Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1924)
- Article
- Folkloristisches Allerlei
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 19 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH 19 w. Bernhard Folkloristisches Allerlei 40. EINE ERINNERUNG Es war an einem lom-Kippur in der Synagoge des Rabbi Lewi Jizchok in Bcrdiczew. Eine nach lausenden zählende Menge von nah und fern war in tiefster Andacht vereint. Die Heiligkeit des Tages und die des vorbetenden Rabbi durchdrangen geradezu körperhaft den Raum und teilten sich all diesen Menschen mit. Dieselben Worte, die seit undenklichen Zeiten in den Gebctsammlungcn vorrätig /.um Gebrauche stehen, klangen jetzt aus dem Munde des Heiligen, wie neue Offenbarungen aus unbekannten Welten. Selbst die alltäglichen Gebete, an die man so gewöhnt war, wie an die alltäglich aufgehende Sonne, nahmen heute neue Formen an und lösten in ihrer veränderten Gestaltung ganz eigenartige Wirkungen aus. Es war schon spät am Nachmittage, als man zum Höhenpunkte der Andacht gelangte, zur Aboda, der Schilderung des Jom- Kippur-Dienstcs im Bcs ha-Mikdosch in Jcruscholajim, in jener glücklichen Zeit, wo noch nicht jeder Budnik1) einen Sohn Israels auf der Gasse nach Dokumenten zu befragen hatte. An diesem Tage legte der Kojheri gudol in seiner ganzen Pracht das Sündenbekenntnis für die ganze Gemeinde ab und rief dabei den Unaussprechlichen mit Namen an: La la la la la la la la la Wecel(ach hojo ojmef: Unit ha-Schcm choutusr) Aber da klang es aus dem Munde des Rabbi: lVcccI(ach hujissi ojmcr!!!") Es gab keinen, der sich diese Abweichung erklären konnte. Wohl wußte man, daß Rabbi Lewi Jizchok nur mit seinem Körper in der Synagoge in Bcrdiczew anwesend sei, daß iedoch seine Seele im Dienste seines gequälten Volkes m höheren Regionen schwebe. Daß aber dieser Umstand einen Irrtum verursachen könnte, schien ganz ausgeschlossen zu sein. Am Abend, am Moze Jom-Kippur, der besonders in chassidischen Kreisen freudig begangen zu werden pflegte, fanden einige Mckoruwim1) den Mut, den Rabbi darum zu befragen. R. Lewi Jizchok gab eine überraschende, aber vollständig befriedigende Lösung: ,,Ich war in einer meiner Vorexistenzen", sagte er, „selbst Kojhen gudol, und mußte also in erster Person schildern, wie ich es selbst zu sagen pflegte. Es war demnach keine willkürliche und keine irrtümliche Abweichung". Im ganzen, erzählte der Rabbi, sei er zum viertcnmal auf dieser Welt. Seine erste Existenz fiel in die Zeit des ersten Tempels, wo er Nassi war. Zum zweitenmal war er Kojhen Gudol am zweiten Tempel, an die dritte Existenz wußte er sich nicht zu erinnern. Zum vierten Male war er eben der heilige Rabbi Lewi Jizchok, der Bcrdiczcwer Rcbbe. ') Polizeimann. -) Und so sagte er: O . . . ich habe gesündigt. :i) Und ro sagte i c h. *) Nahestehende, die die Gunst des Rabbi in hohem Maße genießen. 4L DER BEWEIS AUS DEM TALMUD R. Lewi Jizchok, der heilige Berdiczewcr'), nflcgtc viel auf Reisen zu sein, um für Ausheiratung armer Mädchen, Unterhalt von armen I* amilicn und dergleichen Geld zu sammeln. Und wenn die Leute zum Geben nicht aufgelegt waren, nahm er selbst: silberne Leuchter, kostbares Eßzeug und andere sich vorfindende Kostbarkeiten. Als man ihn fragte, wie er denn eine solche Handlungsweise begründen könnte, berief er sich auf die heilige Gcmuro. Es steht in Beruchos, Blatt 3, S. 2: An jedem Morgen pflegten die Gelehrten beim König David zu erscheinen, und sie sagten ihm: „Herr und König, dein Volk Israel braucht Lebensunterhalt", worauf der König antwortete: „Gehet und ernähret