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Menorah · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Article
Blick auf Jerusalem [Illustration]
Date
1924-04-01
Page
Seite 8 (sequence 1)
Language
German
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8 M E N O R A H HILLEL / Von S. A. Weiss* Im Morgenland lebte einst ein Weiser, Ein stiller Meister, ein Prophet der Liebe, Der Sanftmut und der Duldung frommer Lehrer. Zu seinen Füßen saßen ernst und schweigend Von nah und fern die vielgetreuen Schüler, Den süßen Worten seines Mundes lauschend, Dem mild und klar der Weisheit Born entströmte. Da horchte jeder sinnend auf und suchte Des Meisters Wort ins offne Herz zu fassen. Damit von dannen er gebessert wandle. Und besser war er schon, wenn er empor nur In dieses Weisen edle Züge blickte. In dieses Antlitz voll der reinsten Güte, Der Herzenscinfalt und des Seelenfriedens, Das ehrfurchtsvoll im Schmuck des weißen Bartes, Im Schmuck der greisen Silberlocken prangte. •¥ Versöhnung war des Meisters ganzes Wesen, Und wenn er sprach, da leuchtete sein Auge, Sein Angesicht war wie verklärt vom Scheine. Vom ros'gen Abglanz höh'rer Himmelswonne: So glich er fast dem Seher aus der Vorzeit. * Und wieder hat auf einen Tag versammelt Der hohe Meister seine treuen Jünger, *) Knapp ein Mcnschenalter ist es her, seitdem der Dichter Dr. S. A. Weiß nach langem Siechtum in Gries die müden Augen schloß. Er war immer ein stiller, feiner, beschaulicher Mensch gewesen, und seine lyrischen Töne hallen manche gleichgestimmten Seelen zum Schwingen gebracht. Heule werden seine Gedichte (von seiner Witwe Henriette Weiß liebevoll gesammelt und 1Ö99 herausgegeben, Berlin, Concordia, Deutsche Verlagsanstalt 1899) in weiten jüdischen Kreisen Verständnis finden, denn seither sind viele den Weg gegangen, den er damals als Einsamer ging: er fand nach langem Suchen in der Weltliteratur zur Weisheit unserer Alten heim. Die formenreinen und gedankenliefen Gedichte H i 11 e 1 und Der Tod Abels sind ein Ausdruck dieses geistigen Erlebnisses. Um in dem reichen Wechselstrom der Rede Sich über Geist und Inhalt des Gesetzes, Wie über Gott und Welt und Weltregierung Belehrend zu ergehen, bis er endlich Aufs Himmelreich und auf des Lebens Führung Zu sprechen kam und also tröstend fortfuhr: ,,Es steht geschrieben: Liebe deinen Nächsten! Doch wie? Wie sollst du deinen Nächsten lieben? Du sollst ihn lieben wie dich selbst, so heißt es. Nun fragt ihr wohl: Wer ist denn unser Nächster? Ich sage euch: Wer cu'rcr Bruderhilfe Bedürftig ist, und der auch, dessen Wunden Zu heilen ihr vermöget, zu verbinden. Und heilig sei euch eures Nächsten Leben Wie euer cig'ncs, da der Mensch vom Ew'gen Geschaffen ward in seinem Ebenbilde; D'rum sündigt der, der wider seinen Bruder Die Hand erhebt und Böses von ihm redet, An Gott und seinem Werke, das sein eigen. Im Geiste Gottes sind wir alle Brüder, E i n Herz, c i n Fleisch, e i n Blut und eine Lehre Ward allen Menschen als ihr Teil gegeben. Das Gottesreich auf Erden zu begründen." * Und wieder sprach ein andermal der Meister: „Es trat zu mir auf offnem Markt ein Heide Und ging mich an, ich solle ihn das ganze Gesetz in Kürze und in Eile lehren, So lange er auf einem Fuße stehe; Dann wolle er von seinem Glauben lassen Und sich zu meinem überzeugt bekennen. Was glaubt ihr wohl, daß ich dem Mann erwidert'? Ich sagte ihm: ,Was dir, mein Sohn, nicht