kosmopolitische schreiten muß. Unmittelbar gewiß ist Steinhardts jüdisches Künstlertum, ebenso gewiß seine allgemein menschliche Bedeutung. So begreifen wir sein graphisches Werk. Denn nicht jedem Künstler darf man sich aus diesem Doppclaspekt nähern. Die Alltäglicheren begnügen sich an einer Anekdote; Naturalismus. Impressionismus, alle Formen des Expressio- Steinhardts Graphik nismus geben Beispiel genug. Die Größten entschreiten prophetisch jeder erzählerischen Situation, und was sie gestalten, ist Übersinnliches und noch nie Geschautes. So hat z. B. Rembrandt sein Werk geschaffen. Anders Steinhardt. Er verbleibt im soziologisch Begrenzten, aber umgibt es mit allen Möglichkeiten, die im soziologisch Begrenzten erfüllbar sind. Er gestaltet das jüdische Leben, aber aus reichsten Kräften und im weitesten Sinn. — (So oder ähnlich schuf Menzel die Geschichte Friedrichs des Großen, Goya die Greuel des Krieges.) Ein bewußtes oder innerlich erzwungenes Festgehaltensein von einem bestimmten Daseinskomplex, der zugleich individuell-einmalig und typisch-allgemeingültig gestaltet wird, gewissermaßen ein „alogisches" Phänomen, wäre es nicht vielfältig beobachtet und längst in seiner Eigentümlichkeit erkannt. Darum sucht man bei Steinhardt vergebens nach „N a t u r" (im bestimmten Sinne Goethes, der unter ihr sowohl das geistig-dynamisch Überlegene als auch das liebend Erfaßte verstand); vielmehr ist hier alles Magie, nämlich von unheimlichen Seelenkräften durchwühlt, ohne uns aber einen Ausblick in das heilsame Reich des Außermenschlichen zu öffnen. Was die Größten gewähren: Befreiung vom Menschlichen, auch Steigerung alles Persönlichen ins Kosmische (wie unter den Neuern bei M a r e e s und Cezanne), bleibt hier uns versagt. Ein fast schwermütiges Erfülltsein von der Einsicht, daß der Mensch die Grenzen seines Daseins nie zu überwinden vermag, ist das Werk Jakob Steinhardts. Daher auch seine außerordentliche psychologische Kraft. Denn künstlerische Psychologie bedeutet neben allem Reichtum auch einen Verzicht auf das ewig Naturhafte jenseits der individuellen psychischen Daseinsart. Künstlerische Psychologie vertieft das Menschliche auf Kosten der außermenschlichen Natur. Inhaltlich und seelisch ist seine Kunst im jüdischen Wesen verwurzelt; inhaltlich: an der Fülle religiöser und historischer Motive, seelisch: in dem ganz bestimmten künstlerischen Affekt, hin auf das „Absolute", auf den reinen Ausdruck, was in der weltanschaulichen Sphäre das Religiöse heißt. — Sein Kunststil ist ursprünglich barock, verlebendigt sich allmählich und schließlich zerfällt er, um sich in einer neuen Form vielleicht von neuem zu verfestigen. Heute begnügen wir uns mit dieser prinzipiellen Betrachtung. Alle Gestalten seines Werkes tragen ein Verhängnis; ein ganz individuelles Schicksal, das bei der kosmischen Kunst eintauchen dürfte in die Natur. Denn in der Natur wird das Vergängliche am Menschen ausgelöscht, das Ewige noch mehr verewigt. Hier aber ist die Vergänglichkeit als solche verewigt, in einer überwältigend anthropozentrischen Art.