Euch voneinander." Dir Weisen aber sagten: En ha-bor mismalc rn'clniljussoj ip'en hal( o j rn e z masbia es ho-at'i. ist der Pschat'-') asoj"): Der Bor, der grobe Jung, der hartherzige, will nicht zu seiner Tasche greifen, w'en ha kojmez un' der Kam/an, der Geizhals will nicht dem armen Löwen, dem Talmud-Chuchem1) Brot zum Sättigen geben'"')- „Nun, wenn es so ist", sagte der König: „Lcchi lvc-pischli azmccheni bigdid", das heil.it, geht und nehmt mit Gewalt. ') Ergänze: Rcbbe. Der Chassid hält es nicht für notwendig, Rcbbe zu sagen, weil ja cler Ort des Rebbe wegen da ist. '-') Erklärung, Deutung, Sinn. ,!) so. *) Gelehrten. ") Die Stelle im angefühlten Traktat Bcrachoth hat natürlich "inen anderen Sinn. 42. REVENUEN GOTTES Zwei berühmte Zaddikim1) trafen einst auf einer Wanderung zusammen. Jeder von ihnen ging von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, ungekannt und alle Leiden eines Wanderlebens mit Geduld und in Freudigkeit ertragend, dies alles als Buße für etwaige Verfehlungen, die cler sündige Mensch ohne Rechenschaft zu begehen pflegt: Hochmut, Stolz, Schadenfreude und ähnliches. Unsere beiden Heiligen kannten sich so wenig wie die Welt, durch die sie wanderten, sie selbst erkannte. Der eine mag den anderen als schnorrenden Landstreicher angesehen haben. Von den beiden war jedoch der eine umgänglich und mitteilsam, der andere aber mehr abweisend und in sich gekehrt. In Belli ha-Midrasch'"'), wo die beiden auf den harten Bänken ihr Nachtquartier aufschlugen, suchte der Mitteilsame den Schweigenden ins Gespräch zu ziehen. ,,Vün wannen is a Jid?"'1) Der Gefragte brummte etwas in den Bart. Der erste sagte nun in scharfem Tone: „Ihr send1) a Räuber') viin ha-Schcm jisburech1')." Erstaunt schaut ihn der andere an. ,.Jo, Ihr raubt bei san lieben Numen!7) 'ch wcl's Euch zu versleh'n geben"). Sugts mir, 'ch bet Euch"), auf wus far a Pensie1") sitzt a Richter?" „Auf 2000 Gulden a Juhr."") ,.Un' a Bezirkshauptmann?" „Auf 5000." „Un' a Minister?" Aul 10.000." „Un* der Kejsser?1-)" ..Auf 10 Millionen." „Un' wus mejnt,:;) Ihr, auf wus far a Pensic sitzt ha-Schem jisburech?" Der Gefragte wußte nun keinen Bescheid. Diese Gehallsverhältnise waren ihm unbekannt. „Ich wcl's Euch sugen. Ha-Schcm jisburechs Pensic ist das Lojb11) viin Jisruel. As jiden lojbcn") ihn, is dus sein Pensic, wie es steht (Ps. 22, 4) ivealu Kudojsch un' du Heiliger jojscheiv sitzst auf cler Pensic lehilos Jisruel. wus Jiden loiben. Mely' ') asUi) ich mach mit Euch Bekanntschaft und trefl mich mit Euch nach einiger Zeit, freg 'ch mistam17): Wus thit Ihr, wie gehts Euch, un' Ihr enfcrt,s) gelojbt is Gott far dem. Asoj is auch, wenn Ihr mit an' anderen bekannt werd. Wus mehr Ihr verkehrt mit Menschen, is als mehr das Lob vün ha-Schem iisburech. Kchaiom1'1) aber, as Ihr git"" kein Enfer1) nischt, raubt Ihr takc proste'JJ) bei Caott boruch h'f'') die Pensie. ') Plural von Zaclclik, s. Nr. 41 z nl. -) Bet- und Lehrhaus, in welchem arme Durchreisende manchmal aus Mangel eines Quartiers zu übernachten pflegten. :;) Woher i*t ein Jude, d. h., woher sind Sie? ') seid. '') Räuber. ') Der Name (statt Gott aus Scheu), gesegnet *ei er. ') Namen Gott: s. die vorige Note. s) Ich will es Ihnen erklären. ") Sagen Sie mir, ich bitte Sie. "') Pension, in der Volkssprache im Sinne von Gehalt. Af a Pensic sitzen r fixe Beziige genießen. ") Jahr. '-) Kaiser. t:!) glaubt. n) Lob, loiben loben. ,:') Nun also. "') wenn. ,T) natürlich. |s) antwortet. "') Wie die Sache heute steht, nun. "-'") gebt. "') Antwort. -"-') Ganz einfach. '-■') Gelobt sei er. — Es ist klar, daß die Deutung von Ps. 22. 