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Menorah · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Article
Der Gefühls-Antisemit
Date
1924-04-01
Page
Seite 19 (sequence 1)
Language
German
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19 MENORAH Otto Soyka DER GEFÜHLS-ANTISEMIT Ich kann davon reden, denn ich war es selbst. Ich war der Empfindung und Überzeugung nach in einer Periode meines Lebens Antisemit. Die Periode liegt weit zurück, ich erinnere mich ihrer aber recht gut. Wäre nicht eine einzige bestimmte Tatsache dazwischen gekommen, so hätte mich nichts von diesem Standpunkt abbringen können. Jahre später, nachdem ich mich zu den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Vorurteilslosigkeit bekannt hatte, wäre es möglich gewesen, daß Personen von Verstand und Ehrlichkeit mir die guten Eigenschaften des Juden gerühmt hätten, sie hätten mir Fehler und Vorzüge zur gerechten Abwägung vorlegen können, mich auf die logische Haltlosigkeit meiner lebhaften Judenfeindschaft aufmerksam machen können — ich hätte alles angehört und erwogen, und schließlich wäre mir keine andere Antwort geblieben, als zu sagen: „Pardon, meine Herren, ich verstehe und würdige das alles sehr gut. Ich kann Ihre Behauptungen auch nicht alle entkräften, meine Gegnerschaft gegen den Juden aber ist Gefühlssache, Rassencigenschaft. wenn Sic so wollen. Ich bin nicht Herr darüber, das ist angeboren und wird bei mir bleiben, wie es seit den frühesten Zeiten meiner Kindheit war." — Da ich in einigen Fällen die Fähigkeit bewiesen habe, meine Gefühlsangclegenhciten mit logischen, sachlichen Gründen zu rechtfertigen, so hätte es mir auch in diesem Punkte nicht an solchen Gründen gefehlt. Der Erfahrung folgend aber wäre meine Feindschaft gegen den Juden Privatangelegenheit geblieben, da ich als ihre Grundlage einen .angeborenen' Widerwillen erkannt hätte, der, mochte er auch noch so berechtigt sein, doch erst der nachträglichen Begründung bedurfte. Jene Zeit meines heftigen Antisemitismus war etwa in meinem fünften Lebensjahr, und damals kam er auch bei einer Gelegenheit mit aller Macht zum Ausdruck. Ich hatte ein kleines Hofzimmer unserer Wohnung für mich, und aus dem Fenster sah ich GALERIE HOLBEIN INHABER: LEOPOLD KOHN U. FRITZ LUNZER WIEN. I., FRANZ JOSEFS-KAI 41 TELEPHON (iö-O-G!) EIN-UND VERKAUF ALTER UND MODERNER KUNST Geöffnet tätlich von 0 bis fi Uhr. Samstag »^schlössen. Sonnu. Feiertage von 9 bis 4 Utir. von Zeit zu Zeit einen Mann im Hofe stehen, der einen schmierigen Kaftan trug, einen langen Bart und Pajjes hatte und mit lauter Stimme: „Handle!" rief. Dann sagten die Dicnstbo'cn: „Der Jud ist da." Sonst aber wurde das Wort kaum jemals in meiner Gegenwart ausgesprochen. Es war mir auch bekannt, daß man allerlei alten Hausrat für den Juden zurücklegte und sein Kommen erwartete. Da kam es einmal dazu, daß unsere alte Köchin mir aus irgendeinem Grunde, bei einem Anlaß, den ich vergessen habe, sagte: „Dein Papa ist ein Jud." Ich lachte, ich hielt es für einen Scher/. Aber die Alte wurde über diese Unrdäubigkeit ärgerlich, und mit der absoluten Sicherheit des Menschen, der sich im Rechte weiß, wiederholte sie mir: „Ja, dein Papa ist ein Jud." Ich lief zu meinem Fräulein, um -;ic zu befragen. Sic bestätigte es ganz unbefangen. Die Wirkung war die stärkste. Ich warf mich auf mein Bett und schluchzte, ich wollte nichts mehr hören und sehen, ich war ins Innerste getroffen. Mein Papa, der war doch, eben weil < r mein Papa war, für mich etwas Großes und Bedeutendes gewesen, und nun — ein Jud. Vergeblich suchte mein Fräulein, mich zu trösten. Sic glaubte, ich meine nun, mein Papa ginge