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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Musikkrise und Musikfeste
Date
1924-08-01
Page
Seite 26 (sequence 1)
Language
German
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26 M E N O R A H Musikkrise und Musikfeste VON RUDOLF R£TI. Die Krise, in der sich die Musik, die Kunst von heute überhaupt, befindet, ist unleugbar. Und es läßt sich schwer sagen, ob die Tatsache, daß es heute auch kaum mehr ein richtiges Kunstpublikum gibt, Ursache oder Wirkung jener ernsten Erscheinung ist. Jedenfalls befindet sich das Musikpublikum der eben abgelaufenen Perioden, das intellektuelle Bürgertum, eine ehemals ziemlich geschlossene Schicht, heute im Stadium einer völligen Zersplitterung, wenn nicht der Auflösung. Die großen geschlossenen Gruppen der Zukunft aber, wie zum Beispiel die sozialistischen, sind entweder noch nicht fähig, ein vollwertiges Kunstauditorium abzugeben, oder es haben sich noch nicht die entsprechenden Künstler und damit eine Kunst gefunden, die jenen Erfüllung bedeutet. Dagegen tauchen allenthalben starke Ansätze neuer nationaler Kunstbewegungen auf, die in den zu immer intensiverem Bewußtsein gelangenden nationalen Organismen den Boden finden, um zu gedeihen. Über die Art, wie in diesem Sinne auch eine neue jüdische Kunst entsteht, haben wir in diesen Heften bereits gesprochen. * * * In dem betrüblichen Niedergang unseres Konzertlebens spricht sich deutlich der geschilderte Zustand aus. Konzerte, als Stätten wirklicher Kunstübung, als Zusammenkünfte beinahe sakralen Charakters sind so gut wie ganz im Schwinden. In Blüte steht der Konzert betrieb, das Abhaspeln hundertmal gehörter Programme, das Beklatschen der Modevirtuosen. Dem Bedürfnis, über die trübe Stimmung der Alltagskonzerte durch glanzvolle Aufmachung, erlesene Künstler und besondere Programmwahl hinwegzukommen, entspringen die immer häufiger veranstalteten Musikfeste. Auch hier spielen somit Sensationsbedürfnis und Mode eine nicht unwesentliche Rolle.' Dennoch kann nicht geleugnet werden, daß solche Veranstaltungen heute beinahe die einzige Gelegenheit sind, einen Überblick über das Musikschaffen unserer Zeit und die zahlreichen sich hierbei ergebenden künstlerischen Probleme zu gewinnen. + Von den zuletzt abgehaltenen und für die nächste Zeit angekündigten dürfte wohl dem eben stattgefundenen internationalen Musikfest in Prag die größte Bedeutung zukommen. Es stand nicht nur unter der moralischen, sondern auch höchst materiellen Patronanz der tschechoslowakischen Regierung, wodurch künstlerisch besonders gut vorbereitete und nicht immer leicht verwirklichbare Aufführungen ermöglicht wurden. Von Eindrücken, denen über den Wert als anregende Programmnummer auch prinzipielle Bedeutung als charakteristische Manifestationen der verschiedenen Kunstströmungen unserer Zeit zukommt, seien genannt: ein Psalm für Bariton und großes Orchester „Elokim, Elokim, warum hast du verlassen mich" des den Lesern der ,,Menorah" bereits bekannten Ernest Bloch. Das Stück zeigt, wie groß man durch einfache Mittel — vielleicht gerade durch sie — wirken kann, wenn Inspiration da ist und — ein richtiger Text. Und erinnert auch, wie viele solch richtige, nie komponierte Texte es noch immer gibt. Ein ganzes Werk ist auch das neue Violinkonzert des jungen Russen Sergei P r o k o f ,i e f f. Musik erster Klasse, wie immer man sie ansieht, ob vom musikalisch-fachlichen oder künstlerischgefühlsmäßigen