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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Hermann Fechenbach
Date
1924-08-01
Page
Seite 10 (sequence 1)
Language
German
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10 M E N O HERMANN FE Es ist das Wesen des Künstlers, daß er Hineinzuschauen vermag in seine Zeit, daß er empfindet, was er sieht, um laut oder leise, schlicht oder großartig zu formen und zu geben, was i h m das Sinnvolle und Bleibende in dem oft verworrenen Suchen und Drängen zu sein scheint. Hermann Fechenbach ist zweifellos einer von denen, die sich nicht verleiten ließen, Modeströmungen folgend, blasse, gar intellektualistisch-verzerrte Darstellungen kaum empfundener Eindrücke wiederzugeben: seine Kunst weist von Anfang an eine kraftvoll-sichere Linie auf, der er mit unbeschreiblicher Treue folgt, indem er — instinktiv sondernd und wählend — alles ihm Wesensfremde ablehnt. Ihm ist die Kunst nicht nur ein Ausströmen seines Fühlens und Könnens; sie entsteigt bei ihm zwar einem überreichen Lebensdrange, aber er verspielt und verschwendet diese Fülle nicht aus ästhetischer Freude, sondern er ist sich ganz bewußt, daß die Kunst dazu dient, das Leben zu heiligen. Er radiert, malt, schneidet, zeichnet daher nicht nur, um einen schöpferischen inneren Drang zu befriedigen, sondern er will durch sein Schaffen Allgemein-Gültiges darstellen, das mit dazu dienen soll, das Chaos unserer Zeit, besonders auch das Chaos in der Kunst unserer Tage zu überwinden, vor allem aber, um dem neu erwachten jüdischen Lebensgefühl einen adäquaten, objektiv-gültigen Ausdruck zu verleihen. Man würde aber dem Künstler Hermann Fechenbach nicht gerecht werden können, ohne ihn als Mensch zu kennen. Es ist ihm nicht gegeben, in völliger Abgeschiedenheit zu schaffen, er kann an dem Schicksal der Menschen, die seinen Weg kreuzen, nicht ohne stärkste innere Anteilnahme vorübergehen. Er kann vor allem nicht gleichgültig bleiben, wenn er mit einer Bewegung, wie zum Beispiel vor einigen Jahren mit dem Zionismus, später mit der jüdischen Jugendbewegung in Berührung kommt, aus der er die wertvollsten Kräfte, die einer Entwicklung zugrunde liegen können, herausliest und in die er sich voraussetzungslos hineinstellt, bis der Künstler — der Individualität — erwacht und er sich aus allen selbstgewählten Verstrickungen wieder heraussehnt, und sich auch — Hermann Fechenbach / Florenz Holzschnitt HÄUSER AM ARNO RAH CHENBACH oft fluchtartig — von ihnen befreit, um wiederum ungeteilt seiner Aufgabe zu leben. Man hat bei ihm, bei aller menschlichen Reife, die er trotz seiner Jugend (er ist jetzt 27 Jahre alt) besitzt, infolge dieses Auf und Ab den Eindruck ständigen Werdens und schmerzvoll erlittenen Wachsens: trägt ihn die eine Erlebniswelle zu den Menschen hin, denen er sich mit seinem ganzen Reichtum schenkt, so trägt ihn die nächste wieder fort von ihnen und zwingt ihm Stift und Messer in die Hand, um das verwandelt wiederzugeben, was sie ihm schenkten und was sie ihm schuldig geblieben sind, und was er ihnen dazu von sich aus zu sagen hat. Vor allen Dingen versucht er klar auszusprechen, was ihm das Wesentliche des jüdischen Erlebens unserer Zeit zu sein scheint, was ihm zum Beispiel aus der Jugendbewegung nur unklar entgegenströmt: der neuerwachte Sinn für jüdische Lebensformen. So entstehen Werke wie „Kiddusch", „Hawdalah", „Aufbau", „Israels Traum" und noch viele Holzschnitte und Radierungen jüdischen Inhalts. Auffallend ist in allen diesen Werken eine Symbolik nicht nur im Inhalt und in der Komposition, sondern auch in der Form, zum Beispiel der Freude an dem Wechsel von Hell-Dunkel, dessen Wirkung er oft durch ein leises Stilisieren zu erhöhen sucht. Aus dem Dualismus seiner Natur, die sich auf der einen Seite ungeteilt mit unsagbarer Aufgeschlossenheit in das Dasein hineinstellt und auf der anderen Seite es flieht, um wieder und wieder es neu zu suchen, zu finden und zu fliehen, ergibt sich ein nachdenklich-grüblerischer Zug in seinen Arbeiten; man hat bis vor ganz kurzer Zeit vergeblich in ihnen nach einem unmittelbaren erdennahen Ausdruck gesucht: sie schienen bisher alle, wenn auch oftmals nur leise — zum Transzendentalismus und Mystizismus zu neigen, man konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, als ob sein Schaffen einer Not entstiege und ihm die Objektivierung derselben erst die eigentliche Eroberung des Lebens bedeutet hatte. So kommt es, daß er bis vor kurzer Zeit nur selten aus einem unmittelbaren Naturgefühl heraus zu schaffen schien. Es war eigentlich nur in gehobenen Stunden, beim Wandern und Reisen, bei ihm zu finden. Er war seither zu sehr in das Bewußtsein von der jüdischen Schicksalsgemeinschaft verwurzelt, um im weitesten Sinne frei, das heißt selbstlos, ohne Absicht zu schaffen. Wenn aber das Gefühl von der Schwere des Daseins von ihm gewichen ist, verliert er sich in die Natur. So finden wir, seitdem er in Italien ist, von ihm fast nur noch Holzschnitte und Radierungen italienischer Landschaften, statt der Arbeiten jüdischen Inhalts, über denen aber fast durchweg eine leise Nachdenklichkeit — sein jüdisches Erbteil — zu liegen scheint. Vollends jetzt, seitdem ihm in Viareggio der Anblick des Meeres zu überwältigen droht, ist sicher zu erhoffen, daß sein grüblerischer Sinn ausgeglichen wird durch unmittelbares Naturerleben, so daß wir Hermann Fechenbachs weiterer Entwicklung und Kunst wohl mit größter Aufmerksamkeit folgen müssen. Ist er doch ein Künstler, dessen eigenwillige Art die Liebe zum Volkhaften, Bodenständigen verbindet mit dem Bewußtsein, durch seine Kunst der Idee des jüdischen Volkes dienen zu müssen: der Religion. Ebenso geradlinig wie sein Schaffen ist auch der Weg, den er, ungeachtet aller äußeren Hindernisse, treu gegen sich selbst geht. Er ist 1 897 in Mergentheim (einem kleinen württembergischen Städtchen) geboren und wurde ursprünglich zum Kaufmann bestimmt. Diese Tätigkeit entsprach nicht seiner Neigung, er erreichte mit der Zeit, daß er wenigstens eine Dekorationsschule besuchen konnte. Als er 1 7 Jahre alt war, brach der Krieg aus. 1916 wurde er Soldat, 1917 erlitt er eine schwere Verwundung, 1918 wurde er aus dem Lazarett entlassen und hatte inzwischen erreicht, die Kunstgewerbeschule in Stuttgart besuchen zu dürfen. Später, zuerst gegen den Willen der Eltern, besuchte er die Akademie in Stuttgart und München. Im Oktober 1923 ging er nach Florenz, jetzt ist er in Viareggio, und sein größter Wunsch ist, bald nach Palästina gehen zu können. Hilde Ottenheimer

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