Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1924)
- Article
- Heinrich Bermanns Familie
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ME NO RAH' ARTHUR SCHNITZLER HEINRICH BERMANNS FAMILIE (Ein ungcdrucktes Kapitel aus dem Roman „Der Weg ins Freie".) Auch über seine Familie hatte Heinrich dem Freunde mancherlei erzählt. Sein Vater war noch zu Beginn der achtziger Jahre ein geachteter Advokat in einer deutsch-böhmischen iMittelstadt und deutschliberaler Abgeordneter gewesen. Das Anwachsen der antisemitischen Bewegung hatte ihn aus der Partei gedrängt; und bald, aus den gleichen Gründen, verringerte und verlor sich auch seine Klientel. Infolge dieser Umstände verdüsterte sich seine Seele mehr und mehr, und bald traten unverkennbare Anzeichen einer geistigen Verstörung auf. Heinrich selbst hatte schon als Achtzehnjähriger dem Vater dessen politisches Schicksal vorausgesagt, denn mit frühsehendemAuge erkannte er die Feinde in des Vaters eigenen Reihen. Dazu kam, daß er dessen hochtönende Phrasen von Deutschtum und Freiheit, so ehrlich gemeint sie einmal gewesen sein mochten, immer als peinlich empfunden hatte, so daß er dem Falle des Vaters ohne eigentliches Mitgefühl, ja beinahe wie einem verdienten Geschicke zusah. Auch zur Mutter war er niemals in einem wahrhaft innigen Verhältnis gestanden. Einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie entsprossen, hatte sie seit ihrer Kindheit zu Arnold Bermann als zu einem der zukunftsreichsten Männer der Stadt aufgeschaut, war beglückt gewesen, da er nach beendeter Wiener Universitäts- und Konzipientenzeit als Advokat in die Heimatstadt zurückgekehrt, sie zur Ehe verlangte, hatte stets in blinder Anbetung für ihn verharrt und war im Laufe der Zeit so vollkommen sein Geschöpf geworden, daß sie mit ihm zugleich in Verdüsterung und Umnachtung zu sinken schien. Das Parlament, ja der Staat, hatte für sie zu existieren aufgehört, als der Gatte sein Mandat verlor; nun verging gleichsam die Welt für sie, da diese Welt für den geliebten Mann nicht mehr vorhanden war. Auch die Schwester Heinrichs, etwas älter als er, wurde in den Niederrang des elterlichen Hauses mit hineingezogen. Heinrich, der vor zehn Jahren die kleine Stadt verlassen hatte, um in Wien Jus zu studieren und sie seither immer nur zu vorübergehendem Aufenthalt besucht hatte, beobachtete mit Unmut und Erschütterung, wie das künstlerisch begabte lebensvolle Mädchen, das einmal geschaffen schien, sich aus eigener Kraft ihr Schicksal aufzubauen, allmählich zu einem immer unselbständigerem, hilfloserem Wesen verkümmerte. Kurz, bevor Heinrich nach Wien übersiedelt war, hatte sie sich in einen leichtfertigen jungen Fabrikantenssohn verliebt, der nichts von ihr wissen wollte und später ins Ausland ging. Dann bewarb sich ein tüchtiger junger Arzt aus einer benachbarten Stadt um sie, dem sie die Eltern aus egoistischen Gründen nicht zur Frau geben wollten; endlich, zur größten Betrübnis des Vaters, der damals eben sein Mandat verloren hatte, begann sie für einen blutjungen Schauspieler des Stadttheaters zu schwärmen. Einmal, an einem Sonntagnachmittag, waren die beiden zusammen in einem Wirtshausgarten eine Stunde weit von der Stadt gesehen worden, was zu böswilligen Gerüchten Anlaß bot, die bald den Weg zu den Eltern fanden. Vater und Mutter waren schwer gekränkt und behüteten von nun an das sechsundzwanzigj ährige Mädchen, als wär es ein unmündiges Kind. Der junge Schauspieler verließ die Stadt am Schluß der Saison, schrieb Briefe an Charlotte, die nicht an ihre Adresse gelangten, und eine stille Feindseligkeit erhob sich zwischen Tochter und Eltern. Heinrich stellte sich auf die Seite der Schwester und hätte sie am liebsten mit sich nach Wien genommen, aber auch er war noch auf den Vater angewiesen, der an die künstlerische Berufung des Sohnes nicht glaubte und ihm die monatlichen Zuschüsse kaum jemals zu senden sich entschloß, ohne irgendeine bittere oder verletzende Bemerkung beizufügen. Der junge Schauspieler wurde später berühmt, in lächerlicher Weise versuchte man das dem Mädchen zu verheimlichen, W -7i r~*y~tty}.$>t r-> A -ji '■■;»»*3,^\,\-i-r versteckte Zeitungen, in denen sein Name und seine Erfolge erwähnt standen, wie man früher seine Briefe unterschlagen hatte; aber Charlotte, nicht mehr stark genug, um die Menschen, die ihre Eltern waren, auch nur innerlich zu verurteilen, lehnte sich nicht weiter auf, verfiel in Schwermut, die in eine immer sentimentalere Stimmung umschlug; sie beklagte ihr eigenes Los, das ihres Vaters, den sie sich grämen, die Praxis verlieren und endlich geistesschwach werden sah; und am tiefsten die Mutter, die ihr nun als eine schwergeprüfte Dulderin erschien. Von ihrem Bruder, den sie früher sehr geliebt hatte, wandte sie sich ab; denn ihn begann sie für den Niedergang des elterlichen Hauses als verantwortlich anzusehen. Sie hatte es ja oft genug hören müssen, daß sich, wenn Heinrich, statt Novellen zu schreiben, die nicht gedruckt, und Stücke, die nicht aufgeführt wurden, seine Studien fleißiger betrieben, Doktor geworden und in die Kanzlei seines Vaters eingetreten wäre, das Schicksal der Familie völlig anders gestaltet hätte. Sie war nun siebenunddreißig Jahre alt und in ihrem Wesen schon völlig altjüngferlich geworden, wich der Mutter kaum von der Seite, und wenn der Bruder nach Hause kam, der die Familie, seit er seinen ersten Erfolg errungen, nach seinen schwachen Kräften unterstützte, so schwebten stumme Vorwürfe um ihn, die ihn erbitterten und gegen die er sich nicht einmal zur Wehre zu setzen vermochte, weil sie nicht mehr laut ausgesprochen wurden, besonders aber, weil er ein quälendes Mitleid mit den Seinen empfand, die er seelisch und geistig langsam zugrunde gehen sah. Und noch andere Gestalten aus der kleinen Stadt tauchten in den Erzählungen Heinrichs mehr oder minder deutlich vor Georgs Augen auf: Frühere Freunde des Hauses, die sich im Laufe der Zeit schmählich von dem alten Bermann abgewandt und ihn verlassen hatten, die Großeltern mütterlicherseits, von denen sich Heinrichs Vater gleich zu Beginn seiner Ehe mit Rücksicht auf seine deutschvölkische Laufbahn ziemlich zurückgezogen hatte und die sich erst in den letzten Jahren der beklagenswerten Familie wieder näherten, aber nur um ein neues Element der Dumpfheit und Düsterkeit in das traurige Flaus zu bringen. KOBENZL Hübners Sdiloßhotel Kobenzl - Cafe-Restaurant - Wiens sdwnster Ausflugsort =~ Herrliche Autostraßen Autoverkehr Grinzing — Kobenzl eigener Regie zu ermäßigten Preisen