Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Das Tollhaus
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 MENORAH in der Hungersnot umgekommen war. Und hier saß Schmierer in Lebensgröße ihm gegenüber in Paris! Und was meint Ihr, wovon lebt Schmierer? — Er handelt mit Antiquitäten. Schmierer, der Schuhhändler aus Nikolaev, handelt mit Antiquitäten. „Nun, Schmierer," sagt Nathanson, als der Kellner zwei große Gläser Milchkaffee auf den Tisch gestellt hatte, „trinken wir, so lange er heiß ist. Freilich, so wie unser Kaffee in Nikolaev ist er nicht, aber trinken kann man ihn, nicht wahr?" „Ich weiß," sagte Schmierer, sein Glas nachdenklich befühlend, „das ist kein Kaffee, wie unserer in Nikolaev, aber schön langsam gewöhne ich mich daran." „Und wie geht das Geschäft?" fragte Nathanson, indem er sich an seinen guten Kauf von diesem Morgen erinnerte. „Nicht schlecht," gab Schmierer zu, „nicht schlecht", und sah verwirrt um sich, als sei er nicht ganz sicher, wo er sich befände. „Die Dinge sind nicht schlecht, aber, weißt du, Nikolaev ist es nicht." „Und was liegt daran, wenn es nicht Nikolaev ist?", fragte Nathanson erstaunt, indem er seinen heißen Kaffee gierig schlürfte. „Siehst du," sagte Schmierer ernsthaft, „das ist eben mein Kummer. Es ist nichts und es ist alles. Nikolaev ist mir aus dem Herzen gerissen worden, und es tut bitter weh, sich eine Stadt, die man geliebt hat, aus dem Herzen reißen zu müssen. Erinnerst du dich an mein Schuhgeschäft in Nikolaev? Nun, jetzt bin ich Antiquitätenhändler und das Geschäft geht. Ich beklage mich ja nicht, Nathanson, aber es bleibt eine sonderbare Sache, nicht wahr?' Zuerst, wie ich hergekommen bin, war ich ein Esel. Ich habe mich in ein Markengeschäft eingelassen und fast mein ganzes Geld verloren. Und Juden, unsere eigenen Landsleute, haben es mir abgenommen. Aber, siehst du, ich ärgere mich nicht. Schließlich, was ist das Geld? — Ein Dreck!" Nathanson rang nach Atem und verbarg sein Erstaunen hinter einer Miene des Einverständnisses. „Wenigstens habe ich heute ein gutes Geschäft gemacht," dachte er, „draußen regnet's, alles ist traurig und elend, und, hol's der Teufel, der Kaffee ist kalt geworden!" „Du mußt mich richtig verstehen," fuhr Schmierer fort, „der menschliche Kopf ist ein Tollhaus: ein Verrückter bewohnt ihn und denkt nichts als tolle Dinge. Sag mir, Nathanson, was fehlt mir? Was geht mir ab? Was will er von mir, der Narr, der in meinem Tollhause da oben wohnt? Was liegt daran, daß ich kein Schuhhändler mehr bin? Gut, ich bin nicht in Nikolaev, ich bin in Paris, aber der Verrückte in mir läßt mir keine Ruhe!" „Ich habe auch meinen Narren", erwiderte Nathanson, indem er sich ausrechnete, daß das neue Geschäft 200 Franken pro Tag tragen mußte. „Was meinst du, trinken wir noch einen Kaffee?" „Einverstanden", sagte Schmierer, indem er seine zehn Finger auf den T isch legte. „Du begreifst, Nathanson, ich kann dem Narren in mir nicht das geben, was er will. Gott selbst, wenn er vom Himmel herunter käme, könnte es ihm nicht geben. Kann ich ihm Nikolaev geben?" „Das wäre ein schweres Stück Arbeit", sagte Nathanson und fühlte, wie eine plumpe Hand seine Seele berührte. „Siehst du," sagte Schmierer mit zitternder Stimme, „ich sitze hier in Montmartre in einem schönen Hause. Jeden Morgen finde ich die Milch vor der Türe, und der Bäcker bringt das Brot ins Haus. Wer hätte jemals an so etwas gedacht? Ich bin ein Antiquitätenhändler, meine Tochter ist Maschinschreiberin, mein Sohn arbeitet in einem Geschäft. Was kann ich mehr wollen? Ich aber, verstehst du, ich will Nikolaev. Hol mich der Teufel, ich will, daß meine Frau in Nikolaev auf den Markt geht und zurück kommt und mir erzählt, was die Leute in der ganzen Stadt reden, alles was in Nikolaev vorgeht. Was sagst du zu einem solchen Narren, Nathanson? Glaubst du, meine Frau hat nicht versucht, hier auf den Markt zu gehen? Aber es ist nicht dasselbe. Was hab' ich davon, wenn ich nach Hause komme und ich rieche meine Leibepeise, den Pfefferfisch und die heißen Erdäpfel, wie in Nikolaev. Ich sag' dir, es ist nicht genug; das ist alles nur