Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Article
- Die Juden von Zirndorf
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 16 (sequence 2)
- Language
- German
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16 M E N O R A H Da sah der Hauptzug, -wie die Vorhut im Gelände stillehielt. Maier Lambdcn hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl fremder Wagen, die aus einem Gehölz herausgefahren kämen. Jetzt stiegen mehrere auf die Kulschböcke und sahen aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; sie fürchteten einen neuen Überfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche Augen hatte, sagte, es seien Leute in fremdländischer Kleidung, aber er hielte sie für Juden. Dann sagte er, Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane entgegen. Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit miteinander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja Änsel die Arme ausbreitete wie ein Ertrinkender und hinfiel wie ein Stock. Und dann liefen zwei nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen auszubrechen und gebärdeten sich wie Verrückte. Zirle stand und schaute unablässig in die Ferne, wo diese Bilder spielten, und plötzlich stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, als ob sie alles durch die Lüfte vernommen hätte, und sank vom Wagen herab. Die vordersten Wagen kehrten um, kehrten zurück, und in kurzer Zeit hatte sich ein tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so wanderungslustigen Menschen gelegt. Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten. Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur den Schatten des Geheimnisvollen hinterlassen. Wenn nicht seine außerordentliche Schönheit die Welt trunken gemacht, so war es doch der Zauber seines Geistes, die Größe seiner Seele oder das Hinreißende seiner Worte. Oder wäre es nichts dergleichen gewesen? Es gibt Stimmen aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder einem schlechten Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder einem Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen kennen? Die Geschichte, wie ein leichtgläubiges Frauenzimmer, läßt sich betören von der Fabel und von der Fama, und das ist gut, denn wie sollte der Nachgeborene die hülle erdrückender Wahrheit ertragen, die sie ihm son«t nicht vorenthalten könnte? Der fremde Zug, der den Weg der Fürther Juden so jäh gehemmt hatte, war ein kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold des Landes verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war groß. Es war, wie wenn ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt,;iuf den man alles gesetzt, von dem man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war schlimmer. Es war mehr als der Tod, etwas, das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in einem grellen Blitz zeigte. Die Juden sind ein starkes und störrisches Volk; doch sind sie nur groß, wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind nicht lange groß, denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigene Größe. Auch Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden, ein Stück Judenschicksal. Viele zogen wieder nach Türth zurück. Einige Familien der österreichischen V ertriebenen, die große Not litten und furchtbare Entbehrungen hinter sich hatten, siedelten sich nebst einigen jungen Leuten aus Fürth in dem stillen Tale an. Bei ihnen blieb Thelsela, das Weib dei blödsinnigen Maier Nathan, mit ihrer Tochter und ihrem Enkel, der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde, von dem in den folgenden Blättern die Rede ist. Die Thelsela war /u müde geworden, nach der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren, an der Seite der Christen zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelittr.n. an die Reihe ihrer Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drübon ein neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; cie trug ihre Tage knechtisch und trug still. Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach gegründet wurde, hieß zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die einwandernden Christen in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die Felder um ihn hei'im waren fruchtbar und gern bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben. Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden. Ihr Leben verlor sich in eine holge von Sagen, und schließlich wurden auch ihre Taten sagenhaft. Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte, und eine neue Zeit kam. Und das Kommende war immer größer, freier und vollendeter als das Vergangene, und der Jude, anfänglich nur Knecht, wert genug, den Fußtritt des übelgelaunten Herrn zu empfangen, tat seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die Geheimnisse dieses Herrn. Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege, und oft verrichtete er ungesehen kaiserliche Dinge, wenn die Monarchen schliefen und die Minister schwach waren. Sabbatai wurde ein Moslem, und manche sagen zum Schein. Der Jude wurde ein Kulturmensch, und manche sagen :'um Schein. Manche sagen, der Verderber und der Verführer sitze in ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als ihre Erbauer. Dies ist <:icher: ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch; d.r Schönheit fähig und doch häßlich; lüstern und asketisch, ein Charlatan oder ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist der Jude. Hat ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz oder der Erfolg? Gott allein weiß es. Vor den Blicken tut sich ein unermeßliches Bilcl auf, denn das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelneu Person: sein Charakter ist sein Schicksal. EN FARA Seltsam! In keinem Flandbuch ist dieser Name verzeichnet, sogar die wenigsten Palästinenser haben von seiner Existenz eine Ahnung. Und doch ist es das traumhaft schönste Fleckchen Erde, das keine Feder zu beschreiben vermag. Eine kleine Schar begeisterter Naturschwärmer enthüllte mir dieses Wunderland. Ein Morgen, voll strahlender Pracht, die Luft kristallklar, und silbernes Blau, ein Blau, ohnegleichen, das man nur in Palästina sehen und als Glück empfinden kann, wölbt sich über Jerusalem. Langsam steigen wir den ölberg hinauf und genießen den unbeschreiblichen Anblick über das Gesamtbild Jerusalems mit seinen zahlreichen Türmen und Minaretten, umgeben von einem Kranz von Bergen und Gärten. Bald erreichen wir das arabische Dorf Salvia, passieren den englischen Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten sowie den bekannten prächtigen Fichtenwald von St. Anna Frerc Blanche. Wir durchschreiten das Tal Jesofathan. Nicht einmal die elegische Sage, daß hier das heilige Weltgericht seinen Sitz hat, kann unsere frohe Stimmung dämpfen. Nach mehrstündiger Wanderung erreichen wir die große arabische Ortschaft Anatot, den Geburtsort von Jeremias. Der Weg ist sehr beschwerlich, Kein Mensch begegnet uns auf diesem stundenlangen Pfad, hoch über der Erde fällt kein fremder Schatten, nur hie und da taucht plötzlich hoch oben auf einem Gebirgskamm ein Zug von Kamelen auf und verschwindet wie eine hata Morgana vom Horizont. Mächtige Felsen ragen auf und öffnen ihre Pforte für unseren Einzug ans Ziel. Der Anblick, der sich uns bietet, ist nicht zu schildern. Als uns in dieser Einsamkeit ein herzliches Schalom einiger unternehmender Chaluzim entgegenschallt und tausendfach an den Bergwänden widerhallt, kennt unsere Begeisterung keine Grenzen. En fara ist eine Oase zwischen mächtigen Felsen, die senkrecht zum Flimmcl emporragen und in großen, tiefen Höhlen Menschen und Tieren Unterkunft geben. Den Boden bedecken kolossale schneeweiße Steinplatten, glatt wie Marmortische. Frische, kristallklare Bergquellen rieseln aus dem Gestein und sammeln sich tiefer zu einem klaren See. Es ist ein unsagbar schöner Anblick. Wir lagern auf den Steinplatten, löschen den quälenden Durst an dem köstlichen Quellwasser, das in Palästina eine so große Seltenheit ist, lassen uns unseren Proviant schmecken und genießen, wie nur Menschen genießen können, die offene Augen und die glühende Liebe für dieses einzige Land im Herzen haben. Immer tiefer breitet sich der Purpur über che Felsmassen. Zuerst ganz in Dunkel rot getaucht, ragen sie zum azurnen Himmel, dann in immer zarter werdendes Rosa und Violett. werfe« sie tausendfache Farbenspiele im Wasser wider. Nun ist es höchste Zeit, von diesem einzigartigen Anblick Abschied zu nehmen. Der Sonnenball sinkt immer tiefer zum Toten Meer hinab, wir stehen berauscht auf den Höh'n und blicken mit tiefer Ergriffenheit lautlos der versinkenden Sonne nach. Spät nachts erreichen wir Jerusalem. Über der Zionsburg steht der Mond in mildem Glanz, funkelnde Sterne bedecken das Firmament, und unsere Sinne sind von Träumen umsponnen. Bata Berget