Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Brief aus Palästina
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 20 (sequence 1)
- Language
- German
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20 B r i Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Komitee der ersten palästinensischen Ausstellung und Messe, die Ostern in Tel /Yvviw stattfand, seinen Rechenschaftsbericht. Es ist bemerkenswert, wie erfolgreich es dein Komitee gelang, eine so imposante und für Palästina außerordentliche Ausstellung und Messe ohne Verlust zu organisieren, und dazu ohne Hilfe der Regierung. Diese nahm eine abwartende Haltung ein und leistete nicht nur keine Hilfe, sondern verweigerte dem Messckomitcc auch jene kleinen Privilegien, die jede Ausstellung beanspruchen darf, zum Beispiel ermäßigte Fracht für auszustellende Produkte oder Messetelcphon usw. Das Messekomitee hatte sich an die Araber gewendet mit der Aufforderung, sich an der Ausstellung zu beteiligen; da aber diese kein Interesse dafür zeigten, bemühte sich das Komitee nicht weiter, um sie zur Ausstellung zu veranlassen. Sicherlich war dies die Ursache dafür, daß die Regierung der Messe gegenüber eine so reservierte Stellung einnahm. Charakteristisch war es auch, daß nicht der Obcrkonmiissär die Ausstellung eröffnete (diese wurde nur von Colonel Steinberg, Gouverneur von Jaffa, als einzigem Vertreter der Regierung, eröffnet, der in einer etwas ironisch-humoristischen Ansprache der Ausstellung bei weitem nicht die Bedeutung beilegte, die sie verdient), sondern die Messe nur am letzten Tage besuchte, als diese bereits zu einem so wichtigen Faktor des palästinensischen gesellschaftlichen Lebens geworden war, so daß er sie nicht unbemerkt lassen konnte. Ist die Stellung der Regierung zur Messe politisch erklärlich, so ist diejenige mancher gesellschaftlicher Kreise, wie der Zionistischen Exekutive und der Stadtverwaltung Tel Awiw unverstandlich. In Palästina ist man nicht daran gewöhnt, eine wirkliche Privat- oder Geschäftsinitiative zu verstehen; als man erfuhr, daß eine Organisation von Privaten diese Messe veranstaltete, glaubte man nicht an den geringsten Erfolg. Und doch war diese Ausstellung sehr erfolgreich und erfüllte die müden Seelen der Fabrikanten, Kaufleule und Landwirte mit Hoffnung, neuer Kraft und neuer Schaffenslust. Wie weitgehend und einflußreich die Messe auf das gesamte palästinensische Leben war, läßt sich heute noch nicht ermessen. Sicherlich ist es übertrieben, zu behaupten — wie es bereits viele tun — daß die Messe eine neue industrielle Epoche in Palästina gezeitigt hat; doch besteht ihr Verdienst darin, daß sie konzentrierte, was im ganzen Lande erzeugt und geschaffen wird. Viele Palästinenser gingen mit erstaunten Blicken und offenen Augen durch die Messe, sahen die Inkubatoren und chemischen Produkte, Maschinen, die kunstgewerblichen Arbeiten des Inlands, die oft billiger sind als die ausländischen bei gleicher Qualität. Selbst die Touristen — die Ausstellung war doch hauptsächlich für diese bestimmt — staunten darüber, wie viele Dinge bereits im Lande selbst erzeugt werden und späterhin auch ausgeführt werden können. Sie vor allem erkannten trotz der gegenwärtigen Krise die glänzenden wirtschaftlichen und industriellen Perspektiven Palästinas, falls sich das Land in gleichem Schritt weiter entwickelt. Wenn die Juden anderer Länder uns helfen, indem sie in hiesige rentable Unternehmungen Geld investieren und außerhalb des Landes nur die Waren kaufen, die hier produziert werden und auf europäischen Märkten gesucht sind, könnten Industrie und Handel in Palästina rasch aufblühen. Imposant wirkte die Ausstellung schon durch geschmackvolle Anordnung. Das reich mit Fahnen verzierte Haus der städtischen Knabenschule, nachts die Illumination und die speziell zur Messe gebauten Pavillone, Zelte und Häuser (die Kalksandziegelfabrik „Silikat" baute