Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Lazar Segalls Illustrationen zu David Bergelsohns 'Maasse-Bichl'
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 M E N O R A H nimmt Form und Umrisse an und ist von der Wirklichkeit kaum mehr zu trennen. Die Synagoge wird nachts von den Toten bevölkert, die, aus den Gräbern kommend, ihren Reigen dort aufführen. Von der farblosen, grauen Umgebung bedrückt, kommen die zwei Kinder auf den Gedanken, sie durch rote, gelbe, grüne und sonstige Glasscheiben zu betrachten. Diese so gefärbte Welt bedeutet ihnen dann eine Art Erfüllung des Erträumten. Auch die unsichtbare Welt, jenseits der Wolken und am Grund ferner Seen, beschäftigt eifrig die Gedanken der beiden, läßt ganze Mythen entstehen: das Wasser wird mit allerlei Lebewesen bevölkert, erhält auch mit einer eigenen Sonne, die weitaus größer und leuchtender ist, als die unserer Erde. Und manchmal, des Abends, wenn die Schatten verfliegen — da neigen sich die beiden Sonnen zueinander: dann verschwimmen alle Welten in Eins. Dies hier, in aller Knappheit, der Inhalt dieser eigenartigen, wie vom Mondlicht bestrahlten Geistergeschichten. Ihr eigentliches, auch stark zwischen den Zeilen verstreutes Aroma, ist aber natürlicherweise durch keinerlei Schilderung wiederzugeben, nur beim Lesen selbst zu verspüren. Wer aber den Text dieses „Maasse-Bichls" in jüdischer Sprache nicht lesen kann — und deren wird es wohl viele geben — der findet einen fast vollwertigen Ersatz in den dazu beigegebenen Illustrationen von Lazar Segall, der gewiß wie kaum ein anderer, berufen war, all diese zarten Wachträume in Bild form zu übersetzen. Lazar S e g a 1 1 (nicht zu verwechseln mit anderen Malern gleichen Namens) ist, neben Marc Chagall, heute zweifellos der bedeutendste moderne Maler, der das jüdische Wesen am tiefsten erfaßt und gestaltet. Dabei sind sie aber, obwohl beide dem Kubismus und noch mehr dem Expressionismus nahe verwandt, und als echte Künstler, trotz ihres Judentums, übernational, innerlich und äußerlich ganz verschieden geartet. Zwei in verschiedener Richtung wachsende Äste ein und desselben Stammes. Während die Werke Chagalls — koloristisch, wie inhaltlich — auf ihre Art eine Apotheose des Judentums bedeuten, des biblischmakkabäischen, gott- und naturtrunkenen, des frohen, bejahenden Judentums — ist die Kunst Lazar Segalls, die in Form und Farbe, in jeder Linie strengste Askese verrät, eigentlich weitabgewandt, herb, ernst. Das Leid der Menschen in all seiner Tausendfältigkeit, bis in den Tod hinein, alle Bedrängten, Verstoßenen, „Erniedrigten und Verletzten", die tiefe Symbolik menschlicher Beziehungen, auch der zwischen den Geschlechtern — das ist die Welt, die dieser junge Wilnaer Grübler, wie aus einem düsteren Schattenreich kommend, unermüdlich vor unseren Augen enthüllt. Der „Kaddisch", ,,Die ewigen Wanderer" (im Besitze des Städtischen Museums in Dresden), ,,Der Tod", ,,Die Witwe", ,,Die Schwangere" (im Besitze der Galerie v. Garvens, Hannover), das alles sind Werke — größtenteils Gemälde — von Segall, durch deren Namen allein schon seine ganze Richtung gekennzeichnet ist. Auch die Welt der zwei Knaben aus dem „Maasse-Bichl" gehört ganz zur seelisch-geistigen Atmosphäre von Segall, dem man ohne weiteres zutrauen kann, daß er in seiner Kindheit vielleicht ebenfalls versucht hat, die sichtbare Welt durch bunte Scheiben zu schmücken, und dem seine jetztige zweitmalige Auswanderung nach Brasilien, hauptsächlich wohl ein fortgesetztes Suchen nach Verwirklichung ähnlicher Träume bedeutet. Auch hier, wie überall in Segalls Arbeiten, ist die Welt und alles, was sie enthält, nur in großen Zügen, ohne jegliches Detail, in knappen, fast geometrischen Formen gesehen. Nur das Allerwesentlichste — Kopf und Augen — wird besonders betont. Und obwohl ganz anders, als in den prachtvollen, dramatisch-bewegten Blättern der Mappe, die er vor einigen Jahren zur „Sanften" von Dostojewskij (ebenfalls im ,,Wostok"-Verlag) erscheinen ließ, hat Segall, gerade durch die Beschaulichkeit, Innerlichkeit und menschliche Reile, die in den Figuren des „Bichls" enthalten ist, auch im vorliegenden Werke, eben auf eine neue Weise, wiederum einen Gipfel, den Höchstpunkt seiner stärksten bisherigen Arbeiten erreicht. Wie schon einmal erwähnt: die jüdische Welt ist hier durch eine mehr als glückliche Synthese von Malerei und Dichtung, durch ein echtes Kunstwerk bereichert worden.