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Menorah · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Article
Hillel
Date
1924-04-01
Page
Seite 9 (sequence 2)
Language
German
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9 M E N O R A H Das ist mein Ich, mein cig'ncs geist'gcs Wesen, Das denkt in mir und macht mir erst zu eigen, Was auüer mir in Raum und Zeit gewesen, Und was da ist: kein and'rer denkt für mich! Ich selbst muü selbst die Welt mir neu erschaffen In meinem Geiste bau' ich sie mir auf: Wer aufkr mir kann denn für mich sie denken? So seh' ich sie mit meinen eig'nen Augen. Und soll den Blinden nicht den Weg ich zeigen? Geschrieben steht: Wohlan denn, alle, die ihr Bedürftig seid und durstig, kommt zum Wasser . . . Mein Geist umspannt in sel'gem Drang die Menschheil! Von ihr hab' ich mein bestes Teil empfangen, An Leib und Seele trag' ich ihre Spuren, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft, Sie haben mi.h zum reifen Mann gebildet. So will ich denn zum Dank der Menschheit geben Das wcn'ge Gute, das ich selbst empfinde. Das selbst ich bin, und das ich selbst noch habe. Und wenn nicht jetzt, wann denn? Es steht geschrieben : Die Eifrigen sind früh bereit zum Guten, Denn niemand weiti, ob er's noch morgen tun kann. So aber einer meint, dafi mehr er tue. Der and're aber weniger, so wisset: Tu' einer mehr davon, tu' einer wen'ger: Darauf nur kommt es an, daß stets in Demut Das Herz gerichtet sei auf Gott im Himmel!" — So lehite eins! vor vielen hundert Jahren Ein weiser Meister fern im Morgenlande Die stille Schar der wiiibegier'gcn Jünger, Bescheiden, anspruchslos und ohne Aufseh'n: Ein Seelenarzt, ein Freund und ein Berater. Des Guten Saat, er hat sie ausgestreut und Getragen ward sie von den treuen Schülern In alle Welt und eingesenkt geräuschlos Im Herzensgrund von Millionen Menschen, AlKvo sie keimte langsam im Verborg'nen, Bis spät're Tage sie zur Reife brachten. DER TOD ABELS. . . . Und Abel war erschlagen; — Rauchend r Das rote Blut zur Erde, und die Erde Tat auf den Mund und trank das rote Blut . Weit aufgerissen starrt das weilie Auge Das Todesblasscn auf zum grauen Himmel, Und halb geöffnet fleh'n die stummen Lippen, Als hätten sie noch etwas auszusprechen, Was ohne Laut im letzten Hauch erstarb. Doch sagt die Hand, die krampfhaft in den Staub sich Hat eingegraben, dato der jäh Erschlag'ne Im wilden Weh noch wollt' die Stimm' erheben, Damit er laut und schrecklich vorwurfsvoll Das All, den Himmel und die Erde, nun. Da still, verlassen war die weite Flur, Zu Zeugen und zur Rache klagend rufe Ob solch' unmenschlich frevelvollen Tuns! — So lag der Tote, und im Hintergrunde Bewregte sich wie ängstlich fliehend ein Schalten —- ' Das war der Brudermörder, den Verzweiflung Mit rückgewandtem Blick voll Schuld und Elend Und Schreck im Antlitz in die Irre trieb. Wohin er schaute, alles schien zu wissen. Was er getan, denn Baum und Strauch und Quelle Mit Blut' und Blatt und ihrer Welle Murmeln, Sie flüsterten und sprachen leise rauschend Mit hunderttausend Zungen: Mord! Mord! Mord! Aus Höh'n und Tiefen kamen dunkle Stimmen, Erst hörbar kaum, dann deutlicher vernehmbar. Bis laut es schwoll zu mächt'gen Sturmakkorden, Und alle, alle furchtbar drohend riefen: ,,Du hast gemordet, Kain! Rache! Rache! Wo ist dein Bruder? Was hast du getan?! . . . Die Stimme von dem Blute deines Bruders, Des jäh Erschlag'ncn, schreit hinauf zum Himmel — Darum sei'st du verflucht!" So klang entsetzlich Dem Mörder es beständig in der Seele. Landschaft bei Jerusalem Mit (.ienelimi»unu lies Henj. Harz-Verlages Merlin Josi-t Hoch Wien Da fiel besinnungslos er hin zu Boden Und weinte still vor Reue, Angst und Qual. . . Die Seele Abels war entfloh'n . . Im Westen Ging ohne Glanz die müde Sonne unter, So matt und trüb wie ein verweintes Auge, Das scheu sich schlictit beim Anblick grofien (Wch's, Hernieder sank die Dämm'rung auf's Gefilde Und wob des Dunkels unsichtbare Fäden Uni jene Stätte, wo zum ersten Male Seit Anbeginn der Welt ein Mensch den ander'n. Ein Bruder seinen Bruder wild erschlug. Unheimlich lag es auf der weiten Erde, Des Tages Glut wich einer bamjen Schwüle, Und Angst, Verzweiflung schienen die Natur In dumpfem Bann zu halten sonder Ruh'. Da plötzlich kracht ein Donnerschlag durch's Dunkel, Und durcheinander fuhren wild und tobend Die Elemente, ledig ihrer h essein: Die Winde heulten kalt und hohl und schaurig, Der Sand flog auf in Wirbeln hochgepeitscht, In Strömen ging der Regen prasselnd nieder, Und Blitze zuckten grell am Firmament. — — So tobte lange hin das wilde Wetter, Bis wieder still es wurde in der Runde Und nichts sich regte, kaum ein Windesfächeln. Kein Laut, kein Ton. Nur aus der herne schwebte Ein rätselhaftes Rauschen, erst ganz leise, Dann immer lauter hin am Himmclsbogen, Und immer näher zog es erdenwärts: Bevor die Nacht mit schwarzem Fittich deckte Die mordbefleckte, fluchbelad'ne Stätte, Kam trägen Flugs mit feuchtem Hauch und langsam Herangewallt ein finst'res Ungeheuer Von ungestalter, schattenhafter Bildung. Ganz fleischlos, blutlos, ohne Mark und Lehen. Gewalt'ge Riesenflügel weitausbreitend. Zog langsam es der Stätte immer näher, Wo Abel ausgehaucht hat seine Seele, Der erste Tote, seit die Welt erstanden. Und legte, kühl und dumpl wie Grabesmoder, Die dunklen Schwingen übers Blachgefildr Und, weiter immer bis ins Unermess'ne Sich dehnend, wuchs es mählich über Länder Und Meere hin, Verderben allem Leben — Das war der Tod, so brach er in die Welt.

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