Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Article
- Die Berufung
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 1)
- Language
- German
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MENORAH DIE BERUFUNG Die folgenden Verse sind Bruchstück aus einem noch in Arbeit befindlichen epischen Gedichte „MOSES", in welchem das Sonett als Form der Eiiuelstrophe dient. Der gesonderten Veröffentlichung zuliebe sind hier dem Original gegenüber einzelne Strophen ausgelassen oder umgestellt worden. Und jeden Morgen, wenn das erste Licht Im Osten hinter schlanken Palmen graute, Und wenn, wie eine Knospe, die aufbricht, Der Flinimcl sanft erblühte und crblaute — Trieb Moses in die Steppe, die betaute, Die Herde hin und blieb tagsüber dort Und träumte, wenn er in den Himmel schaute. Von seiner Jugend, dem Palast, dem Mord. Und abends trieb er zu der Hürde Hort Die Schafe heim und ging ermüdet schlafen: Das ging so Tage fort und Jahre fort Im Gleichmaß, als die Arbeit eines Sklaven — Und Augen nur, die seine Augen trafen, Sahn drinnen Glut dies Leben Lügen strafen! An einem Abend, wie ein jeder war, Kam Moses heim ins Lager mit der Herde: Im jungen Frühling war's — und wunderbar Voll Duft und Glanz und Frieden lag die Erde! Und Moses sah an einem fremden Pferde, Ein Gast sei da. — Als er den Gruß ihm bot, Frug er, was in der Welt gesprochen werde? „Nicht viel. Nur Ramses, hörte ich, ist tot!" Da sah der Hirt das milde Abendrot Zu Glut sich dunkeln und zu Blut verfärben; Sein Flerz stand still, nachdem es aufgeloht In jähem Schrecken: „Konnte Ramses sterben?" Mit Ramses brach der Bau der Welt in Scherben. Wo war ein Mann, um Ramses zu beerben? Auf seinen hohen Hirtenstab gestützt, Dem Hund die Herde überlassend, schaute, Vom ersten Morgenlichte überblitzt, Von der Oase Rand in die betaute. Die kalte Wüste Moses und ihm graute: So wie die Wüste hier, sturmüberweht. Erstarrt, versteint und stumm von jedem Laute — So sah des Königs Ramses Majestät Er über seine Kinderzeit erhöhl; Für Menschen unfaßbar und unergründlich. So wie die Wüste nie ihr Herz verrät; Nicht mehr von Menschenhand — nicht gut, noch sündlich, Nie alternd — gegen Zeiten unempfindlich, Dem Überwinder Tod unüberwindlich! Und Moses wandte von der kahlen Erde, Der Wüste schweigendem Geklüft sich ab Und schritt erblaßt zurück zu seiner Herde: „Die Welt, die sich, o Ramses, dir ergab, „Trugst du so leicht, wie ich den Hirtenstab. — „Der Tod schlug dir die Welt aus deinen Händen. „Der Tod, dem du getrotzt, riß dich ins Grab „Und ließ sich nicht von deinem Hochmut blenden: „Du hast geendet, wie wir alle enden, „Der Bauer, der von deinem Tode schwätzt, „Ist mehr als du in deines Grabes Wänden — „Auch wenn noch herrlicher geherrscht du hätt'st!'* Und Moses sprach, halb sinnend, halb entsetzt: „Ein Wehzeitraum ist aus: UND WAS KOMMT JETZT?" Langhingestreckl in hohen Grases Fülle Sah in den Lümmel über sich der Mann; Und plötzlich fühlte er, daß eine Stille Wie nie vorher im heißen Land begann: Schwer wie ein Tier kroch sie an ihn heran! Und er sprang auf mit einem tiefen Grausen Und sah und stand erstarrt; und bebte dann: Sah eine Hamme wie im Sturme sausen, Um einen Dornbusch, der nicht brannte, brausen; Ein Busch, der flammte, doch in Blüten schlief Laut stöhnte er in seines Herzschlags Pausen. Doch durch die Angst erhob sich süß und lief Ein heiliges Vertrau'n, das ihn durchlief: Er warf sich hin und Gottes Stimme rief... Auf seinen Knien lag Moses, lag und schwieg Und horchte auf das züngelnde Geknister Der Flamme, welche aus dem Dornbusch stieg; Und das Geknister wurde zu Geflüster — Und in dem Mittag, plötzlich wetterdüstcr. Erklang die Flamme — wurde schriller Schrei, Laut, daß es Moses schien, ertauben müßt' er: „Ich Bin c!cr Herr dein Gott, Bin Aclonai! „Ich stand den Vätern deiner Väter bei: „Ich Bin der Golt, Den Abraham erkannte! „Ich