Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Article
- Wirtschaftskrise im Alten Ägypten
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH II WIRTSCHAFTSKRISE IM ALTEN ÄGYPTEN Krisenzcilen, wie wir sie in unseren Tagen durchleben, sind in der Geschichte der Menschheit schon oft aufgetreten. Eine der ältesten wirtschaftlichen Katastrophen ist in der Erzählung von dem Aufenthalte Josephs in Ägypten im cii-tcn Buche Moses beschrieben. Betrachtet man die Darstellung der Heiligen Schrift mit den Augen der modernen Volkswirtschaft, so wird man über die Ähnlichkeiten staunen, die die älteste Krise mit denen der Gegenwart aufweist. Ägypten war seit Urzeiten ein sehr reiches Land, ein Großstaat mit einem durchgebildeten Rcgicrungs- und Verwaltungsapparat und mit einer hohen wirtschaftlichen Kultur. Die Ausführung so gigantischer Bauten wie die der Pyramiden und Tempel ist ohne Vorhandensein einer sehr leistungsfähigen, technischen und finanziellen Organisation überhaupt nicht denkbar. Die Erzählung der Bibel beginnt mit jenem berühmten Traume des Pharao von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen. Es gibt eine Erklärung des Traumes, die wegen der Folgerichtigkeit der nachher kommenden Ereignisse viel für sich hat: daß nämlich der Pharao gar keine nächtlichen Visionen gehabt habe, sondern daß er die Geschichte mit den Kühen erfunden hätte, um eine Wirtschaftspolitik ganz besonderer Art ins Leben zu rufen. Die Bibel berichtet, daß Pharao die Weisen von Ägypten zusammenrufen ließ. Allen erzählte er seinen Traum, aber niemand konnte ihn deuten. Schließlich wurde Joseph geholt. Joseph verstand, was der Pharao im Sinne hatte, und gab ihm die Erklärung des Traumes: die sieben fetten Kühe bedeuteten sieben reiche Jahre, die durch sieben Jahre der Hungersnot abgelöst würden. Während der sieben Jahre der Fülle solle man in Ägypten den Fünften nehmen und Getreide einsammeln für die Jahre des Mangels. Die Rede gefiel Pharao, er sah daraus, daß Joseph ihn verstanden hatte, und setzte ihn als M i n i s t e r p räs i d e n I e n über ganz Ägypten. Die Bibel berichtet in ihrem knappen Stil über diese Rangerhöhung, daß Pharao zu Joseph sagte: ,,Du sollst über meinem Flausc sein; deinen Worten soll mein ganzes Volk gehorchen, und nur um den Thron will ich höher sein als du." Dann streifte Pharao seinen Ring voin Finger, steckte ihn Joseph an und sprach: „Plierrnit setze ich dich über ganz Ägyptenland." So einfach, wie in der Bibel beschrieben, wird man sich den Hergang nicht denken dürfen. Ägypten war, wie bereits bemerkt, ein Großstaat. Ohne umfangreiche Kämpfe der Parteien, ohne das Zusammenwirken mit mächtigen und einflußreichen Gruppen war ein derartiges „Revirement" auch in den damaligen Zeiten nicht möglich. Der biblische Erzähler beschreibt wahrscheinlich nur die Schlußszene einer langen Entwicklung: die Einsetzung des neuen Würdenträgers in sein Amt durch einen feierlichen Staatsakt. Jedenfalls ergriff Joseph die Leitung der Geschäfte, und es erfolgte nun, was nach den Gesetzen der kapitalistischen Wirtschaft kommen mußte. Joseph reiste durch das ganze Land, kaufte überall Getreide auf und sammelte es in Spci- DR./A'C. IV. MAJERCZiK ehern. Er begründete damit die erste Reichsg c t r c i d c s t c I 1 e der Well. Die Finanzierung der gewaltigen Getreidckäufc erfolgte durch den Fünften, das heißt durch eine 20prozentige, zunächst wohl einmalige Vermögensabgabe. Diese Abgabe war wahrscheinlich für viele Gewerbetreibende schon sehr drückend. Sie mußten die Steuer auf den Preis ihrer Produkte aufschlagen, das Leben in Ägypten begann sich zu verteuern. Viel stärker aber als