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Menorah · 1924-08-01 · Heft 8-9 (August 1924) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 8-9 (August 1924)
Article
Gleichnisse und Legenden
Date
1924-08-01
Page
Seite 9 (sequence 1)
Language
German
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MENORAH 9 Nachum Glatzer / Glei Nach aggadis DIE MÜNDLICHE LEHRE Im Kreise seiner Jünger saß Elijahu und erzählte ihnen: Einst begegnete mir auf einer Wanderung ein Mann, gab mir den Friedensgruß und sprach zu mir: „Rabbi, ich liebe die Thora und habe mein Leben ihrer Erfüllung geweiht. Und dennoch verachten mich die Söhne, meiner Stadt, die die Forschungen und die Gesetze der Weisen studieren und nach ihnen leben, während ich die Lehre unseres Meisters Moscheh so bei mir bewahre, wie er sie gegeben hat. Tue ich daran unrecht?" Da sprach ich zu ihm: ,,Ich will dich ein Gleichnis lehren, mein Sohn. Ein König rief zwei Diener zu sich und gab jedem ein Flachsbündel und ein Säckchen Weizenkörner. Dann begab er sich auf eine Reise. Während der Zeit seiner Abwesenheit wob der eine Diener mit großem Verständnis aus dem Flachs eine Decke und breitete sie über seinen Tisch. Dann mahlte er den Weizen und buk daraus Brote und Kuchen. In einer goldenen Schale legte er das Gebäck auf den Tisch. — Der andere Diener aber bewahrte mit großer Sorgfalt Flachs und Weizen in einer Kammer und freute sich jeden Tag mit dem Geschenke des Königs? Als der König wiederkam, besuchte er beide Diener. Der eine führte seinen Herrn an den gedeckten Tisch und reichte ihm die Schale, der andere zeigte seinem Herrn die Kammer, wo die Geschenke lagen. Da ärgerte sich der König über ihn, da er den Flachs und den Weizen zur Verarbeitung und nicht zur Behütung gegeben hatte, und freute sich über den Diener, der seine Absicht verstanden hatte. Die Thora ist ein solches Geschenk unseres Königs und die Weisen der Diener, der die Decke webt und die Speisen bereitet für die große Tafel unseres Lebens." Dies sprach ich zu ihm. Er aber begleitete mich und ward mein Schüler. DER GOTTESDIENST Auf der Spitze des Berges machten sie Halt und beschauten die weite, schöne Landschaft. Oft schon war der Rabbi mit seinem Schüler diesen Weg gegangen, doch selten bot sich ihnen diese Pracht der göttlichen Natur und der strahlenden Sonne, die alles Lebende zur Innigkeit und Besinnung aufzurufen schien. „Ein großer Gottesdienst", sagte der Rabbi. „So groß, daß all unser Tun und unser Gottespreis aufgeht und sich verliert vor dieser Fülle des Jubels. Was ist unser heiliges Licht gegen das heilige Licht der Sonne, was unser Gebet gegen das Rauschen dieses Waldes und das Singen ihrer Vögel, was frommt bei dem allem unser armer Dienst?" „Ich will dir ein Gleichnis sagen, mein Schüler, und du wirst mich verstehen. — Ein König hatte in einer entlegenen Gegend einen lieben Freund. Er sandte einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: ,Der König wird dich besuchen. Bereite für ihn ein Lager vor und zünde für ihn eine Lampe an.4 Der Freund tat also. Als der König kommen sollte, ging ihm der Freund entgegen; von ferne schon sah er die majestätische Dienerschaft, die ein Prachtbett aus Purpur und einen goldenen Leuchter einhertrugen. Da schämte sich der Freund und eilte nach Hause, um das einfache Lager und die einfache Lampe, die er mit großer Sorgfalt vorbereitet hatte, zu verbergen. Der König kam. Er sah, was im Herzen seines Freundes vorging und sprach zu ihm: „Nicht Pracht und strahlendes Werk habe ich von dir verlangt, sondern die Treue und Sorgfalt deiner Arbeit. Die du um mich siehst, sind meine Diener, die ihr Amt tun. Du aber bist mein Freund, und deine Arbeit ist ein Werk der Liebe. Das Lächeln meines Mundes und der Glanz meiner Augen ist ein Widerschein