von obenauf, und der Narr da drinnen hört nicht auf, mich daran zu erinnern. Er sehnt sich nach der Schul, nach unserer schönen, kleinen Schul in Nikolaev, natürlich ist hier auch ein Bethaus, aber kann man das vergleichen?" „In Nikolaev war ich Präsident der jüdischen Gemeinde und hier — was bin ich hier? Dort drüben stehen ein paar Franzosen. Frag' sie, ob sie wissen, wer ich bin? Was wissen sie von mir? Die Katze dort unterm Haustor ist ihnen wichtiger wie ich. Aber in Nikolaev war es anders, da war ich jemand, nicht wahr, Nathanson?" Nathanson fühlte wie eine große Traurigkeit über ihn kam; er dachte nicht mehr an das gute Geschäft vom Vormittag. Ein quälender Schmerz griff ihm ans Herz und wurde mit jedem Augenblicke heftiger. „Hat es jemand in Nikolaev gegeben, den ich nicht gekannt habe," fuhr Schmierer fort, „oder einen, der mich nicht gekannt hat? Wenn ich meiner Frau ein neues Kleid gekauft hab', hat es jeder gewußt und ist ins Haus gekommen und hat gewünscht, sie soll es in Gesundheit tragen. In jedem Flaus in der ganzen Stadt hat man gewußt, Schmierer hat seiner Frau ein neues Kleid gekauft. Und hier kann ich machen was ich will, kein Mensch kümmert sich darum." „Jetzt frag' ich dich: ist es notwendig, daß man mich hier kennt? Das sag' ich meinem Narren den ganzen Tag; aber was hilft's? Ihm ist bang nach Nikolaev, nach dem Marktplatz, der Schul, den guten Freunden dort und dem jüdischen Friedhof, Dem red' ich lang gut, er ist halt verrückt. Nikolaev geht ihm ab, lieber möcht er den Friedhof in Nikolaev haben, als ganz Paris. Verstehst du? Wenn ich hier sterbe, wo werden sie mich hinlegen? In Nikolaev habe ich es gewußt. Eine ganze Gesellschaft von Freunden hat dort schon auf mich gewartet, mein Vater und meine Mutter, der Großvater und die Großmutter, Gott, hab' sie selig! Und dann die Freunde, die Verwandten und der gute, alte Dr. Nahumowitsch. Dort war ich unter den Meinen, verstehst du? Aber hier, was hab' ich hier? Neben wem werd' ich Hegen? Wer wird in der fremden Stadt mein Grab besuchen? Wer wird an mich denken?" „Hör' auf" seufzte Nathanson, „es ist wirklich kein Vergnügen, dich zu treffen! Du machst mich noch verrückt mit deinen Reden." Schmierer sah beschämt aus und wandte den Kopf ab. „Mir scheint, du hast auch deinen Narren", erwiderte er. „Hast du dich nie gefragt, warum ist dieser Bolschewismus gekommen? Wem hat es geschadet, daß ich mein Schuhgeschäft in Nikolaev gehabt hab'? Hat die Revolution mein kleines Geschäft gebraucht? Ist es nicht hirnverbrannt? Grad' das haben sie haben müssen? Nathanson, mein Sohn, wird heiraten. Das Mädel ist eine Französin. Eine Jüdin, aber das, was sie hier eine Jüdin nennen. Sie ist nicht von unsere Leut'. Was soll ich mit ihr anfangen? Warum muß ich Antiquitäten verkaufen? Ich bin ein Schuhhändler. Verstehst du mich? Nikolaev war ein Teil von mir und ich war ein Teil von Nikolaev. Mein Narr da drinnen redet mir immer zu: ,Geh' zurück nach Hause', schreit er mir ins Ohr. Was heißt das? Wo ist mein zu Hause? Was ist noch übrig davon? Einer ist erschossen worden, der andere in der Flungersnot umgekommen, der dritte ist an einer Epidemie gestorben, der vierte davon gerannt wie du und ich. Die Bethäuser sind geschlossen, die Friedhöfe zerstört — von Nikolaev ist nichts mehr übrig. Begreifst du das? Manchmal gehe ich mit meiner Frau und mit meinen Kindern in ein Restaurant, dort sitze ich unter einer Menge von Franzosen, ich, der ich aus Nikolaev gekommen bin, und ich frage mich: ist das Wirklichkeit, bin ich es, der da sitzt? Ich fühle, daß ich weinen möchte, verstehst du mich. Nathanson? Weinen möcht' ich, wenn der Kellner zu mir kommt und mich fragt, was ich haben will, kann ich ihm sagen, daß ich am liebsten sterben möchte? Mein Sohn und seine Braut und meine Tochter, die haben Paris gern. Aber ich kann nicht vergessen, wie wir in dem alten Haus in Nikolaev gelebt haben. Ich sag' dir, Nathanson, selbst wenn sie mir hier alles geben könnten, was ich dort gehabt habe, es wäre nicht dasselbe. Verstehst du: für ein Loch in Nikolaev." (Aus dem Englischen übertragen von Ella Kronfeld.)