zur Ausstellung ein Haus aus den verschiedensten Ziegeln), das Orchester, das täglich Unterhaltungskonzerte gab: MENORAH ef aus Paläst (Von unserem Korrespondenten ) alles dies ist etwas Neues und Großes für Palästina. Daher wurde die Ausstellung mitunter von 3000 Personen täglich besucht. Obwohl inzwischen die Pcssachfeiertage waren, die jeden einzelnen voll und ganz beanspruchten, wurde die Messe während ihrer zweiwöchigen Dauer doch von insgesamt 18.000 Personen besucht, für Palästina eine unerwartet hohe Zahl. Auch die Araber und Christen schauten sich interessiert die ausgestellten Produkte an, und nachträglich konnten viele Araber es sich nicht verzeihen, an der Messe nicht teilgenommen zu haben. Offiziell gab es 192 Aussteller, in der Tat waren es weit mehr. Der Pavillon der „Histadruth Haowdim" (Allgemeine Arbeiterorganisation), selbst eine kleine Ausstellung innerhalb der großen, repräsentierte nicht einen, sondern 40 Aussteller: Kwuzoth, Kooperativen und Organisationen waren daran beteiligt; dasselbe gilt auch von der lange bestehenden Kooperative „Ha Maschbir". Die Gesamtzahl der Aussteller kann auf 250 festgelegt werden. Im ganzen hatten sich aber nur 30% aller Produzenten Palästinas daran beteiligt. Die größte Abteilung der Messe nahm natürlich die Landwirtschaft ein und die landwirtschaftliche Industrie, denn nur diejenige Industrie kann in Palästina auf Erfolg zählen, die mit der Landwirtschaft in Verbindung steht. So waren die Erzeugnisse der mehr als 30 Kwuzoth geschickt ausgestellt. Auf Tellern hatte man einige Ähren, das daraus gemahlene Mehl und das aus diesem Mehl gebackene Brot, alles in der Kwuzah erzeugt, ausgestellt. Statistische Berechnungen ergaben aber, daß die sogenannte „Falcha"- (Ge- . treide-) Wirtschaft noch nicht rentabel ist, durch den hohen Oscher (Landsteuer) weist sie sogar ein Defizit auf. Bedeutend bessere Resultate wies die Gemüsekultur auf; in diesem Wirtschaftszweig haben die jüdischen Gärtner einen großen Fortschritt gemacht. Überall, wo die fruchtbare Palästinaerde gut gepflegt und bewässert wird, liefert sie bei guter Bearbeitung reichliche Erträge. Bis jetzt scheuten viele sich, eine größere Gemüsekultur durchzuführen, da dann auch die Export frage sich aufdrängt. Die Furcht vor dem Export ist unbegründet, da gerade die Messe bewies, daß diejenigen Erzeugnisse, die für den Transport berechnet sind, sich am besten rentieren. Wichtig waren im landwirtschaftlichen Pavillon die Bilder der neuen Siedlungen in Emek. Dort, wo vor zwei Jahren noch Wüste war, sind heute kultivierte Länder, Gärten, Waldplantagen und sogar kleine Industrien (Leder in En Charod, Nuris) und eine Holzverwertungsfabrik. Große Möglichkeiten hat auch die Konservierung von Früchten, die bisher in kleinem Maßstäbe Hausarbeit war. Der Chemiker Bravermann bewies zum Beispiel, wie gut sich die fast wertlosen Zitronen, die oft an den Bäumen vertrockneten, weil die Arbeit des Abpflückens sich nicht bezahlte, verarbeiten lassen. Er stellte aus: Zitronensaft, Zitronensäure, Zitronenöl (aus Kernen), Zitronenmarmclade. Er zeigte Marmeladen aus allen Früchten des Landes. Diese Marmeladenherstellung im großen beabsichtigt eine große Konservenfabrik durchzuführen. Gestützt auf Dr. Soskin, der in der Nähe von Tel Awiw seine ,,Kolonie der intensiven Kultur" gründen wird, will dieser Trust, dem bereits zahlreiche Konservenfabriken in Deutschland und anderen Ländern Europas angehören, hier eine neue Konservenfabrik bauen. Sie hofft, nicht nur Erez Israel mit genügend Konserven zu versorgen, sondern rechnet mit einem zukünftigen breiten Export. Auch Dr. Soskin hegt den Plan, das in seiner „Kolonie" zu bauende Obst und Gemüse als Frühgemüse nach England zu exportieren. Gute Aussichten hat auch ein anderer Zweig der Landwirtschaft, die Milchwirtschaft. Schon sah man auf der Messe in Erez Israel hergestellten Holländer-, Schweizer- und