Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1924)
- Article
- Franz Kafka
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 14 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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14 MENORAH FRANZ KAFKA Anläßlich seines Todes (3. Juni 1924) / Von MANFRED STURM ANN „In einem Sanatorium in der Nähe von Wien ist der Novellist Franz Kafka, erst 41 Jahre alt, gestorben." Die Meldung der Zeitung rinnt in mich, der ich unvorbereitet bin, wie ein Eisstrom. Werden es viele wissen, die diesen Satz lesen, der so nebenher unter die Nachrichten von Kunst und Wissenschaft hineingestreut ist, daß mit diesem „Novellisten" die glänzendste Erscheinung der Prosakunst vorjüngster Generation dahingegangen ist? Werden sie cj wissen, frage ich, daß jener verstorbene Einundvierzigjährige Sätze zu schreiben wußte, die in ihrem Maße, in ihren geordneten, ich möchte fast behaupten symphonischen Perioden zu dem Köstlichsten gehören, was in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland geschaffen wurde? Werden sie es wissen, daß mit Franz Kafka ein jüdischer Dichter größter Hoffnung jäh dahinging? Man wird auch ihm jetzt erst den Kranz flechten, man wird sich nicht genugtun können in Nachrufen, Erinnerungen und Bekenntnissen von allen Seiten, und hat hiermit dcch nur zu sehr gekargt, da er noch lebte. Jene aber, die von ihm wußten, als er noch — wenn ich nicht irre, als Beamter — in Prag, später in Berlin lebte, die aus seinen Büchern unerhöite Schönheit und nicht zuletzt Weisheiten nahmen — jene werden etwas in sich brechen fühlen, ärmer sein, Umschau halten in der Leere dieser Zeit, wissen, daß es dunkler wurde mit dem Verlöschen dieses Lichtes. Franz Kafka. Wenn dieser Name nur anschlägt, so weiß ich, daß er Trost bedeutet. Wie oft habe ich, wenn Mutlosigkeit mich quälte, nach seinen Büchern gegriffen und mich an dem Kcsrnos, der dort lebt, gestärkt und verjüngt! Es waren nicht viel Werke, die er hinterließ, ein halbes Dutzend vielleicht, und manche an Umfang nur unscheinbar. Was aber auf diesen Blättern steht, ist ebenso neu, so nie dagewesen, so urplötzlich als ungekannte Form in Erscheinung getreten — wie gültig. Und ich glaube, daß dies höchster Preis einer Dichtung bedeutet. Kafka gehörte nicht zu denen, welche die Inspiration wie ein Sturm übermannt; nicht spielend und ausschweifend rann es aus seiner Seele; er war nicht Rauschkünstler; er gehörte nicht zu jenen, die glühend Dichtungen aus sich herausschleudern, dionysische Geschenke . . . Er hatte das Maß in sich, und was alles bedeutet: das ureigenste Maß seines Selbst. Ich denke an sein Buch „Betrachtung" (das lyrischeste von allen) , an seine Novelle „Das Urteil", an die seltsame Erzählung „Die Verwandlung", an das Fragment „Der Heizer" *) — immer ist es jene überirdische Ruhe, die tiefer und tiefer in die menschliche Seele führt. Man lese nur einmal die kleine Schilderung „Elf Söhne" aus seinem Buche „Ein Landarzt". Die Sprache ist das Reichste und Plastischeste, was mir begegnete; der Sinn das Menschlichste und Gehaltvollste, an das ich denken kennte. Ein Vater spricht von seinen Sehnen. Er läßt sie förmlich zu einer Revue an sich vorüberziehen. Sie sind groß geworden, anders als er geworden; sie sind hierhin und dorthin gegangen; haben alle seine kleinen Fehler mit auf den Weg genommen. Ein jeder ist ein anderer geworden, jeder verkörpert einen anderen Typus: den Weltmann, den Toren, den Schlechten, den Starken, den Schwächling, den Schwätzer . .. Aber wie sie alle sind, sie haben sich losgerissen von diesem alten Vater — dem objektivsten und liebendsten übrigens! — sie sind ihm Fremde geworden. — Und dieser Mann klagt nicht, spricht, als hätte er über seine einstige Zeugungsfähigkeit Bericht zu erstatten. Aber es klingt ein verhaltenes Weinen durch diese Sätze. Ihre Schönheit blüht in Trauer, die nicht eigentlich dasteht. Man blättert zurück; man sucht diese Trauer: Es ist, als spüre man den Hauch des Dichters. Kafka schreibt von einem Kinde, das