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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Aus dem Buche der Narrheiten : Wie die Chelmer ihre Schul bauten
Date
1924-08-01
Page
Seite 32 (sequence 1)
Language
German
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32 MENORAH Pflegen Sie Ihre Zähne! „GIMBO" Mundwasser, Zahnpasta Zahnpulver UPS RESTAURANT LEOP. HAHN WIEN, I. BEZ., KOHLMARKT 7 EXQUISITE WIENER KÜCHE VERBUNDEN MIT RUM. SPEISEN, NA TUR, AM ROST WIE AUCH AM SP1ESS VORZÜGLICHE GETRÄNKE SEPARIERTER SPEISESAAL ERSTKLASSIGE BEDIENUNG &ür unsere SKleinen AUS DEM BUCHE DER NARRHEITEN (Fortsetzung) 3. WIE DIE CIiELMER IHRE SCHUL BAUTEN Als beschlossen war, daß ein neuer Tempel errichtet werden sollte, "wollte jeder Chclmer daran mitbaucn, um bei einem solch frommen Werke mitzuhelfen. So kamen sie alle, arm und reich, jung und alt. Nur den einzigen Maurer des Ortes wollten sie nicht mitbaucn lassen, denn der war ihnen zu wenig fromm. Nun legten die Chclmer einen Ziegel auf den andern und „bauten" so wie die Kinder mit Bausteinen, und genau so wie den Kindern die Bausteinmaucr, stürzte den Chclmcrn die Zicgelmauer zusammen, als sie schon ziemlich hoch war. „Man muß doch die Ziegel aufeinanderkleben," sagte nun einer der Chclmer, „ich habe gesehen, daß unser Maurer das mit etwas ganz Weißem, Flüssigem macht. Das ist gewiß eine Mischung von Mehl und Wasser, ein Mehlpapp." Die Chclmer schütteten nun in ein rießiges Schaff Wasser mehrere Säcke Mehl und rührten diese Mischung zu einem dünnen Teig. Diesen schmierten sie dann auf die Ziegel. Aber, soviel Mehlpapp sie auch verschmierten, die Ziegel hielten nicht zusammen. Da lachte der Maurer, der all dem zusah, laut und sagte: „Solange Ihr nicht aufgelösten Kalk und Sand verwendet, solange werdet Ihr nicht bauen Die Chelmcr machten verschiedene Versuche mit Kalk und Sand, mancher verbrannte sich dabei tüchtig die Hände, aber endlich gelang es ihnen doch, Mörtel zu machen. Nach einigen Tagen stand schon eine kleine Mauer da, worauf die Chelmer sehr stolz waren. Als sie nun einmal bei der Arbeit waren, hörten sie einen großen Lärm. Einem Bauern war ein Pferd scheu geworden und das kam nun wild dahergesprengt. Erschrocken liefen die Chelmer auseinander. Das scheue Pferd stieß an die neue Mauer und plumps! fiel diese um und zerbrach. Der Maurer lachte wieder und sagte: „Man kann doch eine Mauer nicht so einfach auf den Boden hinstellen. Ohne Grundmauern geht es nicht." Die Chelmci" hätten nun gerne Grundmauern errichtet, aber sie wußten nicht, was dies für Dinge seien, und so beschlossen sie endlich, den Maurer mitarbeiten zu lassen. Dieser ließ nun ringsum für alle Mauern des Tempels den Grund ausgraben und baute den untersten Teil in die Erde hinein. „Seht doch," sagten die Chclmer, „wie schlau der Maurer ist. Da hat er die Ziegel in der Erde vergraben, und nun wird der Tempel von selbst wachsen. Wir brauchen ihn also nicht mehr." Sic ließen daher den Maurer nicht mehr weiter arbeiten, und warteten auf den nächsten Sommer. Da würde der 1 empcl schon groß und gewachsen sein. Nur ein Arbeiter hatte noch zu tun. Das war ein Gärtner. Der mußte die Grundmauern fleißig begießen. (Fortsetzung folgt.) DAS GEBETBUCH DER MUTTER