auch in die Höfe der Häuser und riefe „Handle". Nein, darüber konnte sie mich beruhigen. Mein Papa hatte eine große, schöne Kanzlei, dort kamen Leute zu ihm, die sich in Rcchtsangelegcnhciten beraten lassen wollten, und er empfing nur jene, die er empfangen wollte. Mit allem Hausrat hatte er nichts zu tun. Nichts halfen alle di^sc Erklärungen! Ich wußte keine Antwort. Damals fehlte mir die Fähigkeit, meine Gefühle mit Berechtigungsgründen auszustatten und diese in präzise Worte zu fassen. Sonst — zweifellos hätte ich erwidert: „Jud ist Jud. Es tut gar nichts zur Sache, ob er einen schmierigen Kaftan oder einen eleganten englischen Anzug trägt." Genau so aber empfand ich es. Sie wollte die Ursache meiner Verzweiflung ergründen. Hatte irgend jemand in meiner Gegenwart schlecht über die Juden gesprochen? Nein, nichts Wirkliches, Greifbares hatte es gegeben. Keine Tatsachen lagen vor. Aber der Ton, die leise Nuance im Tone, mit dem man da* Wort Jud auszusprechen pflegte, das hatte mich zu dem gemacht, was ich damals war: zum Gefühlsantisemiten. Ich war es so stark, daß alles Lob, das ich über meinen Vater gehört hatte, nicht genügte, um mir sein Bild zu retten. War er Jude, so galt das Lob, das oft zielbewußt, um der erzieherischen Wirkung halbe, in meiner Gegenwart ausgesprochen war, s/.ar nichts mehr. Mein Antisemitismus ließ nicht mit sich feilschen. Schließlich resignierte mein Fräulein. Sie verstand nicht, konnte es aber nicht ändern. „Du bist auch Jude", sagte sie noch. ,,Das ist einmal so." „Was?!" — Ich, ich sollte Jude sein? Meine Tränen hörten auf zu fließen, alles war mit dieser Mitteilung anders geworden. Ich? — Von mir wußte ich genau, daß ich kein Mensch zweiter Klasse war, über mich gab es keine Zweifel. Wenn auch ich Jude war, dann und nur dann, hatte ich offenbar doch geirrt. Die einzige Tatsache, die mich von meinem Antisemitismus heilen konnte — ich glaube fast, daß es die einzige war — war gegeben. Ich hatte aufgehört, Gcfühls-Antisemit zu sein. Aber ich weiß, wie einem solchen zu Mute ist. Wenn damals die wahrheitsgemäße Mitteilung nicht gekommen wäre, daß auch ich Jude bin — Jahre und Jahrzehnte hätten vergehen können, nichts hätte sich an dem tief eingewurzelten Glauben ändern können. Man hätte mir vergeblich den Wert des Juden ins Lieh' gerückt. Höflich hätte ich alles mit angehört und dann bedauernd die Achseln gezuckt: „Pardon, mein Herr — ich weiß das alles — man nennt so etwas eben Gefühlssache." Nachdruck verholen Für unsere Kleinen ONKEL BEN NATHAN SAGT DIR WAS! DAS GRÖSSTE PESSACHWUNDER Ist es die Teilung des Roten Meeres oder es gibt noch ein viel größeres Pcssachwundcr? Wir waren Knechte bei Pharao. viele Knechte. Und diese Knechte waren uneinig untereinander, und als sich Mose ihnen als 1-rcund und Bruder nahen wollte, verklagten und verrieten sie ihn beim König. Als aber Mose von der Stimme Gottes im brennenden Dornbusch den Befehl erhalten hatte, die Israeliten aus Ägypten herauszuführen, da lauschten plötzlich die Knechte auf das, was Mose zu ihnen sprach. Und sie erinnerten sich nun, daß sie alle demselben Stamme angehörten und sehnten sich sehr nach dem Lande ihrer Väter. So war aus den vielen Knechten ein einiges \ olk geworden, dem weder die Ägypter noch die Wüstenvölker widerstehen konnten. Das ist das größte Pcssachwundcr. •v- DOPPELRÄTSEL. Ich weiß so manchen schönen Ort. Bin dort daheim, war noch nicht dort. Wo mag das sein? Es führte eine Er sah es ganz. Wer mag das sc viele hin, ar nie darin. 5. A. Auflösung in der nächsten Nummer Rteüö/S \SPWIQ auP^l-0^ V WIEN,VI, *V MARIAUILPERSTI3,3/ j

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