im Sande spielt, von einer Zirkusteiterin, von Irrsinnigen und Selbstmördern. Und sein unbegreiflich stark ausgeprägtes Weltgefühl schafft zusammen mit seinem subtilen Können diese Formschönheit und diese Gültigkeiten, welche bleiben werden, auch wenn vieles in Vergessenheit gerät. *') Sämtliche Werke Franz Kafkas sind bei Kurl IVolff in München erschienen. Es wäre an dieser Stelle einiges über den Juden Franz Kafka zu sagen. Ihn als solchen aus seinen Dichtungen zu erkennen, ermöglicht die oft ghettohafte Atmosphäre in seinen Geschichten. Eine wunderbar jüdische Sensibilität verrät sich. Das aber ist auch alles. Niemals wählt er ein ausgesprochenes jüdisches Thema; niemals dokumentieren sich seine Menschen nach außen hin als Juden, ihre bis ins Erschreckliche verfeinerten Seelen jedoch lassen nie zweifeln, daß sie dennoch solche sind. Kafka gehörte nicht zu jenen, die sich unmittelbar dem Problemchaos jüdischer Gegenwart auslieferten. Meines Wissens nach hat er nie zur Klärung irgendwelcher jüdisch-politischer Fragen das Wort ergriffen, um zu scheiden oder zu richten, um zu Besonnenheit aufzurufen oder erhitzte Köpfe zu versöhnen. Dazu war er zu sehr der Stille, dazu ging er mit zu großer Konsequenz abseits, lebte er zu sehr in seinem schöpferischen Individualismus; denn daß er zu fein war, daß er sich nicht unter die Schreier und Nörgler mischen konnte und durfte — das sagen zubest seine Schriften, die sich gleichsam aus dem Anschlag eines Einsamen gebaren, eines — gestehen wir es nur ruhig — irgendwie Hinterhältigen, der, ohne Stellung zu nehmen, aber doch durchdröhni von Reflexionen und Bild des Geschauten, die Erscheinungsarten von Welt und Lebewesen dank seines Genius erfaßt, in seine Form zwängt und eisblumenhaft gefrieren läßt. Es war auch in Kafka der tragische Konflikt des jüdischen Denkers und Formers deutscher Zunge: vielleicht hat auch er, ein Meister der deutschen Sprache, sich nach Formungsfähigkeit des Hebräischen gesehnt, nach den Urquellen jüdischen Ausdrucksvermögens. Vielleicht lag auch in seiner Seele jene rätselhafte, das Schöpferische hemmende Problematik jüdischen Geistes in der Diaspora. Und vielleicht konnte er deshalb (gleich manchen anderen seiner Art) nicht im landesüblichen Sinne „aktiver Zionist" sein. Doch aus einem Nachrufe von Felix Weltsch entnahm ich, daß er in den letzten Zeiten der Krankheit mit großem Eifer das Hebräische zu erlernen suchte und auch — wäre er genesen — ins heilige Land gegangen wäre, um den Rest seines Lebens dort zu beschließen, wohin die Kurve seiner Sehnsucht hinwies. Es wäre noch zu erwähnen, daß es ein Verdienst seines Freundes Max Brod gewesen ist, die Werke des Verblichenen der Allgemeinheit zugänglich gemacht zu haben. Ihm gelang es, dem widerstrebenden Dichter nach und nach die Manuskripte seiner bisher erschienenen Bücher zu entreißen. Wie spricht es für diese Dichtungen, daß sie ursprünglich nicht dazu bestimmt waren, vor aller Augen sich zu offenbaren! Sie sind unmittelbare Bekenntnisse, frei von der geringsten Koketterie, nichts anderes als geschaute, erlebte, tönende Wahrheiten. Manches wurde, ehe die Freunde es verhindern konnten, dem Feuer übergeben. Wissen wir es, welche Schätze so dahingingen? Max Brod spricht einmal von einem umfangreichen Roman Kafkas, den er Freunden vorlas, und der bisher nicht erschienen ist. In ihn soll dieser Dichter sein Erhabenstes ergossen haben; hier habe er gleichsam seine Linie zu Ende gezogen. Vielleicht läßt ein gütiges Geschick es zu, daß dieses Werk mit dem Nachlasse uns bekannt wird. Aber ich könnte diese kurze Übersicht nicht schließen, ohne an einer Stelle wenigstens Kafka selber reden zu lassen. Und ich wähle jene — aus der Betrachtung „Kinder auf der Landstraße" — die stets beim Lesen so tönt, als höre man sie aus seinem verblichenen Munde: Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht! Und warum denn nicht? Weil sie nicht müde werden. Und warum denn nicht? Weil sie Narren sind. Werden denn Narren nicht müde? Wie könnten Narren müde werden!