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Menorah · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Article
Judenstaat oder jüdische Heimstätte
Date
1924-03-01
Page
Seite 16 (sequence 1)
Language
German
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16 MENORAH Judenstaat oder jüdische Heimstätte Von Dr. WOLFCANC WEISL, Jerusalem. Während diese Zeilen geschrieben werden, verhandelt der ehemalige Sdierif von Mekka, Hussein ibn A 1 i, mit den südarabischen Notabeln über seine Ausrufung zum „arabischen" Kalifen. Was das heißen soll, ist unklar. Der Kalif ist der „Herrscher aller Gläubigen", das heißt aller sunnitischen Mohammedaner, und wenn auch diese „Herrschaft" in manchen Gebieten und zu manchen Zeiten nur sehr wenig fühlbar war — die W a h n b i t e n zum Beispiel anerkannten sie nie, die Scnussi befanden sich lang genug in Kriegszustand mit dem Sultan, dem bisherigen Kalifen, und so fort — so gab es doch seit 1538 nur einen Kalifen, das heif.it „Stellvertreter" Mohammeds, den Kalifen von Stambul. Wenn nun das Kalifat auf die arabische Dynastie der Scherifen übergehen soll, so ist es wohl nur ein taklisch kluger Schachzug, daß Hussein bloß von einem „arabischen" Kalifat spricht, also stillschweigend auf die Anerkennung der Osmancn (und wohl auch des Emirs von Afghanistan) verzichtet. Denn tatsächlich leitet Hussein seinen Adel vom letzten arabischen Kalifen, der in Medina residierte, von A 1 i, dem Schwiegersohn Muhameds, beziehungsweise von dessen Sohn Hassan ab. Seit der Ermordung Alis, des „ersten Moslems" im Jahr« 66 I, war das Kalifat aus dem Lande, das die Wiege des Islams war, gewichen. Seit 661 halten die Schcrife von Mekka trotzdem nie ihre Hoffnung aufgegeben, das ihnen zustehende Amt wieder zu erringen — soll man nun daran glauben, daß sich der ehrgeizige König des Hedjas mit einem Teilkalifat begnügen wird? Niemand weiß, welche Polgen die Ausrufung Husseins zum Kalifen haben kann. Sicher ist es England nicht unangenehm, seine traditionelle Rolle als größte arabische Macht dadurch zu krönen, daß der Sitz des Kalifen (und der Kalif selbst) in englischem Schutz steht. Ob aber die Mohammedaner Indiens darauf eingehen, ob sie darin nicht eine neue Attacke gegen die türkische Regierung sehen werden, ist mehr als unsicher. Wie auch die Wirkung eines Kalifates von Mekka auf die Welt des Islam sein mag, sicher ist, daß dieses Ereignis eine bedeutungsvolle Stärkung der arabischen Macht bedeutet und daß das jüdische Volk nicht ohne tiefe Besorgnis die Entwicklung der Dinge im nahen Osten betrachten kann, da leider die Araber eine durchaus feindliche Haltung gegenüber seinen Forderungen einnehmen. Es ist nicht klar, ob man derzeit von einem „Erwachen" des Orients sprechen kann: vielleicht schläft nur der Okzident alimählich ein, der bisher den Orient beherrscht und unterdrückt hat. Und die Verminderung des Druckes kann ofl eine Erstarkung des Gegendruckes vortäuschen. Sicher ist aber, daß — soweit es die Juden angeht — an Stelle jener turkialen Macht, die Palästina früher beherrschte und die es den Juden nicht abtreten wollte, trotz aller Versprechungen, die H c r z 1 dem Sultan machte, heute eine a r abische Macht auftaucht, die wohl ungleich schwächer ist, als die des Padischah war, trotzdem aber viel stärker ist, als jene, die das jüdische Volk derzeit für die Gewinnung Palästinas mobilisiert. Hat der Sultan Palästina nicht „hergeben" wollen, so weigern sich die arabischen Herrscher, Palästina „aufzugeben" — ebenfalls alle Versprechungen verschmähend, die jüdische Führer und Kongresse den Arabern machen. Die politische Lage hat sich also seit dem Tode Hcrzls außenpolitisch nicht geändert, soweit das jüdische Palästina in Frage kommt. Die Bai four-Dckla ratio n hat nur die innenpolitische Lage der zionistischen Organisation gegenüber den anderen jüdischen Organisationen gestärkt, indem sie die (bisher) jüdischerseits bestrittene Existenz eines jüdischen V o 1 k c s anerkannte und (in sehr vorsichtiger Form) ein gewisses historisch bedingtes Recht des jüdischen Volkes auf Palästina zugab. Es darf darüber kein Zweifel in den jüdischen Massen bestehen: das, was heute England in Palästina macht, ist nicht nur keine Verwirklichung der Deklaration, sondern eine Verhöhnung der Hoffnungen, die das jüdische Volk auf England gesetzt hat. In ganz Palästina gibt es sieben