Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Article
- Ernest Bloch
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 18 (sequence 1)
- Language
- German
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18 MENORAH R» MUSIK/ Geleitet von Dt. RUDOLF R£TI: ERNEST BLOCH Als um die Wende des Jahrhunderts die neue Bewegung wie eine große Sturzflut in das Gebiet der Tonkunst hereinbrach, da öffneten sich auch andere, unterirdische, längst versiegt geglaubte Quellen. Das nationale Musikbewußtsein war erwacht, die alte Volksmusik wurde wieder hervorgeholt, wissenschaftlich untersucht und häufig als direkte melodische Anregung in die neue Entwicklung einbezogen. Solche Strömungen gab es in Ungarn, in Böhmen, in Rußland, weniger stark auch in Frankreich, in England und Amerika. Auch für das Judentum fand sich ein Mann, der hier als Mittler, als Instrument, um geschichtlich Notwendiges zu verkünden, ERNEST BLOCH fungierte. Doch kam er nicht, wie man vielleicht vermutet hätte, aus dem Osten, vielmehr war es ein Schweizer Jude, der nicht einmal in ausgesprochen jüdischem Milieu aufgewachsen war. Er heißt Ernest Bloch. Sein äußerer Lebensgang ist einfach. Im Jahre 1 880 in Genf als Sohn eines Kaufmannes geboren, zeigte er frühzeitig musikalische Anlage. Seinen ersten Kompositionsunterricht genoß er in seiner Vaterstadt bei Jacques Dalcroze und lernte die Geige bei Rey, später bei Ysaye in Brüssel. Dort betrieb er auch weitere Kompositionsstudien, ging dann nach Frankfurt und München und später nach Paris. 1904 kehrte er nach Genf zurück, wo er bis 1916 blieb. Die wichtigsten Werke aus dieser ganzen Zeit sind das in Paris mit Erfolg aufgeführte lyrische Drama ,,Macbeth", Text von Edmond Fleg (nach Shakespeare), die Vertonung dreier biblischer Psalmen (für Bariton und Orchester), eine Cello- Rhapsodie „Schelomo", ein Streichquartett und ein großes symphonisches Werk „Israel". Seit 1916 lebt Bloch in Amerika, wo er seit 1920 das große Cleveland Institute of Music als Direktor leitet. In Amerika entstanden eine Suite für Viola und Orchester, die den berühmten Coolidge-Preis gewann, eine Violinsonate (beim Salzburger Musikfest aufgeführt), die Tondichtung ,,Baal-Schern" und zahlreiche Kammermusik- und Klavierwerke. Eine zweite Oper „Jezabel" harrt der Vollendung. Dies die äußeren Talsachen. Wenn nunmehr in gedrängter Form auch ein Bild seines Schaffens, seiner Musik selbst gegeben werden soll — ein Versuch, der im gegenstands fernen Gebiet der Tonkunst ungleich schwieriger ist als überall sonst — mag es nicht unangebracht sein, von einem Punkte auszugehen, der vielfach als Argument gegen ihn benützt wird. Was nämlich Blochs Platz im allgemeinen Musikschaffen unserer Zeit anlangt, nimmt er eine Art Zwitterstellung ein, weder durchaus rechts noch links. Daher bekämpfen ihn viele als „revolutionär", als kakophon, als formlos. Man wird sich nicht wundein, daß Bloch namentlich in Amerika manchen als zu modern erscheint, wenn man den Ausspruch eines dortigen Kritikers vernimmt, daß diese Musik „noch fürchterlichere" Dissonanzen enthalte als Strauß' Heldenleben. Als Gegenstück dazu lehnen europäische, nur die neue Richtung akzeptierende Musikkreise ihn gerne als zu wenig originell und teilweise epigonal ab. Beide Standpunkte sind wenig tiefgehend. Bloch hat sich seinen Musikstil ohne viel Programme selbst geschaffen. Er hat die alten Regeln unbekümmert und radikalst beiseite geworfen, vvo die Inspiration ihn dies hieß, er hat aber neue harmonische und formale Möglichkeiten nie um ihrer selbst willen klügelnd ersonnen, sondern stets nur als Mittel zur Erreichung bestimmter psychischer Wirkungen gesucht. So schweift er, im wesentlichen tonal fundiert, doch auch in tonartfreie Sphären, ebenso scheut er sich nicht, die musikalische Phrase, die er gewöhnlich scharf und plastisch abgrenzt, zuweilen in jene luftigen Gebilde aufzulösen, wo Faßbares und Unfaßbares sich mengt. In diesem Stil entgegengesetzter Möglichkeiten steht Bloch sicher und fest an dem Platze, den er sich gewählt, zu untrennbarer Einheit verschmolzen mit dem Mittel, durch das er sich jeweils kundgibt. Alle seine Kompositionen sind gleichzeitig Virtuosenstücke der Instrumente, für die sie geschrieben sind, sein „Schelomo", eine wahre Orgie des Violoncells, seine Psalmen, die dem Sänger höchste Stimmentfaltung ermöglichen, und ähnlich verhält es sich mit allen anderen Werken. Aber diese Virtuosität ist keineswegs die hohle, aufgeklebte Virtuosität der üblichen Konzertparaphrasen, vielmehr eine aus der Komposition selbst emporgewachsene, dieselbe, die wir in den Sonaten Beethovens finden, in den Werken Schumanns, in den Symphonien Gustav Mahlers. Blochs Virtuosität, ebenso wie alle anderen Wesenheiten seines Stils sind nur Teilerscheinungen einer einzigen ihn ganz erfüllenden Kraft: seines Judentums. Daß ein unverkennbar jüdischen Typus tragendes oeuvre in der Kunstmusik unserer Tage überhaupt emporkommen und sogar internationale Geltung erlangen konnte, ist an sich ein Ereignis, das zur Aufmerksamkeit zwingt. Erhöhte Bedeutung und bleibenden, allgemein künstlerischen Wert aber gewinnt es, weil hier das Jüdische nichts verstandesmäßig Gewolltes, keine gleichsam jüdisch-musikalische Nationaldemonstration ist. Es haben seit Blochs erstem Hervortreten eine Reihe mehr oder minder begabter Tonsetzer in ähnlicher Weise sich die Schaffung einer jüdischen Kunstmusik zum Ziel gesetzt. Größtenteils aus östlichem, urjüdischem Milieu stammend, müßten sie dem äußeren Anschein nach sogar als die Berufeneren gelten. Auch halten sie sich tatsächlich viel strenger an die Überlieferung, und es ist die ursprüngliche Form der altjüdischen Synagogal- und Volksgesänge, die sie an den Quellen studieren konnten und von Kindheit an kennen, viel getreuer gewahrt. Dennoch reicht keiner von ihnen an Bloch auch nur entfernt heran. Und gerade weil hier nicht in erster Linie jüdisches durch das zufällige Mittel der Musik gegeben werden sollte, sondern umgekehrt ein vor allem großer Musiker sich nicht anders ausdrücken kann als in jüdischer Art, wirkt Blochs Werk überzeugender, ja letzten Endes'sogar jüdischer, „authentischer" als alle jene Versuche. Seine Wirkung in die Welt und damit sein Verdienst im Kampfe um die oft so böswillig angezweifelte künstlerische Schöpferkraft des Juden ist jedenfalls schon heute ein außerordentliches. Rudolf Reti