Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Article
- Der Prophet
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 2)
- Language
- German
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M E N O R A H 5 sieht es aus, als ob unser Volk auch schon seines Jörn Kippur müde wäre. Doch das hat niemals lange gewährt. Wir haben es uns immer wieder bald überlegt, haben immer wieder bald heimgefunden. Und ich glaube, daß eben jetzt eine solche Ära des Wiederheimfindens angefangen hat. Immer mehr geben wir uns Rechenschaft darüber, was wir taten und was wir schon bereit waren, zu tun: für ein Linsengericht unsere Erstgeburt zu verkaufen, allerlei Flitterwerk für die göttlichen Schätze unserer Geschichte einzutauschen. Immer besser verstehen wir, daß frei sich ausleben soviel heißt wie sich der Tyrannei der Sinne ausliefern, daß mit dem Leben dieser Welt sich begnügen, Verengung der eigenen Persönlichkeit bedeutet. Mit jedem Tage danken wir dem Herrn inniger dafür, daß er uns auserwählte, statt dem flüchtigen Schein, ihm, dem Ewigen, zu dienen, ihm, der uns wahre Freude und schöpferische Kraft gibt, ihm, der Quelle unseres Erkenntnis, unseres Wohlwollens und unseres Anteils am Schönen. Ja, die Wahrheit ist wieder auf dem Marsche im alten Israel. Ein neues und heiliges Kapitel unserer Geschichte hebt an, eine ganze Ära von Sühnungen gleich der Sühne des Jörn Kippur: Eine Ära der Aufrichtung, der Befreiung, der Erleuchtung, der Erwärmung, der Erquickung; eine Ära des Bauens von Freude und Schönheit auf ureigenen Grundlagen. Und ein altes Gefühl wird jung in uns: die Freude, Menschen unter dem Zeichen der Ewigkeit, Kinder des Volkes zu sein, aus dem der Herr Propheten erstehen ließ und dem er den Propheten unter den Tagen des Jahres, den Jörn Kippur, schenkte; die Freude, Juden zu sein. SOHARLEGENDEN (Übertragen von ERNST MÜLLER) DIE BÄUME ABRAHAMS Merke folgendes: Es pflanzte Abraham überall, wo er verweilte, einen Baum. Allein der Baum gedieh nicht allerorten in richtiger Weise, erst bis Abraham im Lande Kanaan seinen Wohn sitz nahm. Und unter dem Baume sprudelte eine Quelle. An diesem Baume gewann Abraham Erkenntnis, wer sich dem Allheiligen verbunden und wer dem Götzendienst. Wenn nämlich ein solcher, der sich dem Allheiligen verbunden, unter den Baum trat, dann breitete dieser seine Zweige weit, sein Haupt beschirmend und köstlichen Schatten ihm bereitend; wenn aber einer, der sich dem Götzendienst ergeben, dann zog sich jener Baum in sich zusammen und reckte seine Zweige von ihm weg zur Höhe. So erkannte ihn Abraham und mahnte ihn, und der Mensch konnte nicht früher den Platz verlassen, bis er sich der Treue zum Allheiligen verbunden. Und so auch empfing der Baum den Reinen bereitwillig in seinem Schattenraum, nicht aber den Unreinen. Wenn einer des reinigenden Tauchbades bedurfte, dann sprudelte der Wasserquell zu ihm empor und der Baum hob sein Gezweig. Daran erkannte Abraham, daß er unrein sei und sofortiger Reinigung bedurfte; oder aber das Wasser versiegte, daran erkannte Abraham, daß seine Unreinheit sieben Tage währen müsse. Merke, daß Abraham, selbst als er die Engel empfing, sagte