Standpunkt. Überdies ein Feuerwerk violinistischer Kunststücke, die Jenö S z i g e t i am Hörer vorbeiprasseln ließ. Von der Tragik Blochs, der Phantastik Prokofieffs über die Heiterkeit des Italieners R i e t i (eines Juden), der mit dem grotesken Rhythmus seiner kleinen, ergötzlichen, von C a s e 11 a schwungvoll dirigierten Orchesterstücke einen Separaterfolg einheimste, führt der Weg zu Arthur Honeggers neuer, von einem Hauch frischer Körperlichkeit durchwehter Kunst. Die Welt der Technik, der Maschine dringt in die Musik ein. Besser als fremde Erläuterungen bringt ein Auszug aus einigen einleitenden Worten des Komponisten selbst dessen Absicht und Wesen zum Ausdruck. ,,Meine Pacific betitelte Partitur", heißt es da, „ist zur Glorifizierung des gewaltigsten und vollkommensten modernen Lokomotiventyps komponiert. Ich gehe von der sachlichen Beobachtung aus: das ruhige Atemschöpfen der Maschine im Stillstehen, die Anstrengung beim Anziehen, das fortschreitende Anwachsen der Geschwindigkeit, bis sie einen lyrischen Hochstand erreicht, die Pathetik eines Zuges von 300 t, der mit 120 km in der Stunde durch die tiefe Nacht stürmt. . .". * * * Kaum spärliche Proben konnten hier gegeben werden. Vielleicht haben sie doch, was .gezeigt werden sollte, glaubhaft gemacht. Nicht eine Linie versinnbildlicht die Musikentwicklung von heute, sondern ein Strahlenbündel. Dabei ergibt sich das Spiel, daß oft ein und dieselbe Mentalität in gegensätzlichsten Formen nach Verwirklichung strebt, während zuweilen heterogenste Weltanschauung zu ähnlicher äußerer Gestaltung drängt. Wenn dann noch Ratlosigkeit des Beurteilers sich, oft in grotesker Form, einmischt, ist es kein Wunder, daß die Resultate sonderbar sind. Vieles kennen wir Juden von anderen Gebieten her. Daß zum Beispiel die ganze moderne Musik als semitisches Gift und ,,jüdische Erfindung" hingestellt wird (wie es der Komponist Pfitzner tut), ist doch beinahe selbstverständlich. Sollte es darum weniger natürlich sein, wie dies ebenfalls letzthin in aller Ruhe geschehen ist, diese selbe moderne Musik als endlich arische Erlösung aus dem „klassisch jüdischen Geist" (offenbar Mozarts und Beethovens), in dem sie bisher befangen war, zu erkennen? Man staune nicht, der Widerspruch ist nur scheinbar. Gerade in ihrer Vereinigung ergeben beide Anschauungen eine Harmonie prächtiger Vollkommenheit. NOTIZEN Mit Ferrucio B u s o n i starb nicht nur, wie allgemein bekannt, einer der größten und eigenartigsten Klavierspieler, sondern auch, was viel weniger gewußt wird, ein außerordentlich fruchtbarer, in fast allen Zweigen musikalischen Schaffens mit Erfolg produktiv gewesener Komponist, vor allem aber einer der tiefsten und intensivsten Musikanreger unserer Zeit, ein Bahnbrecher und künstlerischer Revolutionär. Er hat sich mit allen neuesten Musikproblemen beschäftigt, sie zum Teil aufgeworfen, zu einer Zeit, da sie noch nicht wie heute im Mittelpunkt des Interesses standen. Er war einer der ersten, der das Genie Schönbergs erkannte, der erste, der die Idee der Viertel- und Sechsteltöne lange vor Haba und den Jüngsten propagierte. Viele seiner Gedanken werden wahrscheinlich erst im Schaffen der kommenden Musikgeneration ihre pratkische Erfüllung finden. Busoni legte seine Theorien in kleinen, in Zeitschriften verstreuten Aufsätzen nieder, und in einem im Inselverlag erschienenen Büchlein: „Versuch einer neuen Ästhetik der Tonkunst".

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