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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Maseltow Rebbe! Maseltow!
Date
1924-08-01
Page
Seite 19 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H A. M. Weissenberg / Maseltow Die Stadt war in Aufruhr: Der Rebbe war plötzlich zusammengebrochen — und man sah deutlich, vom ersten Augenblick an, daß die Tore des Himmels verschlossen waren! Ein Durcheinander herzzerreißenden Lärmens wirbelte herum. In den Türen der Läden standen die Krämerinnen mit blassen, verweinten Gesichtern und blickten mit neugierigen, stillen Blicken zum Ende der Straße hin. Chawwe Gitel, die Töpferin, eilte in großer Erregung mit erhitztem Gesicht vorbei. Sie traf eine Frau, erzählte ihr erregt etwas und fuchtelte heftig mit den Händen.. Herschel Melammed rannte daher, den mager langgezogenen Hals mit dem vorgeschobenen Kopf vorgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, die dünnen Ellenbogen wie die Flügel einer mageren Gans ausgebreitet, die sich ans Fliegen macht. Und ein Schulknabe mit rot erhitzten Wangen lief hinterdrein. „Ins Beßmeddresch! Ins Beßmeddresch!" * * * Das Beßmeddresch war überfüllt. Die Lehrer und Schüler aus allen Schulen waren jetzt alle wie verschmolzen. Ein Mann, mit einem roten Tuch gegürtet, stand mit flehend auegereckten Armen vor dem Ummed und sprach mit klagender Stimme den Psalm: Gebet Möschens, Vers um Vers, und die Beter sprachen so innig, so leidvoll und so aufgeregt nach, daß die Kinder die Mäulchen öffneten und die Äuglein aufrissen . . . An der Wand st:.nd einer, barg sein Gesicht im Psalmbuch, seufzte bitterlich, hob die Augen wieder zur Decke und schieß sie wieder und blieb mit ausgestrecktem Halse stehen, wie Itzchok bei der Opferung... Und man betete unaufhörlich, der Name des Rebbe war schon auf alle mögliche Weise nach den Anfangsbuchstaben der Verse zerlegt, und die Beter seufzten, beteten und seufzten. * * * Im Hofe des Rebbe standen die Leute Kopf an Kopf. Das gewöhnliche Volk, die Schuster und Schneider, standen mit stieren Augen, junge Chassidim gingen einzeln mit herunterhängenden, sich zwischen die Beine wirrenden Gürtelenden hin und her. Stille herrschte, niemand sprach zum anderen. Lehrer und Schüler kommen aus dem Beßmeddresch zurück. Die Lehrer standen in einer eigenen Gruppe, sahen einander an und flüsterten still miteinander . . . Schulkinder und Gassenbuben stiegen auf den Zaun zum Garten des Rebbe, kletterten über das Dach des Eiskellers und legten sich längelang darauf hin, alle mit dem Gesicht zum Fenster des Rebbe . . . Diener und Besucher liefen verwirrt hinein und heraus, begabte junge Leute liefen hinterdrein, kamen ihnen zwischen die Beine. Fragte man einen, was es Neues gäbe, so breitete er die Arme aus, seufzte auf und rannte weiter. Und dort, hinterm Verhaus, stand eine ganze Schar von Frauen mit verzerrten Gesichtern und hielt die Schürzen zum Weinen bereit . . . Plötzlich drang ein Lärm und Gezeter aus dem Hause. Die Menge kam in Bewegung. „Der Arzt sagt, daß man Gott bitten muß!" rief jemand aus dem Fenster. Die Menge erstarrte. Die Frauenschar eilte hervor und durchbrach die Männerrrenge, die ihr Platz gab. Die Frauen eilten jammernd auf die Straße. Dort schlössen sich ihnen noch andere Frauen an. Auf dem Markte teilten sich die Frauen in zwei Gruppen, die eine lief in die Synagoge, die andere auf den Friedhof. Auf dem Markte trieben sich die Männer wie verirrte, stumme Lämmer umher, bis einer mit schlimmerer Kunde kam. Die Menschen standen versteinert, und zitternde Lippen flüsterten: „Burcch dajen emrrcs! Gelobt der Richter in Wahrheit!" * * * Und