Erzählung von Siegfried A b e 1 c s Gad Berger, ein braver, hübscher Junge, feierte heute seinen dreizehnten Geburtstag, die Barmizwah. Als er im Tempel feierlich aufgerufen wurde, die Segenssprüchc und einen Abschnitt der Propheten vorzutragen, da war mancher Hörer sehr erstaunt. Der Vorbeter hatte nämlich den Knaben „ben Daw", Sohn des Dawid, genannt, und sein Vater.DoktorBerger.hieß doch Simon. Es ist gewiß nicht schön, während des Gottesdienstes zu sprechen, aber leider besitzen viele Menschen diese schlechte Gewohnheit, und so erzählte bald ein Tempelbesucher dem andern, ein Herr habe gesagt, Gad sein nur der Ziehsohn des Doktor Bcrgcr. Als zu Beginn des grausamen Krieges so viele jüdische Flüchtlinge aus Polen nach Wien kamen, nahm Doktor Berger eine arme, junge Frau und ihr Kindlein bei sich auf. Ihr Mann war von bösen Menschen erschlagen worden. Damals schon war die junge Frau infolge der Aufregung erkrankt, und weil sie während der Flucht viel Hunger hatte leiden müssen, starb sie wenige Tage nach ihrer Ankunft in Wien. Nun besaß der kleine Gad weder Vater noch Mutter, aber verlassen war er nicht. Doktor Berger und seine Frau hatten ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn als eigenes Kind annahmen und ihm auch ihren Namen gaben. Gad selbst kannte schon lange diese traurige Geschichte seiner frühesten Kindheit und war stolz auf seine Eltern, die wegen ihres Judentums so viel hatten leiden müssen. Nie aber dachte er daran, daß er eigentlich ein armer Waisenknabe war, denn es ging ihm sehr gut bei seinen zweiten Eltern und er liebte sie sehr. Alle Bekannten jedoch, welche erst heute von seinem Schicksal gehört hatten, fühlten Mitleid mit ihm und brachten ihm daher nachmittags besonders schöne Barmizwahgeschcnke: eine Geige, eine goldene Uhr, einen Photographenapparat, viele schöne Bücher und noch manch andere hübsche Dinge. Als dann abends alle Gäste bereits das Haus Berger verlassen hatten, sagte der Vater: „Auch ich habe noch ein besonderes Geschenk für dich, lieber Gad!" Und er entnahm einer Lade ein sorgfältig verschnürtes kleines Paket. Wie erstaunt und enttäuscht war nun Gad, als er darin nur ein einfaches Gebetbuch mit vergilbten Blättern und zerissenem Einband fand. „Es ist das einzige, was dir deine liebe Mutter hinterlassen hat." „Von meiner Mutter!" sagte der Knabe ergriffen und küßte mehrmals das Buch. Als er dann den Deckel öffnete, sah er auf dessen Innenseite und auf dem vergilbten Vorsetzblatt vom Urgroßvater an alle Geburts-, Hochzeits- und Sterbedaten seiner Familie aus Polen in hebräischer Sprache vermerkt. Vor ungefähr hundert Jahren war auch eine Flucht eingetragen, und auch damals war ein Verwandter von ihm getötet worden. Seine eigene Geburt war gleichfalls vermerkt, und mit der Handschrift seines zweiten Vaters war der Sterbetag seiner Mutter eingetragen. Überallhin hatte dieses kleine Gebetbuch seine Familie begleitet. Und als Gad später im Bette lag, dachte er nicht an die goldene Uhr und die Geige, über die er sich heute so gefreut hatte, sondern nur an das alte Gebetbuch, das ihm so viel von seinen Eltern und vom Judentum erzählte. STEINMETZ, HERRENWÄSCHE I WIEN, l„ LILIENGASSE 2 I

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