Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Aus dem Buche der Narrheiten
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 18 (sequence 1)
- Language
- German
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18 M E N O R A H AUS DEM BUCHE DER NARRHEITEN VOM TEMPELBAU /. WARUM DIE C IIELM ER EINEN NEUEN TEMPEL BAUEN MUSSTEN Am Roschhaschanatage wird bekanntlich im Tempel auf einem Widdcrhorn geblasen. Diese Ehre fiel schon seit vielen Jahren stets dem Schlichter Jochene zu, der aber nun schon sehr alt und schwach war. Er nahm auch heuer wieder den Schofar an den Mund, blähte die Backen auf und strengte sich so sehr an, daß er über und über rot wurde, aber kein Ton war zu hören. Die Tempelbcsucher blickten sich erschrocken an. Was sollte da geschehen, wenn Jochene nicht Schofar blasen konnte? Da ertönte in diesem Augenblick ein lautes „Kikeriki" vom Hofe. ,,Der Hahn hat Schofar geblasen!" riefen die Chclmcr erfreut und beteten weiter. Als bald wieder Schofar geblasen werden sollte, warteten sie alle. Aber der Hahn schwieg, obwohl der Tcmpclcliener zu ihm in den Hof gekommen war und ihn ersucht hatte, nochmals Schofar zu blasen. Da mußte ein anderer Chelmer das Widderhorn nehmen und endlich ertönte der richtige Schofarton. Nach dem Gottesdienst fielen alle mit Vorwürfen über den armen Schachler Jochene her, er sei schon zu ait und könne nicht mehr blasen. „Ich?"' sagte Jochene erstaunt. „Habt Ihr nicht gesehen, wie ich in das Horn hincingeblascn und mich dabei angestrengt habe?'1 Das hatten alle gesehen. „Nicht ich bin zu ah," fuhr Jochene fort, „sondern der Tempel. Man kann in ihm nicht mehr recht hören. Er wird schon taub." „Warum haben wir aber den Hahn und den jungen Schofarbläser gehört?"' fragten die andern. „Völlig taub ist er ja noch nicht'1, meinte Jochene. „Aber manchmal verläßt ihn schon das Gehör. Und habt Ihr nicht gesehen, daß es in allen Winkeln im Tempel dunkel ist. Dort kann man keinen Buchstaben des Gebetbuches mehr lesen. Ja, blind wird unser alter Tempel auch bald werden." Da waren die Chelmer sehr erschrocken, und schon bei ihrer nächsten Zusammenkunft beschlossen sie, einen neuen Tempel zu bauen, weil der alte bald taub und blind werden würde. 2. WO DER TEMPEL GEBAUT WERDEN SOLLTE Als in ganz Chelm bekannt wurde, daß ein neuer Tempel erbaut werden sollte, meldeten sich drei Chelmer Bürger, von denen jeder einen ihm gehörigen Grund für den Tempelbau widmen wollte. Wae sollte man nun beginnen? Man konnte doch nicht drei Tempel errichten! Daher beschloß man, erst nachzuforschen, welcher von den drei Spendern der frömmste sei. Auf dessen Grund würde dann der Tempel erbaut werden. Die zwei Chelmer, die beauftragt waren, diese Nachforschung vorzunehmen, warteten bis zum Sukkoth feste. Während der acht Tage dieses Festes soll jeder Jude in einer Laubhütte wohnen, wie einst unsere Vorfahren in der Wüste. Aber weil es bei uns zu kalt ist, halten wir uns nur während des Tages in der Laubhütte auf und pllegen dort unsere Mahlzeiten einzunehmen. An der Art der Laubhütte wollten die beiden Chelmer den Frömmsten erkennen. Als sie nun einmal während des Festes zum. ersten Spender kamen, fanden sie dort eine besonders große Laubhütte. Sogar die Betten der Familie standen darin. Da es noch früh am Morgen war, lagen Mann, Frau und Kinder noch in den völlig durchnäßten Betten. Es hatte nämlich die ganze Nacht hindurch geregnet. Da sagte der eine der beiden Gäste: „Das wird woh! der Frömmste sein. Er wohnt tatsächlich gänzlich in einer schlecht gedeckten Laubhütte unter freiem Lümmel." „Laß uns doch noch die anderen besuchen", meinte der zweite Gast. Beim nächsten Spender war die Laubhütte noch viel größer. Auch dort standen die Betten dann, aber auch die Kuh, che zwei Ziegen, viele Flühner und Gänse waren in der Laubhütte angebunden, damit auch sie. che doch gleichfalls zum Flaushalt gehörten, auch acht Tage dort verbrächten. Die beiden Gäste waren sehr erstaunt über die große Frömmigkeit, gingen aber doch auch noch zum dritten Spender. Der wohnte ruhig wie sonst in seinen Zimmern. Doch eine ungeheure Laubhütte überdeckte Haus und Hof. „Auf deinem Grund wollen wir den Tempel errichten,'' riefen die beiden Chelmer begeistert, „denn du