vom Lichte, das du zu meiner Ehre zündest." Schweigend stiegen die beiden den Berg herunter. DER SEGEN Eine schwere Sorge quälte den kranken Rabbi. Gott hatte ihm einen Sohn gegeben; doch dieser hatte zwei Kinder, von denen chnisse und Legenden chen Motiven das eine auf dem Wege der Lehre und des Gesetzes wandelte, das andere aber nach Willkür und fern von göttlichem Willen lebte. — Jetzt, da seine Todesstunde nahe war — wie sollte er seinen Sohn segnen, ohne auch den gottlosen Enkel mitzusegnen, oder wie ihn nicht segnen, da doch ein edles Kind ihm entstammte? Im Traume erschien ihm unser Vater Abraham und sprach zu ihm: „Ich will dir einen Rat geben. Der Herr eines Gartens stellte einen Gärtner ein. Bald bemerkte dieser im Garten einen Giftbaum, der mit einem reichen Fruchtbaum verschlungen war. Da sprach er: ,Wenn ich den Fruchtbaum bewässere, trinkt auch der Giftbaum und lebt davon. Bewässere ich den Giftbaum nicht, wie soll der Fruchtbaum leben?' Er überlegte und sprach zu sich: ,Ich bin ein Gärtner und stehe unter dem Auftrage des Herrn. Den ganzen Garten will ich bewässern und warten, bis der Herr kommt. Er möge das seine tun.' — Dieser Gärtner bist du. Kannst du wissen, zu welchem Ziele dein Herr diesen Giftstrauch in den Garten deiner Familie pflanzte?" Der kranke Rabbi erwachte und segnete seinen Sohn mit ungeteiltem Herzen. DAS LEUCHTEN. Der greise Meister ging mit seinem Schüler nach dem entlegenen Bethause. Auf einem Hügel blieb der Meister stehen und schaute nach dem Osten. Plötzlich fragte er seinen Jünger: „Weißt du, warum in den heiligen Schriften die Lehre ,Licht' genannt wird und die Seele .Leuchter'?" „Gestatte mir, Rabbi, dir eine Deutung vorzutragen. Ein Leuchter ist wertlos, wenn kein Licht in ihm brennt. Und auch das Licht muß in einen Leuchter getan werden, damit es geordnet und schön seine Helligkeit verbreiten kann. — Also sprach Gott zu Israel: „Ich will das Licht meiner Thora in den Leuchter Eurer Seelen tun und damit nach Zion gehen, um es zu erleuchten.' Und das ist auch der Sinn der Worte des Jeschajahu: ,Komm mein Licht, denn gekommen ist dein Licht. Und die Herrlichkeit Haschems strahlt über dich'." Da erhob sich der Meister und küßte seinen Jünger auf die Stirn. DIE HOFFNUNG Das Heiligtum war zerstört. Jeremia lag auf dem kahlen Gipfel des Berges, wohin er sich immer zurückzuziehen pflegte, um sich zu besinnen. Die Nacht war klar und Sterne leuchteten heller als je zuvor, als hätten sie sich an Licht und Feuer des goldenen Brandes vollgesogen. Gott sandte seine Stimme in die schmerzvolle Einsamkeit des Jeremia: „Ich bin der Vater eines einzigen Sohnes. Ich baute für ihn ein Brautgemach, doch er starb und hat seine Braut nicht gesehen." Da sprach Jeremia: „Er starb nicht, nein, Du hast ihn getötet. O gib mir Kraft, ihm wieder Leben zu geben!" Jeremia stieg vom Berge herunter, ging an den Jordan und rief: „Wache auf, Moscheh, du treuer Hirte; wache auf, nochmals mußt du dein Volk befreien." — Die Wellen des Jordan schlugen dieses Rufen zu Moschehs Grabe, dessen Ort keiner kennt. Der treue Hirte machte sich auf und ging mit Jeremia an die Ströme Babels. Dort saßen die Juden und weinten, Zions gedenkend. Als sie Moscheh erblickten, sprachen sie untereinander: „Seht, Moscheh kommt aus seinem Grabe, um uns zu befreien." Und die Hoffnung zog ein in die Tore ihrer traurigen Herzen. Da sprach Jeremia zu Moscheh: „Komm, laß uns umkehren, denn ein Volk, das Hoffnung hat, ist nicht tot. Wir wollen den trauernden Vater trösten." Sie bestiegen den kahlen Gipfel des Berges, wohin Jeremia sich zurückzuziehen pflegte, um sich zu besinnen, und riefen: „Du, heiliger Vater, Dein Sohn lebt!" Und die Engel des Dienstes sangen im Chor: „Dein Sohn lebtV

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