nun hatten die Menschen nichts mehr — weder Hoffnung nech Trost! . . . Bloß eines — die Frau und die Waisen zu bemit- 19 Rebbe! Maseltow! leiden und sie zu zählen. Sich selbst hatte die Gemeinde schon in den Hintergrund treten lassen, hatte sich in Gottes Ratschluß ergeben und sein Urteil in Liebe angenommen. Die Diener waren mit langen Depeschen auf die Post gelaufen. Die Fenster des Zimmers, wo der Rebbe lag, flammten rot auf — und ein dünner, kalter Regen troff vom bleiern verpanzerten Himmel, troff und rann und fraß sich in Leib und Seele hinein, daß die Glieder sich zusammenzogen und zueinander wollten. Handwerker stellten den Kragen auf und schmiegten die Köpfe zwischen die Schultern, Lehrer umwickelten sich den Hab mit r:tcn Tüchlein. Die Gesichter wurden immer finsterer, blauer und vercchrumpfter, die Lippen zitterten und die Augen blinzelten. Und noch am Abend begannen Wagen voll Chassidim aus den umliegenden Orten zu kommen, und am nächsten Morgen gab es ein großes Gefahre — die Straßen wurden von Wagen und Kutschern nicht still, am Mittag waren sehen alle Geschäfte gesperrt, und alles versammelte sich auf dem Hofe des Rebbe. Plötzlich ertönte Geschrei und Lärm an der Tür: „Aufmachen! . . . Aufmachen!" . . . Die Bahre erschien, und die ganze Menge kam in Bewegung. Man ging ins Beßmeddresch zum Nachruf, und rasch wurde es so eng, daß kein Stecknadelkopf zur Erde hätte fallen können. Kopf stand an Kopf, Männer und Frauen durcheinander, über den Tischen und über dem Balemmer, überall war es voll und schwarz, und die brennenden Kerzen in den Kronleuchtern brachten eine fürchterliche Hitze hervor, alle Gesichter waren rot, schweißüberströmt, und die Luft war stickig, heiß und dumpf. Die Bahre blieb beim Heiligen Schrein stehen. Chassidim stiegen einander auf die Schultern, um mit den Augen über die Köpfe zu reichen. Alle schwebten in der Luft, alle aufeinander und alle zusammen. Und rtill war es, und eines jeden Augen bohrten sich genau zur Mitte . . . Und bald ertönte eine dünne Stimme: ,, . . . Zu großes Pfand nimmst Du uns, o Gott, für unsere Sünden ... . Du hast uns die Krone der Thauroh vom Haupte gerissen, um unserer vielen Sünden willen die Zange genommen, ohne die wir nichts werden machen kennen ..." Und wieder wurde es still, und unter den Frauen und Mädchen, deren Kopftücher bis auf die Augen gingen, erhob sich verhaltenes Geschluchze . . . Die Bahre setzte sich in Bewegung, und die Menge drängte durch beide Türen und stieg durch die aufgerissenen Fenster hinaus. Die Straße war schon abgesperrt — eine Kette von Chassidim zu beiden Seiten, und die Bahre zog mit dem Volk wie ein langer Streif von tausenden Gesichtern, und den ganzen Weg lang sprach man Psalmen. Und der Sohn, der Nachfolger, ging hinter der Bahre, auf die er seine Stirn gelegt hatte, das Gesicht in den Händen vergraben. Auf dem Friedhof unter den Bäumen standen Grab und Sarg schon bereit, und während der Bestattung wünschte man dem Rebbe Maseltow ins offene Grab hinein, und die ganze Menge wandte sich sofort zum Sohne hin: .,Maseltow, Rebbe! . . . Maseltow!" * * * Das Grab war geschlossen. Der neue Rebbe hatte das Kacldisch gesprechen. Und Tröstung und neue Hoffnung erblühten. Die Gesichter cihclltc.i sich wieder, und in den Augen begann frische Liebe zu sprießen. Und alle sammelten sich um den Rebbe und schauten strahlenden Auges, wie die Gcttesherrlichkeit auf seinem Antlitz leuchtete. Auf dem Friedhof wurde es still. Die Bäume wiegten sich leise und flüsterten ihre Gebete. (Aus, dem Jiddischen.) ßn Provinzkunden Musterversend

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