allein bist fromm und wohnst sogar samt deinem Flause unter freiem Himmel.'' DER BLUMENSCHMUCK Erzählung. An der Grenze einer großen Stadt, dort, wo schon der Wald beginnt, steht ein kleines, nettes Häuschen mit der großen Aufschrift: „Mädchenheim". In diesem wohnen wohl zwanzig Mädchen, die so groß sind, daß manchmal jemand zu ihnen „Fräulein'1 sagt. Sie alle sind von ihren Eltern in die große Stadt geschickt worden, damit sie dort etwas Tüchtiges lernen. Eines Tages sagte die Lehrerin: „Kinder, Ihr wißt wohl, daß morgen abends das Schcbuothfcst beginnt. An diesem Feststage brachte man in Jerusalem die Erstlinge der Gerste und verschiedener Früchte zum Opfer dar. Bei uns aber ist um diese Zeit die Gerste noch lange nicht reif. Nur einige Blumen gibt es schon. Deshalb pflegen wir an diesem Tage Flaus und Tempel mit Blumen zu schmücken. Ich gebe Euch morgen frei. Jede darf allein ins Wäldchen, selbstverständlich nicht weiter als bis zur Straße, die hindurchfühlt, und welche dann abends ihr Bett und ihr Tischchen am;;cliönsteii geschmückt hat, die soll ein hübsches Buch erhalten." Da gab es hellen Jubel, und am nächsten Morgen waren alle Mädchen frühzeitig aus den Betten. Schon nach wenigen Stunden waren Betten und Tischchen reich mit Blattkelten geschmücl in denen viele Blümchen eingcflochten waren, und in der Milte jedes Tischchens stand in einem Glas ein großer Blumenstrauß. Lilliy glaubte, daß sie bestimmt den P' ' bekäme, denn sie hatte nur blaue Blumen gewählt, und das kam ihr besonders schön vor. Hertha hatte sich Pfingstrosen und Akazienblüten zu verschaffen gewul.U, und deshalb war ihr Blumenstrauß besonders auffallend. Dina wieder halte mehr Ketten gemacht und mehr Blumen gesammelt als irgendeine ihrer Freundinnen. Deshalb ho(!l< auch diese beiden, ebenso wie manches andere Mädchen, das Buch zu erhalten. Mirjam aber, die sonst als die Klügste galt, wurde ausgelacht. Auf ihrem Tischchen stand nämlich nur ein bescheidenes Maiglöckchen in einem Blumentopf und in ihre Blatl.ketten war nicht ein einziges Blümchen eingeflochten. Endlich kam die Lehrerin, um all die Pracht zu besehen. Nachdem sie manches Lob ausgesprochen, fragte sie Mirjam: „Wie kommt es, daß du dein Bett und dein Tischchen so besonders bescheiden geschmückt ha.l?" Mirjam errötete und schwieg. „Du mußt doch einen Grund hierzu gehabt haben", drängte die Lehrerin. „Ich wollte zuerst auch Blumen pflücken,'' erzählte Mirjam, „aber morgens war last auf jeder Blüte eine kleine silbern schimmernde Taupcrlc. Wenn ich ein Blümchen abgerissen hätte, wäre dieser herrliche Schmuck verloren gegangen. Als später der i au verdunstet war, wollte ich dennoch nicht so viele Blumen ausreißen und dann verwelken lassen. Nur das eine Maiglöckchen habe ich mit Blatt und Wurzel ausgegraben und im Topf eingesetzt.'1 „Wer glaubt Ihr," fragte nun die Lehrerin, „verdient den Preis?" Alle Mädchen schwiegen, und endlich meinte eines, jede sollte heimlich den Namen derjenigen auf einen Zettel schreiben, deren Dekoration ihr am besten gefiele. Das Mädchen, dessen Name am öftesten genannt sein würde, solle das Buch erhalten. „Nein", sagte aber Lilly. „Unser Blumenschmuck ist wohl schöner. Mirjam jedoch hat die Schönheit der Blumen tiefer empfunden als wir. Und daß sie keine abgerissen hat, das war ein Dankopfer wie das der alten Juden, welche die schönsten und besten Ersllingsfrüchte am Altar dargebracht haben.'' Einige Mädchen, die den Picis erhofft hatten, machten lange Gesichter, aber schließlich stimmten sie doch, ebenso wie die anderen Mädchen, Lilly bei. ...... Voll Freude über dieses richtige Urteil gab die Lehrerin der klugen Mirjam das Buch. DER KLEINE FRITZ „Im Deutschen'', sagte der Lehrer, „betont man die erste Silbe des Wortes. Zum Beispiel: heute, Fenster, Feuerwehr. Im Hebräischen dagegen meist die letzte. Zum Beispiel: schemäh, aschre." Da meldete Mch -ein Junge, indem er die Hand hob. „Was willst du, Fritz?" fragte der Lehrer. „Ich kann diesen Unterschied erklären", sagte Fritz. „Ja, wie denn?" fragte der Lehrer erstaunt, da er doch wußte, daß es für solche Dinge keine Erklärung gibt. „Das kommt daher,'' sagte aber Fritz, „weil wir im Hebräischen von der anderen Seile zu lesen beginnen." Siegfried ALcles.