Bulgarischen Käse, Kefir, Butter und mehr. Doch übersteigt der Verbrauch an Milchprodukten jetzt noch die i n a Mengen, die hier hergestellt werden, so daß Erez Israel 1923 Milchprodukte im Werte von £ 30.000 importierte. Bezüglich der Milchwirtschaft äußerte sich Professor Elwood Mead, Direktor der Kolonisation in Kalifornien, der auch in Australien die Kolonisation des Staates Viktoria durchführte, daß „Palästina sich auf diese konzentrieren müßte, weil es leicht mit Australien konkurrieren kann. Erez Israel müßte so viel erzeugen, daß es keine Butter mehr einzuführen braucht, ja sogar ausführen kann. Gibt doch schon jeder Dunam Erde in Erez Israel weit mehr Futter als in Australien, so daß reichlich Milchvieh ernährt werden könnte. Natürlich müßten groß angelegte Betriebe — nach europäischem Musler — mit erstklassigen elektrischen Maschinen usw. gegründet werden, nicht kleine unrentable Molkereien. Hierin wie auch in der Gemüsekultur gilt dieselbe Forderung: fachgemäße Organisierung und breiter Export". Mehr Sachverständige als bisher braucht auch unsere Tabakkultur; Tabak an sich war wenig ausgestellt. Das verflossene Jahr war für Tabak ein sehr produktives und gelungenes Versuchsjahr. Daraufhin wurde in diesem Jahr in großem Umfange Tabak angebaut, und unser optimistisches jüdisches Volk setzte große Erwartungen darauf. In der Tat sind Boden und Klima von Erez Israel für Tabakbau äußerst geeignet — es hat auch glänzende Expoitmöglichkeiten nach Ägypten und anderen Ländern — doch brauch» eine solche Kultur zehnjährige und längere Erfahrungen, Verbesserungen, Auswahl der geeignetsten Tabaksorten und Pflege, kurz Geduld und Sachverständige. Mit der Landwirtschaft ii: Verbindung steht die Erzeugung von Inkubatoren. Zwei Kooperativen in Haifa fertigen in Erez Israel Inkubatoren, die auch auf der Messe ausgestellt waren und schon von einigen landwirtschaftlichen Kwuzoth gebraucht werden. Sie sind billiger als die auswärtigen und ebenso leistungsfähig. Sehr interessant war die Ausstellung der Baumaterialien, die fabrizierten und die natürlichen. An erster Stelle steht die große Kalksandziegelfabrik „Silikat", eine der größten Unternehmungen Palästinas. Sie baute zur Messe ein spezielles Ausstellungshaus aus Platten von Asbestzement, dem sogenannten „Ferudit", mit einer Fassade aus Kalksandziegeln, Fasson- und farbigen Ziegeln. Alle Ziegel sind sehr widerstandsfähig, doch hat die „Silikat" augenblicklich keine Beschäftigung. Einerseits hat sie ein zu großes Lager, anderseits kann sie nicht mit den Selbstversorgern konkurrieren, die sogar die Transportkosten ersparen; ihre Ziegel sind zwar nicht so widerstandsfähig wie die der „Silikat", doch genügen sie schließlich für das hiesige Klima. Ein weiterer lohnender Industriezweig ist die noch sehr junge und unausgebaute chemische Industrie in Erez Israel. Auf der Messe stellte Dr. Jewnin mehr als 25 verschiedene Desinfektionsmittel aus: Nitron gegen die grüne Laus auf Tabak, Lysol, Ditol, Lulin, Lulol, Desiform und andere, die er alle in seinem Laboratorium Tel Awiw herstellt. Andere zeigten Farben, Stärke, weitere Desinfektionsmittel usw., Dinge, die leider aus ausländischem Rohmaterial hergestellt werden, ohne die Erzeugnisse des Landes selbst zu beachten. So werden Düngemittel aus getrocknetem Blut hergestellt, ungeachtet der Phosphate in Transjordanien, das doch auch zu uns gehört. Ebensowenig wird der Reichtum des Toten Meeres verwertet, dessen Salzmengen die Industrie des Landes in großem Maßstabe bereichern und beleben könnten. Obwohl seit mehr als drei Jahren Fachleute und Interessenten beim loten Meer mit der Ausbeutung des Salzes beginnen wollen, hat die Regierung ihnen noch bis heute die Erlaubnis dazu versagt. In der chemischen Messe stellte Bravermann, wie durch langsames Kondensieren an der Luft aus dem Meerwasser Salz gewonnen wird. Im großen wird dies Verfahren