durch die Vermögensabgabe mußte das Leben durch die fortgesetzten staatlichen Getreideverkäufe verteuert werden. Die dauernde Nachfrage eines so starken Käufers, wie es der Fiskus war, mußte den Gclrcidepreis in die Höhe treiben. Außerdem wurde das fiskalische Getreide aufgespeichert, das heißt, es verschwand aus dem Markte. Eine unerhörte Gctreidehaussc begann. Das Material wurde immer knapper, die Preise zogen immer weiter an. Mit den Gctrcidepicisen stiegen alle Produktionskosten im Lande. Das Leben wurde immer unerschwinglicher, die Bankerotte häuften sich, die Arbeitslosigkeit wuchs. Der Reichtum verschwand, der Hunger wütete im Lande. DLR ALTE tssachar Rybaek (Berlin Nun begann die Regierung die |-rächte ihrer Politik zu einten. „Eis war aber kein Brot im ganzen Lande, denn die Hungersnot war sehr schwer, so daß Ägyptenland vor der Hungersnot verschmachtete. So brachte Joseph alles Geld zusammen, das sich in Ägyptenland fand, um das Getreide, das sie kaufen mußten: und Joseph lieferte das Geld ein in Pharaos Haus." Mit anderen Worten, das Volk, dessen laufendes Einkommen nicht mehr ausreichte, um bei den ungeheuer gestiegenen Preisen sich am Leben zu erhallen, mußte seine Ersparnisse in Geld hergeben, um Getreide zu kaufen. Damit aber war der Prozeß der Verniögensübertragung erst eingeleitet. Nach dem Gelde kamen die Herden an die Reihe, die das Volk verkaufen mußte, um Getreide zu erhalten. „Als nun das Geld von Agyptcnland zu Ende war, kamen alle Ägypter zu Joseph und sprachen: „Schaffe uns Brot! Warum sollen wir vor deinen Augen sterben? Denn das Geld ist ausgegangen. Da sprach Joseph: Gebt mir eure Herden, so will ich euch Brot geben um eure Herden, wenn das Geld ausgegangen ist. So brachten sie Joseph ihre Herden, und Joseph gab ihnen Brot um die Rosse, die Schafherden, die Rinderherden und die Esel." Auch der Viehbestand wurde dem Könige ausgeliefert. Jetzt folgte der I I iuplschlag. „Als nun jenes Jahr um war, kamen sie im zweiten Jahr und sprachen zu ihm: Wir kennen es unserem Herrn nicht verhehlen, vielmehr das Geld ist dahin, und die Viehherden hat unser Herr schon. Es ist nichts mehr übrig, was wir unserem Herrn geben könnten, als unsere Leib e r u n d u n s e r T e 1 d. Warum sollen wir vor deinen Augen zugrunde gehen samt unserem Felde? Kaufe uns und unser Feld um Bröl, so wollen wir samt unserem beide Pharao leibeigen sein; aber gib uns Aussaat, daß wir am Leben bleiben und nicht sterben und daß das Feld nicht wüste werde. So kaufte Josenh für Pharao alle Felder in Ägypten: denn die Ägypter verkauften Mann für Mann ihre Äcker, so sehr bedrückte sie die Hungersnot. Das Volk aber machte er ihm leibeigen von einem Ende Ägyptens bis zum anderen." Damit hatte der Pharao das Ziel seiner Politik erreicht. Das Volk und der Grund und Boden von Ägypten — mit Ausnahme der den Prieslern gehörigen Ländereien — waren ihm zu eigen geworden. Es ist eine Wirtschaftspolitik von genialer Einfachheit, die hier begonnen und bis in ihre letzten Konsequenzen durchgeführt wurde. Die Lintel w erfung eines ganzen, bisher reichen \ olkes und eines ganzen Landes unter die Macht der Regierung. Solche wirtschaftspolitischen Systeme sind seitdem immer wieder, bei allen \ ölkern, versucht worden. Man denke an die großen Lelms- und Leibeignenstaaten des mittelalterlichen Europa. Ob 'üch die großen Massen der \ ölker nach solchen Vermögensumschichtungen besser oder schlechter fühlen, ist nicht einwandfrei zu sagen. Die Ägypter jedenfalls bedankten sich bei Joseph mit den Worten: „Du hast um; das Leben gerettet'. Möchten wir nur Gnade finden ''or unserem Herrn, so wollen wir Pharao leibeigen sein."