4 in unserer Erzählung keinen Anspruch auf Wahrheil macht und nur gegen unfreundliche Menschen zuspitzt ist. In diesem Sinne hörte ich die Geschichte anwenden auf einer Eisenbahnfahrt Lemberg—Czortkow. Anderer Meinung ist der anonvme Korrespondent im Sahbat-ßlaf 1845. S. 147. der sich über die Deutung sehr aufregt. Das folkloristische Moment ist ihm ganz entgangen. Er kennt aber auch unsere Geschichte, die Voraussetzung cler Deutung, nicht. Vgl. übrigens Jcrusch. Sukka 35b, Gen. Rabba 48. Die Anekdote geht von der figürlichen Bedeutung von „sitzen" in der Umgangssprache aus. A3. VERSCHIEDENE QUELLEN MENSCHLICHER HAND¬ LUNGEN Ein Mann hatte einst eine größere Summe Geldes verloren und geriet darüber in die größte Verzweiflung. Während er in tiefster Traurigkeit Nachsuchungen anstellte, meldete sich ein Mann und überreichte dem Suchenden die verlorene Börse. Eine Nachzahlung ergab, daß nichts fehlte. Erfreut und gerührt bat nun der Besitzer des Geldes den ehrlichen l inder, nachdem dieser jede Belohnung ausgeschlagen hatte, mit ihm in eine Weinstube zu gehen, um genieinsam einige frohe Stunden zuzubringen. Nach Verlauf einiger Zeit griff der Gastgeber zufällig nach seiner Tasche und vermißte zu seinem Erstaunen den soeben wieder erlangten Geldbeutel. Da niemand anderer als die zwei freunde im Lokale waren, sah sich die Polizei gegen die feierlichen Einwendungen des abermaligen Verlustträgers gezwungen, die Taschen des Partners zu durchsuchen, und siehe da: das Geld wurde dort gefunden. Erstaunt fragte der Eigentümer den Dieb, welche Notwendigkeil habe denn für ihn bestanden, das Geld zu stehlen, nachdem er ja auf eine weniger riskante Art dieses hätte haben können. „Genewe"1), antwortete jener, „is mein Parnusso"'), haschuwas Awede is a Mizwa::)." ') Diebstahl. ') Beruf. ::) Einen Fund zurückzustellen ist ein religiöses Gebot. — Diese Anekdote ist schon einmal durch S. Bcilin kurz, mitgeteilt in „Mitt. z. j iicl. Volksk.", red. M. Grunwald, IV., S. 132. Ihr geradezu philosophischer Gehalt bewog mich jedoch, sie in meine Sammlung aufzunehmen. In naiver Weise sucht die Anekdote die Tatsache, daß oft logische Gegensätze in der Psyche des Menschen ein friedliches Beieinandersein führen, in krasser Form zur Darstellung zu bringen und eine Art Erklärung zu versuchen. Der Dieb konnte sein Handwerk nach unzähligen I" chlversuchcn, sein Leben anders zu gestalten, ergriffen haben. Aber einmal darin, sind die Hemmungen überwunden. Anderen \ erpflichtungen gegenüber kann er deshalb die sittliche Unversehrtheit bewahren. Gerade weil hier die Gegensätze sich auf einem Gebiete, dem des Geldbeschalfens, bewegen, wird der Satz, daß Gegensätze nicht logisch, sondern psychologisch verstanden werden müssen, um so stärker betont. 44. ETYMOLOGISCHES UND ANDERES Polnisch in der Bibel: Ale mow, nie möge — Ex. 15, 15 /Je Moab . . . noinoiw. Ungarisch in der Bibel: Teremtete — Ex. 10, 7: heilerem ledn. Name der Schwiegermutter des Königs Achaschvevosch: Schachen ha — Ester 7, 10: vachmath ha-rnelch sc.hachacha. Die Verpflichtung, bei jedem Wetter die Svnagoge zu besuchen — Ps. 55. 15: bebelh lilehir" nehalech fr' r'A seh; b r q seh ist die Abbreviatur von B'.ote'), Regen, Glitsch, Schnee. Der Spezialarzt für Herzkrankheiten Doktor Kchanes im Dawencn-'): Ps. 147, 2: Jechancs ha-Rofc hschbburv leblr). ') Straßenkot. J) Beten.;) Ein Unwiss;n:ler veiknüpfte das letzte Wort des Verses I mit dem Anfang des Verses 2 und bekam so den fraglichen Doktor. Der Psalm ist ins tägliche Gebet aufgenom nun.