Bin's mit Dem, unwissend, daß Ich's sei. „Einst Jakob rang und Israel sich nannte! „Es litt Mein Volk, doch stirbt's nicht, das verbannte — „Wie dieser Dornbusch brennt und nicht verbrannte!" Als Moses hörte, Wer ihm nahe sei, Da schlug er vor's Gesicht die Hände beide Und immer schriller wurde Gottes Schrei: „Es sei genug mit Meines Volkes Leide! „Für's Sklavenkleid mit einem Königskleide „UmhüU' Ich es und führ' es wieder heim „Ins Land des Weines und der fetten Weide, „Das überfließt von Milch und Honigseim! „Zum stolzen Baum erwecke Ich den Keim „Und würge jeden Wurm, der ihn umlauert: „Lobpreisen soll mit hoher Psalmen Reim „Mein Volk Mich, heilig vom Gesetz ummauert! „Mir jubeln roll Mein Volk, das jetzt noch trauert . . . „Ich Bin, Der War, Der Ist, Der ewig dauert!" Und immer lauler wurde Gottes Stimme: „Wer soll Mein Bote sein? Wen sende Ich? „Wer ist so stark, daß Meinem großen Grimme „Zum Werkzeug er genügen könne? — Sprich!" Doch schweigend bog noch tiefer Moses sich. Und Gottes Stimme gellte aus der Glut: „Du, Mann! Mann Moses du! Ich sende dich! „Du sei die Hand, die Meine Taten tut! „Verworfen ist, Ich weiß es wohl, dein Blut: „Mord klebt und Unzucht klebt an deinen Händen! „Du warst ein Mann der Sünde und der Wut! „Doch weil du bitter büßlest Mord und Schänden „Und weil in Reue alle Sünden enden — „Bist du der Mann für Mich: dich will Ich senden!" Doch Moses sprach verstört: „Ich will nicht gehen! „Ich bin um Mord aus jenem Land entfloh'n „Und clorten würde mir mein Recht geschehen, „Dem ich verfallen vierzig Jahre schon. „Der Pharao empfände es als Hohn, „Wenn ich, schon kühn genug, mich heimzuwagen, „Mich unterstünde, ihm auf seinem Thron „Zu sagen, was Du mir befiehlst, zu sagen!" Gott aber rief: „Was du in jenen Tagen „Getan aus Mitleid mit der Brüder Pein „Und daß du Meinen Feind, den Vogt, erschlagen: „Das war gerecht und diese Tat war rein . . . „Drum cch'! Ich schirm* dich! Härter wirst du sein, „A's der Ägypter Tempel — Städte — Stein!1' Das Antlitz wie mit Purpur übeigössen, Hob Moses auf zu Gott sein Angesicht Und sagte ernst und finster und entschlosren Und sah erbittert in der Glorie Licht: „Schick', wen Du schicken willst — ich gehe nicht!" Aufprasselnd Antuort ihm die Flamme gib: „Hartnäckiger, was weckst du Mein Gericht? „Kleinmütiger, du gräbst dir selbst dein Grab! „Aus deiner Pland wirf deinen Flirtenstab!" Er tat's — da wurde dieser Stab zur Schlange Und schnob nach ihm; er floh: da ließ sie ab. Und Gott verhöhnte ihn: „Warum so bange? „Und wenn dir bangt: Was trotzt du Mir so lange? „Ich?wing' dich doch mit jeder Art von Zwange!" Ersterbend wollte Moses' Herz ihm stocken Und seiner Lippen Röte, sie erblich; Noch einmal stöhnte er, die Lippen trocken: „Nicht mich — o Gott, Der zu mir sprach! — nicht mich! „Wähl' einen anderen — ich bitte Dich!'' Hoch züngelte die Flamme an dem Dorne: „Was wehrst du dich so lang? Ich sagte: Sprich!'' — „Ich bin nur taube Spreu, Gott! Wähl' vom Korne!" Da flackerte die Flamme, flog im Zorne: „Wenn Ich dich hoch schätz', schätz' dich nicht gering, „Du feiges Herz! Ich mache dich zum Korne, „Des Stößen widerstehen mag kein Ding! „Jetzt tu, wie Mein Befehl an dich erging: „Steh' auf und geh'!" Moses stand auf und ging . . . Betäubt und taumelnd kam zu seiner Flerde Zurück der Hirt und sah erst hier umher: Und so wie früher lag um ihn die Erde, Als ob das Wunder nicht gewesen wär' . . Der Palmen hohe Wipfel wogten schwer — Die Schale trippelten mit harten Hufen Und fraßen eifrig fetten Rasen leer Und drängten schlürfend zu der Tränke Kufen. Doch Moses war's, als stiege tausend Stufen Unendlich hoch zum Himmel er — als sei Die Erde eingeschrumpft: Er war berufen! ■— Des Weibes dachte er, der Kinder zwei . . . Und tief in seiner Seele scholl ein Schrei: „Dies hatte ich! Dies alles ist vorbei!" 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