lieb ist, Was dir verhaßt, das tu* auch nicht den andern!' Hierauf beruht die ganze Goltcslehrc; Dies ist der Grund, die Wurzel; alles and're Ist nur Erklärung: inn'ge Menschenliebe, Die Liebe zur Gesamtheit ist das Wesen Der Religion, sie ist das Wesen Gottes, Und Gott erkennen, heißt nichts and'rcs, als ihn Mit ganzem Flcrzcn lieben, denn die Liebe Wird wieder nur durch Liebe ganz ergründet." Und wieder einmal sprach der Meister: „Barmherzigkeit und Mitleid und Verzeihung! Das Herz ist Slaub, mit Tränen angefeuchtet, Nicht Stahl und Stein, und ihr sollt eu'rem Gottc, Dem Ew'gen, nachwandeln freud'gen Herzens. Könnt ihr das wohl? Ich sage euch, ihr könnt es, Wenn ihr wie er barmherzig seid und gnädig. Denn er, der groß an Gnade ist und Mitleid, Er neigt zur Gnade gütig hin die Wage, Wenn schon das Zünglein schwankend sich will senken; Aus seinem Vatcrherz.cn strömt die Milde Wie Balsam lindernd auf die Seelenwunden Der armen Sünder, die zu ihm sich wenden Und um Vergebung ihrer Sünden bitten. Was einer tut, das trifft ihn selbst! Wie glücklich Ist der, der nicht gesündigt hat! Wer aber Gesündigt hat, der bess're sich, auf daß ihm Vergeben werde in dem ew'gen Leben." * Und wieder einmal sprach der Meister: „Die Gotteslchrc! Seid ihr treu, so seid ihr Des Friedens Freunde, Freunde aller Menschen, Und dem Gesetze nähert ihr die Flcrzcn! Die schließen sich dann fester aneinander, Vom heil'gen Band der Lehre mild umschlungen, Und Heil entsprießt dann ihrem frommen Wandel: Ein guter Name ist ihr Lohn auf Erden . . . So soll es sein, doch hört auf meine Worte: Jedweder Mensch, der einen guten Namen Sich hier erwirbt, erwirbt ihn für sich selbst nur, Wer aber sich die Kenntnis des Gesetzes Mit Heiß erwirbt, verdient das cw'ge Leben. Gesetz und Lehre, Schrift und Offenbarung! Ist denn nur einmal Gott der Welt erschienen? Ich sage euch, er steigt noch heut' hernieder In alle Herzen, die nach ihm verlangen, Und die ihn suchen, werden ihn auch finden. Ward Offenbarung uns denn nur gegeben, Um fortzuleben auf vergilbten Blättern, In toten Zeichen eingesargt, begraben? Lebendig ist der Geist und lebenschaffend, Durch's weite All in Strömen ausgegossen. Berührt er flutend auch die Menschenseelc, Und Offenbarung ist auch die Vernunft. Wenn ihr euch still und ernst versenkt mit Andacht Ins heil'ge Wort der großen Gotteslchrc, Dann wird der Geist am Geiste bald lebendig Und feiert endlich seine Auferstehung: Zum ew'gen Leben kommt ihr durch die Lehre, Jedoch zur Lehre nur durch die Vernunft!" •Y* Und wieder einmal sprach der Meister: „Ich eile täglich aus der Lehrvcrsammlung Nachhaus', um einen lieben Gast zu pflegen. Ihr fragt: Wer ist der Gast denn, lieber Meister? Ich sage euch: Der Gast ist meine Seele, Die muß, so lang' ich mit der Welt verkehre, Zurückgedrängt sich fügen, aber endlich Verlangt sie doch ihr Recht: es muß ihr werden! Dann pfleg' ich Rat mit meiner reinen Seele Und lausche still in mir den leisen Stimmen, Die heben an im Flüsterton zu sprechen: Wenn ich nicht mir, wer denn mir? Niemand sonst! Wenn ich allein für mich, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt? Wann denn? ... So aus der Tiefe Erheben sich geheimnisvolle Fragen. Die Ratselwortc such' ich euch zu lösen: In meinem Innern ankert tief ein Etwas, Frühjahrsstoffe rzjzrz'xr Kann & Fried Wien, VI. Bezirk, Linke im Hofe

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