jüdische Richter! Gibt es etwa 90 jüdische Polizisten! Die jüdischen Eisenbahner werden gezwungen, am Sabbat zu arbeiten; die Zollbeamten müssen am Sabbat Dienst tun; j.idischc Gendarmen, die am Sabbat nicht zum Dienst erscheinen, werden zu sechs Monaten Kerker verurteilt; die Regierungsämter sind am Sonntag geschlossen; jüdische Ärzte werden nicht angestellt: jüdische Regierungsbeamte werden entlassen; Regierungsland wird prinzipiell (in nennenswertem Ausmaß wenigstens) nur an Araber vergeben; die öffentlichen Arbeiten, etwa in Jerusalem, einer Stadt mit jüdischer Majorität, vergibt der mohammedanische Bürgermeister ausschließlich an arabische Arbeiter; die aus jüdischem Steuergeld und aus jüdischen Spenden errichteten Schulen sind ausnahmslos arabisch; die 60.000 palästinensischer Christen haben fast dreimal soviel Beamte am öffentlichen Dienst als die 100.000 Juden----soll man in der Schilderung dieser „jüdischen Heimstätte" noch fortfahren? Soll man noch erwähnen, daß das öffentliche Singen der Hatikwah noch immer verboten ist? Daß die Juden, die in „ihre Heimstätte" fahren wollen, nur in solcher Zahl hineingelassen werden, als es den Arabern recht ist? Daß im Advisory Council kein einziger Vertreter des jüdischen Palästina sitzt? Ist das die jüdische Heimstätte, die uns B a 1 f o u r zu geben versprach — ohne allerdings vorher die Zustimmung der Araber zu verlangen, die während des Krieges so leicht zu erlangen gewesen wäre!? Nein, die Balfourdcklaration mag ein „Start", ein Anfang gewesen sein! Das Ziel des jüdischen Volkes muß größer und erhabener sein, als ein hebräisches Ghetto in einem arabischen Palästina zu schaffen. Die Juden gingen nach Kriegsende nach Palästina — europamüde, kriegsmücle, fanatisch nach Untertauchen im Orient verlangend und bereit, jedes Opfer dafür zu zahlen. Die Araber stießen unsere Freundeshand, nein, die flehend ihnen entgegengestreckte Hand zurück. Die Pogrome in Jerusalem und Jaffa waren die Antwort. Und als die Juden sich zur Gegenwehr rüsteten — wobei sie mehr Angst hatten, daß die englische Polizei ihnen „zu Hilfe kommen" und sie wegen verbotenen Besitzes von Waffen ins Gefängnis werfen würde, als vor der arabischen Macht selbst — da griffen die Araber zu einem zweiten Mittel: sie überfielen einzelne jüdische Spaziergänger und ermordeten sie. Sie hofften, ganz Palästina in eine solche Atmosphäre der Unsicherheit zu tauchen, daß den Juden das Leben dort anerträglich werden müßte. Kann jemand verlangen, daß angesichts solcher Zustände in Palästina, angesichts des gewaltigen Erstarkens unserer arabischen Gegner, die s..»gar das Kalifat in Mekka einsetzen als äußeres Sinnbild ihrer Macht — daß das Volk V e rtrauen zu seinen Führern, Glauben an die Zukunft Paliistinas und Geld für seinen Aufbau habe? Das Basler Programm ist seinem Wortlaut (nicht seinem Sinn) nach erfüllt: die öffentlichrechtlichen Garantien für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte i n Palästina sind errungen. Nun muß die zweite Epoche der zionistischen Geschichte beginnen: statt einer „Heimstätte in Palästina" müssen wir „Palästina a 1 s Heimstätte" verlangen. Und statt des nichtssagenden Wortes „Heimstätte" klar und deutlich das Wort, das Herzl stets vorgeschwebt hat: den jüdischen Staat. Die Araber sind uns feindlich gesinnt. Wären sie zu einem Frieden bereit gewesen, dann hätte das jüdische Volk auf seinen uralten Traum verzichten müssen; wir hätten Erez Israel preisgegeben und uns mit einer „jüdischen Schweiz" in Palästina zufrieden gegeben — um des Friedens willen. Aber die Araber wollen nicht Frieden. Sie wollen kein jüdisch-arabisches Palästina, sie wollen nur ein arabisches; sie wollen den Kampf. Wcizmann klagte darüber, daß das jüdische Volk seinen Ruf nicht hörte — und die Araber frohlockten, daß die Juden zu schwach seien, Palästina aufzubauen. Wcizmann rief um Hilfe für ein arabisch-jüdisches Palästina, da hörten die Juden nicht. Wird man rufen: bauet den Juden- Staat in Palästina — dann wird das jüdische Volk den Ruf hören und dann wird Palästina aufgebaut werden als hleinistätte für das jüdische Volk — und nicht mehr als „eine" Heimstätte „in" Palästina. I AinAnmiMn chiffonc Deckcnkappensioffc, inicttc, i| a r A Wien. VI. Bezirk/linke Leinenwaren B^m^!~j.>:r^ Kann & med wienzene 40. >m Hofe

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